Angst vor zweiter Welle: Welche Lehren haben Kliniken, Geschäfte und Veranstalter aus Corona gezogen?

  • Seit Anfang Mai hat sich die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland auf einem niedrigen Niveau stabilisiert.
  • Die erste Corona-Welle ist überstanden, doch schon wächst in der Bevölkerung die Sorge vor einem zweiten Infektionshoch.
  • Welche Lehren Kliniken, Schulen, Pflegeheime und Geschäfte gezogen haben - und was sie sich künftig wünschen.
Laura Beigel
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Es kann schnell gehen – das zeigt der Blick nach Israel. Eigentlich war die Zahl der Corona-Neuinfektionen dort seit Anfang Mai rückläufig, doch jetzt registrieren die Gesundheitsbehörden wieder deutlich mehr Covid-19-Fälle. Am vergangenen Mittwoch überschritt das Land hinsichtlich der Neuinfektionen sogar die 1000er-Marke, wie aus den Daten der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität hervorgeht. Israel droht eine zweite Corona-Welle.

Drosten warnt: Alarmsensoren wieder einschalten

In einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend gab jeder zweite Befragte an, Angst vor einer zweiten Corona-Welle zu haben. Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, sagen Experten. “Ich denke, wir müssen schon jetzt ganz vorsichtig sein mit der Entwicklung einer zweiten Welle”, mahnte zum Beispiel der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité in seinem NDR-Podcast Ende Juni. “Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht. In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten.”

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Wie können Kliniken, Ärzte und Schulen sich auf eine solche, mögliche zweite Welle vorbereiten? Und welche Rolle spielen dabei die Erfahrungen aus der ersten Welle? Experten und Betroffene berichten, was sie sich wünschen würden.

In den Kliniken: Vorrat an Schutzausrüstungen erweitern

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“Wir sollten als Lehren mitnehmen, dass wir eine bessere Bevorratung von Schutzmaterial und Schutzausrüstung brauchen”, sagt Gerald Gaß, Präsident der deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Krankenhäuser in Deutschland haben die Auswirkungen des Coronavirus als Erste zu spüren bekommen.

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND
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Mehr als 14.000 Covid-19-Patienten mussten nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bislang intensivmedizinisch behandelt werden. Zudem mangelte es im Gesundheitssystem zwischenzeitlich an Schutzausrüstung wie FFP-Masken, die Deutschland schlussendlich zu weiten Teilen aus dem Ausland importieren musste.

Gaß geht zwar davon aus, dass ein ähnlich starker Anstieg der Infektionszahlen wie im Frühjahr ausbleiben wird, trotzdem müssten “wir wieder mehr Klinikbetten für die Behandlung von Covid-19-Patienten vorhalten”.

In der Pflege: Besser Arbeitsbedingungen für das Personal

Durch die Corona-Krise gefordert waren und sind auch weiterhin die Gesundheits- und Krankenpfleger sowie das Pflegepersonal in den Altenheimen. Das zeigt auch eine Studie der Uni Bremen, auf die Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), aufmerksam macht: 60 Prozent aller Corona-Verstorbenen lebten in Pflegeheimen oder wurden von Pflegediensten betreut.

“Die systemrelevanten Pflegefachpersonen müssen, wie es international längst üblich ist und sich bewährt hat, maßgeblich in den Entscheidungsgremien auf allen Ebenen eingebunden werden”, schlussfolgert Bienstein daraus. Sie fordert zudem “nachhaltig gute Arbeitsbedingungen” wie gerechte Löhne und “ein Gleichgewicht zwischen Arbeitsaufkommen und Personalressource”.

Die Geschäfte: Läden trotz Corona-Welle geöffnet lassen

“Sollte es zu einer zweiten Welle kommen, sollte auch mit Blick auf die erfolgreichen Hygienekonzepte auf Schließungen im Handel verzichtet werden”, sagt Stefan Genth, Geschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). “Wenn erneut viele Unternehmen über Wochen schließen müssen, sind viele Händler und am Ende auch viele Innenstädte nicht mehr zu retten.”

Mehrere Wochen lang blieben nicht systemrelevante Geschäfte wie Elektronikmärkte und Modeläden geschlossen. Mitte April durften dann Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern wieder öffnen. “Es muss auf jeden Fall vermieden werden, dass die Öffnung der Läden wieder an der Quadratmeterzahl festgemacht wird und dass es sehr unterschiedliche Regelungen je nach Bundesland gibt”, unterstreicht Genth. “Auch die langen Staus an den Grenzen und schwierige Arbeitsbedingungen für LKW-Fahrer dürfen sich nicht wiederholen. Das bringt Lieferketten unter Stress und ist eine ernste Herausforderung für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit der Bevölkerung.”

Im Tourismus: Schneller auf Ausbrüche reagieren

Auch der Tourismus hat immer noch mit den Folgen der Corona-Krise zu kämpfen. Das Auswärtige Amt hat Mitte Juni zwar die Reisewarnung für die meisten Länder aufgehoben, doch die Reiselust der Deutschen ins Ausland ist begrenzt. Eine aktuelle YouGov-Umfrage im Auftrag der DEVK Versicherungen mit mehr als 2000 Teilnehmern hat ergeben, dass rund die Hälfte der Befragten ihren Urlaub lieber in den eigenen vier Wänden verbringen will. Immerhin 16 Prozent wollen innerhalb der EU verreisen.

Der Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbands (DTV), Norbert Kunz, kritisiert vor allem den Umgang von Bund und Ländern mit den bisherigen Corona-Ausbrüchen: “Bund und Länder müssen sich unverzüglich auf ein abgestimmtes Vorgehen bei neuerlichen Corona-Ausbrüchen verständigen, die Schritte klar und frühzeitig kommunizieren.”

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Reisen trotz Corona: Was muss ich als Urlauber beachten?
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Auch bei Reisen sind Schutzmaßnahmen nötig. Wir erklären, wie sich Urlauber am besten vor einer Infektion schützen.  © RND

Der DTV fordert deshalb eine Taskforce aus Bund, Ländern und touristischen Spitzenverbänden, um schneller und gezielter auf die Ausbrüche reagieren zu können. “Sollte es unkoordiniert weitergehen, könnte das in Folge zu einer weiteren Buchungszurückhaltung bei den Urlaubern führen, die ohnehin schon unter großem Druck stehenden Betriebe belasten und unmittelbar die Jobs ihrer Mitarbeiter gefährden”, sagt Kunz.

Die Veranstalter: Einheitliche Einschränkungen

Arbeitsplätze sind auch in der Konzert- und Veranstaltungsbranche wegen der Corona-Krise in Gefahr. “Solange es noch Abstandsgebote von 1,50 Metern gibt, lassen sich Veranstaltungen wirtschaftlich nicht durchführen”, sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft.

Der Krisenstab des Bundesinnenministeriums und Bundesgesundheitsministerium hatte bereits Anfang März empfohlen, Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen. Um die Gäste gesundheitlich nicht zu gefährden, sagten Veranstalter schließlich auch kleinere Veranstaltungen ab. Jetzt wagen mehrere Bundesländer wie Hamburg einen Schritt, den nicht alle Wissenschaftler befürworten: Unter freiem Himmel, mit festen Sitzplätzen sowie Hygiene- und Abstandsregeln sind in der Hansestadt Veranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmern wieder erlaubt. In geschlossenen Räumen dürfen unter den gleichen Bedingungen bis zu 650 Menschen zusammenkommen.

Für Michow ist das noch keine Rückkehr zur Normalität. Tourneen könnten beispielsweise “nicht auf einem Flickenteppich geplant werden, der in jedem Bundesland andere Verordnungsinhalte parat hält”. Nicht nur sollten die Landesregierungen Verordnungen rechtzeitiger ankündigen, sondern auch einheitliche Einschränkungen definieren. “Ich wünsche mir von den Bundesländern eine interne Abstimmung darüber, unter welchen Bedingungen Veranstaltungen bundesweit stattfinden dürfen”, so Michow.

Die Lehrer: Drei denkbare Szenarien

Vielen Eltern hat insbesondere die Schulsituation in der Corona-Krise Sorgen bereitet. Statt in den Klassenzimmern von den Lehrern unterrichtet zu werden, mussten sich die Schüler mit dem Homeschooling begnügen. Nach und nach konnten dann einzelne Klassen in die Schulen zurückkehren. Auf der Kultusministerkonferenz Mitte Juni erklärten die Minister der Länder, dass sie nach den Sommerferien einen regulären Schulbetrieb anstreben.

“Wir sollten als Lehre ziehen, dass die Politik Entscheidungen treffen sollte, die nicht an Wunschdenken und politischen Überlegungen ausgerichtet sind”, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung. “Vielmehr muss auf die Erfahrung der Lehrkräfte vertraut, ihr Wissen über die praktische Umsetzung von Maßnahmen einbezogen und dementsprechend für unterschiedliche Szenarien Pläne erarbeitet werden.”

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hat sich bereits Gedanken über mögliche Szenarien gemacht:

Szenario 1: Möglichst vollständiger Präsenzunterricht in den Schulen

“Für diese Option müssen die Schulen ein neues, praktikables Hygienekonzept umsetzen, weil die Abstandsregeln dann wegfallen würden”, erläutert Meidinger. Lerngruppen müssten isoliert, Lehrkräfte regelmäßig getestet und die Maskenpflicht erweitert werden. “Außerdem muss das Problem der für den Präsenzunterricht ausfallenden Risikopersonen unter den Lehrkräften gelöst werden.”

Das Statistische Bundesamt ist jüngst zu dem Ergebnis gekommen, dass mehr als ein Drittel der 686.000 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen im Schuljahr 2018/19 älter als 50 Jahre war – und damit zu einer Risikogruppe gehört. Jeder achte Lehrer in Deutschland war 60 Jahre und älter, jeder vierte Lehrer zwischen 50 und 60 Jahre alt. Je mehr Lehrkräfte zu einer Risikogruppe gehören, desto mehr Personal fehlt an den Schulen, um den versäumten Lehrstoff nachzuholen.

Szenario 2: Die zweite Corona-Welle trifft Deutschland

In diesem Fall müssten die Schulen zu einem Wechselbetrieb aus Präsenz- und Distanzunterricht zurückkehren, sagt Meidinger. Dafür müsste die IT-Infrastruktur der Lehranstalten nachgerüstet werden, macht auch Beckmann deutlich: “Der entstandene Druck, die Ausstattung der Schüler und auch der Lehrkräfte jetzt voranzubringen, darf nicht nachlassen.”

Szenario 3: An den Schulen kommt es zu Corona-Ausbrüchen

Dann müssten Kontaktpersonen schnell ermittelt und die Schulen komplett geschlossen werden. “Voraussetzungen, um schnell reagieren zu können, sind regelmäßige Corona-Tests und der Einsatz mobiler Kriseninterventionsteams von Gesundheitsbehörden”, sagt Meidinger. Welches Szenario am Ende auftreten wird, kann man bisher nicht sagen. “Wir wissen nicht, was kommt”, so Beckmann. “Umso wichtiger ist es, gut vorbereitet zu sein und angemessen viel Zeit dafür zu haben, neue Vorgaben umzusetzen.”

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