• Startseite
  • Gesundheit
  • Zweite Corona-Welle: "Wir müssen wachsam bleiben" - Infektiologe Matthias Stoll im Interview

Infektiologe zur zweiten Corona-Welle: “Wir müssen wachsam bleiben”

  • Wegen verstärkter Reisetätigkeit in Deutschland müsse die Entwicklung der Virusausbreitung besonders gut beobachtet werden, sagt der Infektiologe Matthias Stoll.
  • Die seit den Lockerungen aufgetretenen Ausbrüche in Schlachthöfen und anderswo zeigten, dass die Ausbreitungstendenz brisant bleibe.
  • Im RND-Interview erklärt der Experte, was er von der Abnahme der Zahl der Neuinfektionen hält und wieso er im Herbst mit einer zweiten Welle rechnet.
|
Anzeige
Anzeige

Matthias Stoll ist Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt der Experte während der Corona-Pandemie immer wieder komplizierte Sachverhalt aus der Wissenschaft und schätzt die aktuelle Lage ein. Auch diesmal geht es um die Entwicklung der Pandemie in Deutschland, Eindämmungsversuche und die Gefahr eines erneut starken Ausbruchsgeschehens.

Wir lockern - und trotzdem sinken derzeit die offiziell registrierten Infizierten-Zahlen. War alles vielleicht gar nicht so schlimm wie von der Wissenschaft vorhergesagt?

Was wir heute als „R-Zahl“ sehen, reflektiert, was wir vor zehn oder mehr Tagen richtig oder falsch gemacht haben. Anfang Mai standen wir aber ganz am Anfang der Lockerungen. Die Reisetätigkeiten beginnen ja jetzt erst richtig wieder über die Pfingsttage und dann mit Beginn der Ferienzeit. Insofern müssen wir wachsam bleiben.

Wie hoch die R-Zahl ausfällt, hängt übrigens nicht allein von den Neuinfektionen, sondern zunächst vor allem maßgeblich von den Neudiagnosen, also unserer Testbereitschaft, ab. Nur wenn wir weiterhin ausreichend und klug testen, erfassen wir frühzeitig die Infektionen und verhindern dadurch größere Ausbrüche. Die seit den Lockerungen aufgetretenen mehrfachen Ausbrüche in mehreren Schlachthöfen und an anderen Stellen in Deutschland, zeigen an, dass die Ausbreitungstendenz brisant bleibt.

Anzeige
Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Wie erklären Sie sich, dass die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland auf so geringem Niveau bleibt?

Anzeige

Dies ist Hinweis auf eine Angemessenheit der schrittweisen Lockerungen. Man kann aber nicht vorhersagen, dass weitere - bereits jetzt angekündigte - Lockerungen die Infektionszahlen nicht vielleicht doch künftig nach oben anziehen lassen. Aber Vorsicht wegen des Zeitverzugs der Neuinfektionen nach Lockerungen: Wir sollten uns keinesfalls zu früh in falscher Sicherheit wiegen.

Wirken Maßnahmen wie Abstands- und Hygieneregeln besser als erhofft?

Wir haben mit dem Lockdown gesehen, dass Virusgrippe und andere respiratorische Infektionen im März so abrupt wie noch nie zum Ende einer Wintersaison aus Deutschland praktisch komplett verschwunden sind. Mit Covid-19 sahen wir zwar Erfolge, aber sind weit davon entfernt, dass Sars-CoV-2 aus Deutschland verschwunden ist. Insofern war die Wirksamkeit aus meiner Sicht leider nicht besser als erhofft.

Wir können nicht gut im Einzelnen den Effekt abschätzen, was die Mund-Nasen-Bedeckung bewirkt. Oder vielleicht auch nicht bewirkt. Das Social Distancing und die Abstandsregel sind wohl recht wirksame Maßnahmen.

Zweite Corona-Welle könnte im Herbst kommen

Anzeige

Sind Sie angesichts der Zahlen für Deutschland optimistisch, dass ein erneut starker Anstieg des Infektionsgeschehens (Zweite Welle) ausbleibt?

Wir haben den großen Vorteil, dass nun erkennbar die nasskalte Wintersaison zu Ende ist, die respiratorische Tröpfcheninfektionen aller Art stark begünstigt. Leider sind wir weit entfernt von einer Herdenimmunität und haben keine Impfung. Im Herbst könnte es also gut sein, dass wir eine zweite größere Welle erleben. Immer noch bin ich der Meinung, dass man derzeit nicht wirklich vorhersagen kann, ob es wirklich so kommt. Dazu kennen wir das Virus noch nicht lange genug.

Wie sieht Ihre Prognose für die kommenden Wochen und Monate aus? Könnte die Zahl der Infizierten, der Toten und auch der R-Wert, der nun schon ein paar Tage leicht unter 1 schwankt, wieder steigen?

Das mit den täglichen Schwankungen wird vermutlich besser, seit das RKI den neuen „R-7-Wert“ eingeführt hat, der die zufälligen Tageseffekte besser glättet. Es ist keinesfalls auszuschließen, dass mit weiteren Lockerungen auch schon im Laufe des bald beginnenden Sommers die Zahlen wieder steigen könnten. Hier müsste man sorgfältig die Entwicklung beobachten, um - wenn möglich - rasch, konsequent und dann idealerweise lokal begrenzt reagieren.

Zuletzt erklärten Sie, eigentlich könne niemand verbindliche Aussagen darüber treffen, wie sich die Epidemie weiter entwickelt. Stimmt das immer noch - oder wissen wir inzwischen mehr über das Virus und seine Ausbreitung?

Anzeige

Selbst bei Viruserkrankungen, die wir recht gut kennen, zum Beispiel Virusgrippe, Metapneumovirus oder RS-Virus gelingt uns ja meist keine gute Vorhersage über das Ausmaß der nächsten Saison. Wieso sollten wir ausgerechnet für Sars-CoV-2 schon jetzt wissen, was kommen wird? Ich bleibe daher bei der Einschätzung. Vor allem, weil wir tatsächlich immer noch viel zu wenig wissen.

Einige Virologen rechnen im Herbst mit einer „Zweiten Welle”. Wieso erst zu diesem Zeitpunkt? Und wie würde so ein Ausbruchsgeschehen im Herbst aussehen - im Vergleich zum März?

Herbst und Winter sind die Zeit, wo Tröpfcheninfektionen leichteres Spiel haben. Nirgendwo auf der Welt wird in diesem Jahr mit Herdenimmunität zu rechnen sein. Sars-CoV-2 ist inzwischen überall auf der Welt verbreitet. Insofern sind die Voraussetzungen für ein Ausbruchgeschehen im Herbst besonders günstig. Zu Ihrer eigentlichen Frage kann ich nicht mehr beitragen, als Erich Kästner es schon sagte: „Wird’s besser? Wird’s schlimmer?, fragt man alljährlich. Aber seien wir ehrlich, leben ist immer lebensgefährlich.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen