„Natürlich war das für mich ein Glücksfall“ – zwei Jahre Pandemie aus Sicht des Coronavirus

  • Über das Coronavirus dürfte in den vergangenen zwei Jahren so viel geschrieben worden sein wie über sonst kein anderes Thema.
  • Doch das Virus selbst kommt dabei nur selten zu Wort.
  • Was denkt es über die bisherige Pandemie und sein Verhältnis zum Menschen – ein Brief aus seiner Perspektive.
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„Liebe Menschen,

lassen Sie mich eines gleich am Anfang festhalten: Das hier ist nichts Persönliches zwischen uns. Sie sind mir völlig egal. Wirklich.

Ich weiß, dass sich Ihre Gedanken in den vergangenen zwei Jahren fast ausschließlich um mich gedreht haben, aber Ihr ganz persönliches Schicksal berührt mich nicht. Sie sind nur ein Mittel zum Zweck. Ich will mich verbreiten, überall, so weit es geht. Was das mit Ihnen macht, könnte mir nicht egaler sein. Meistens bin ich schon längst weitergezogen, bevor Sie überhaupt mitbekommen, dass ich da war.

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Ehrlicherweise finde ich es auch ein wenig befremdlich, wie Ihre Spezies inzwischen auf mich schaut. Ich erfülle streng genommen ja nicht einmal die Kriterien, um in Ihren Augen ein Lebewesen zu sein. Nun werde ich plötzlich mit zahlreichen menschlichen Attributen versehen: Ich bin böse, ich bin gemein, ich bin ein Bösewicht. So habe ich das nie gesehen. Denn das ausgerechnet ich bei Ihrer Spezies gelandet bin, das war im Grunde Zufall.

So schnell so weit gekommen ist noch niemand vor mir

Ich will nicht lügen. Natürlich war das für mich ein Glücksfall. Besser hätte es kaum laufen können. Unter meinen Verwandten bin ich inzwischen der Star. Absoluter Rekordhalter. So schnell so weit gekommen ist noch niemand vor mir. Dafür muss ich mich bei Ihnen bedanken. Gäbe es eine Preisverleihung für Viren, ich könnte fast verleitet sein, Sie in meiner Dankesrede hervorzuheben. Hmh … na gut. Vielleicht sind Sie mir in den vergangenen zwei Jahren ja doch ein wenig ans Herz gewachsen. Nicht Sie als Einzelperson, aber Ihre Spezies. Wir haben ja auch schon viel gemeinsam erlebt. Uns aneinander gewöhnt und angepasst.

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Aber bitte, lassen Sie uns ein für alle mal klarstellen: Das alles hier war einzig und allein mein Verdienst. Es ist wirklich keine schöne Angewohnheit von euch Menschen, immer jeden Erfolg für sich selbst reklamieren zu wollen. Als wäre ich nicht in der Lage gewesen, ganz allein und in mühevoller Arbeit meinen eigenen, wunderbaren Code zu kultivieren. Genetisch hergestellt! Im Labor! Dass ich nicht lache. Eine Frechheit, diese Behauptung. Als wäre ich darauf angewiesen. Ich bin das Produkt der jahrelangen Arbeit meiner Vorgänger, von der Sie sogar vermutet hatten, dass sie stattfindet. Trotzdem haben Sie mich nicht kommen sehen.

Nichts war auf mich vorbereitet

Ich verrate natürlich nicht genau, wie ich entstanden bin. Das müssen Sie schon selbst herausfinden. Aber sagen wir es mal so: Das mit den Fledermäusen ist gar keine schlechte Idee. Wir Viren mögen Fledermäuse. Das sind wirklich ganz wunderbare Tiere. Ich will nicht zu viel verraten, aber an Ihrer Stelle würde ich da künftig wirklich genauer drauf achten. Wir wollen ja nicht, dass sich der ganze Zauber mit einem meiner Verwandten bald wiederholt, oder?

Als ich das erste Mal auf einen Menschen getroffen bin, war nichts vorbereitet, keine fertigen Antikörper, keine vorbereitete T- oder B‑Zelle in Sicht. Natürlich habe ich da sofort meine Chance gewittert, ich bin ja nicht dumm. Ihr Menschen seid in der Virencommunity berühmt und berüchtigt. Der ultimative Nervenkitzel. Einerseits sind Menschen so herrlich mobil. Gelingt es dir, die Menschen zu infizieren, dann steht dir plötzlich die Welt offen, heißt es unter Viren. Du kommst aus einer dunklen, dreckigen Fledermaushöhle? Egal, jetzt geht es ab nach Dubai, nach Hongkong, nach Deutschland und in die Südsee. Und gleichzeitig ist dir währenddessen immer klar: Sobald du entdeckt wirst, wird deine Aufgabe deutlich schwerer. Keine Spezies hat die Macht, Viren so zuzusetzen, wie die Menschen. Sie müssen es nur wollen.

Sie hätten mir am Anfang noch ein bisschen mehr Zeit geben können

Ich denke gern an meine ersten Tage auf dem Tiermarkt in Wuhan zurück. So viele Menschen. Zack, zack, zack – kaum war der eine infiziert, schwebte ich schon durch die Luft zum nächsten. Ich kann das kaum beschreiben: Auf einen völlig unvorbereiteten Wirt (entschuldigen Sie die Wortwahl, es ist Ihre eigene) zu stoßen – das fühlte sich richtig gut an. Bis Ihren Doktoren, Wissenschaftlerinnen und Ärzten klar war, dass hier was nicht stimmt, war ich schon längst unterwegs in die Welt. Ich finde zwar, Sie hätten mir am Anfang noch ein bisschen mehr Zeit geben können. Aber es hat ja dann doch gereicht, nicht wahr?

Ach, dieses Schwelgen in Erinnerungen macht mich doch ein bisschen sentimental. Wollen wir nicht lieber Du sagen? Wenn man bedenkt, wie fremd wir uns damals waren und wie gut wir uns inzwischen kennen – So viel gemeinsame Geschichte kann man doch nicht ignorieren.

Ich nehme dafür aber nur einen Teil der Schuld auf mich

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Aus meiner Sicht hätten wir es auch einfach dabei belassen können. Ich komme, mache mein Ding und haue dann wieder ab. Aber leider sieht das euer Immunsystem ein bisschen anders. Für die Probleme, die euch aus einem Besuch von mir entstehen, nehme ich aber nur einen Teil der Schuld auf mich. Klar, es wäre jetzt gelogen zu sagen, ich richte in euren Zellen keinen Schaden an. Aber dass euer Immunsystem völlig durchdreht und euch krank macht oder gar umbringt, war eigentlich nicht meine Absicht. Ich habe davon auch gar keinen Vorteil. Es hätte mir vielleicht auch gereicht, nur ein bisschen Zeit in eurem Rachen zu verbringen.

Da das Wohlergehen meiner Art auch mein oberstes Ziel ist, kann ich verstehen, dass ihr nicht tatenlos geblieben seid. Ich nehme euch das nicht übel. Zwar fand ich es ein wenig übergriffig, als ihr mich das erste Mal in meine Einzelteile zerlegt habt. Inzwischen bin ich das aber gewohnt. PCR-Tests, Genomanalysen, das schockt mich nicht mehr. Aber natürlich hat es den Druck auf mich nur erhöht. Dass ihr meinen Code so schnell entschlüsselt habt, hat mich etwas aus der Bahn geworfen. Auch das mit den Masken habt ihr irgendwann kapiert, klar. Das hatte ich nicht anders erwartet. Ich denke, ich verrate daher auch nichts, was ihr nicht eh nicht schon begriffen habt, wenn ich sage: Je mehr Platz ihr zwischen euch lasst, desto schwerer fällt es mir, mich weiter zu verbreiten. Je weniger von euch an einem Ort sind, desto weniger kann ich in einem Rutsch besuchen.

Was ich dagegen gar nicht verstehe, ist, warum euch diese simplen Regeln teilweise so schwer fallen. Aber gut, ich bin vergleichsweise einfach gebaut. Ein bisschen genetischer Code, mehr macht mich ja nicht aus. Ich treffe keine Entscheidungen, ich tue einfach, was sich anbietet. Vielleicht wird ein solches Verhalten schwieriger, wenn man selber komplexer wird?

Ich bin kein Bösewicht, sondern nur das Produkt meiner Natur

Deshalb freue ich mich auch jedes Mal, wenn ich euch – ach so komplexe – Lebewesen überraschen kann. Wirklich. Ich meine, ihr habt doch tatsächlich gedacht, die Impfstoffe würden alles schnell beenden. Gut, kurzzeitig dachte ich das auch. Die meisten meiner Virenverwandten hatten für ihre Mission deutlich mehr Zeit, bevor ihr euren Immunsystemen den entscheidenden Vorteil gewähren konntet. Ich dagegen hatte nur ein einziges Jahr! Ich finde das fast schon ein bisschen unfair. Verdammte mRNA.

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Die Omikron-Variante ist mittlerweile in allen Bundesländern angekommen.  © dpa

Aber so einfach war es dann doch nicht, mich loszuwerden. Weil ihr, wieder einmal, eine ganz simple Regel nicht verstanden habt. Wenn etwas ganz eindeutig die beste Lösung ist, dann setzt man sie auch um. Beklage ich mich etwa, weil mittlerweile von meiner Urform kaum noch jemand übrig geblieben ist? Nein, Cousine Delta war einfach besser. Also hat sie das Geschäft übernommen. Und sobald Omikron irgendwo auftaucht, übergibt Delta widerspruchslos die Schlüssel. Weil wir immer das tun, was für uns alle am Besten ist. Euch dagegen konnte ich in den vergangenen zwei Jahren beim Streiten, Diskutieren, Lügen und Zaudern zuschauen. Und auf einmal war der Impfstoffvorteil geschrumpft.

Ich bin kein Bösewicht, sondern nur das Produkt meiner Natur. Meine Mission ist klar. Sie hat sich nie geändert. Ich werde immer weiter und weiter machen, solange ihr mich lasst. Je weniger Menschen geimpft sind, desto besser. Ich beschwere mich da nicht. Aber ihr, ihr seid doch angeblich die intelligenteste Lebensform, die die Evolution je geschaffen hat. Kann es da wirklich sein, dass euch ein so kleines Virus, wie ich es bin, auch noch im dritten Jahr in die Knie zwingt? Wollt ihr euch das wirklich weiter gefallen lassen?“

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