Zeit für mehr Miteinander

  • Seit mehr als einem Jahr prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie geht es nun weiter?
  • Das Autorenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt Wege in den postpandemischen Alltag.
  • In dieser Woche: ungemütliche Prognosen für den Herbst.
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Liebe Leserinnen und Leser,

ich war vor Kurzem mit dem Zug unterwegs, als ich auf eine Dame in meinem Abteil aufmerksam wurde. Sie war vielleicht Ende 50, trug ein gelbes T-Shirt zu einer beigefarbenen Leinenhose, hatte ihre krausen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und roten Lippenstift aufgetragen. Roter Lippenstift? Es dauerte ein paar Minuten, bis mir auffiel, dass sie gar keinen Mund-Nasen-Schutz trug, wie es eigentlich in den Zügen vorgeschrieben ist. Ausgerechnet sie saß auch noch unter einem roten Plakat, das auf die Corona-Regeln (darunter auch die Maskenpflicht) hinwies und das mit dem Hashtag #füreinander warb.

Alle Passagiere im Umkreis hatten ihre Nasen und Münder mit einer Maske bedeckt, nur sie saß ohne da. Für mich war die Situation irgendwie ein Sinnbild der Corona-Krise. Während zu Beginn der Pandemie die meisten Menschen darauf geachtet haben, Abstand zu halten und Masken zu tragen, gibt es jetzt doch viele, die nachlässig werden. Doch warum? Auch bei der Dame im Zug habe ich mich gefragt, warum sie bewusst auf den Mundschutz verzichtet und damit riskiert hat, dass sie sich selbst und andere ansteckt. War sie schon geimpft und dachte, sie sei nun vollkommen immun gegen das Virus? Glaubte sie, dass es Corona nicht gibt? Oder hatte sie einfach keine Lust, eine Maske aufzusetzen?

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Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Die anderen Fahrgäste schien das Verhalten der Frau wenig zu stören. Alle waren in ihre Smartphones vertieft und hatten vermutlich nicht einmal mitbekommen, dass ihre Sitznachbarin keinen Mundschutz trug. Oder es war ihnen einfach egal. Mich störte es jedenfalls. Denn seien wir ehrlich: Eine Maske zu tragen, tut niemandem weh. Gleiches gilt für das Abstand halten.

Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum man diese simplen Schutzmaßnahmen ablehnt. Es ist der harmloseste Weg, das Coronavirus unter Kontrolle zu bringen. Und wie es aussieht, werden uns diese Regeln noch eine ganze Weile begleiten. Angesichts steigender Infektionszahlen und einer vierten Corona-Welle dürften sie jetzt wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Das Miteinander muss also Priorität haben. Womit Expertinnen und Experten in den kommenden Wochen rechnen, lesen Sie in diesem Newsletter.

Bleiben Sie zuversichtlich!

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Laura Beigel

PS: Eine Zugbegleiterin wies die Dame schließlich auf ihren fehlenden Mundschutz hin, woraufhin diese murrend eine knittrige Maske aus ihrer Tasche zog. Am nächsten Morgen traf ich die Frau wieder im Zug an – ohne Mundschutz.

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Erkenntnis der Woche

Zu Beginn war die Impfbereitschaft in Deutschland groß, die Impfquote stieg innerhalb kurzer Zeit rasch an. Doch mittlerweile geht es nur noch schleppend voran. Impfstoffe gibt es zur Genüge, dafür mangelt es an Impfwilligen. Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) kündigte am vergangenen Wochenende an: „Geimpfte werden definitiv mehr Freiheiten haben als Ungeimpfte.“ Sollten die Corona-Fallzahlen weiter steigen, müssten Menschen ohne Impfung mit Einschränkungen rechnen. „Das kann auch bedeuten, dass gewisse Angebote wie Restaurant-, Kino- und Stadionbesuche selbst für getestete Ungeimpfte nicht mehr möglich wären, weil das Restrisiko zu hoch ist“, sagte Braun der „Bild am Sonntag“.

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Einschränkungen für Nicht-Geimpfte zukünftig möglich
1:39 min
Einige Politiker gehen davon aus, dass Nicht-Geimpfte zukünftig Einschränkungen befürchten müssen, besonders Großveranstaltungen stehen auf dem Prüfstand.  © dpa

Schon jetzt genießen Geimpfte mehr Freiheiten als Ungeimpfte. Zum Beispiel entfällt für geimpfte Reisende, die aus Risikogebieten nach Deutschland einreisen, die Quarantänepflicht. Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz weiterhin zunehmen, könnte bald auch wieder eine Testpflicht im Einzelhandel oder beim Friseur eingeführt werden, von der Geimpfte ebenfalls befreit wären. „Es ist klar, dass da, wo als Zugangsberechtigung Schnelltests erwartet werden, Geimpfte und Genesene diese Tests nicht beibringen müssen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schon im April.

Andere Länder reagieren auf die sinkende Impfbereitschaft zum Teil mit einer Impfpflicht oder Impfanreizen. So hat Frankreich beispielsweise verpflichtende Impfungen für das medizinische Personal angeordnet. In Griechenland erhalten hingegen alle Impfwilligen im Alter von 18 bis 25 Jahren ein elektronisches Guthaben in Höhe von 150 Euro auf ihr Konto oder auf die Kreditkarte. Auch hier gibt es Privilegien für Geimpfte: Nur sie sind in Kinos und Theatern willkommen.

Pandemie in Zahlen

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Alltagswissen

Wegen einer Sicherheitslücke hatte der Apothekerverband die Ausstellung von Corona-Impfzertifikaten in der vergangenen Woche gestoppt. Seit Montag ist der digitale Nachweis nun wieder in den Apotheken erhältlich, allerdings läuft der Neustart nur schrittweise. Wer nicht darauf warten möchte, bis die Apotheke vor Ort das Zertifikat wieder ausstellen kann, könne sich zum Beispiel an die Arztpraxen und Impfzentren wenden, schreibt meine Kollegin Kristina Auer. Einige Praxen bieten das Erstellen des digitalen Impfpasses sogar per Onlinesprechstunde an. Impfzentren in Berlin und Bayern stellen das Dokument nachträglich zum Download bereit. Das Robert Koch-Institut weist ferner darauf hin, dass die notwendigen QR-Codes zum Einscannen in allen Bundesländern auch per Post zugesendet werden.

Zitat der Woche

Das ist ja keine Sintflut, die über uns kommt und an der wir nichts ändern können. Wir haben selbst in der Hand, was passiert. Deswegen müssen wir schauen, dass wir diesen Sommer nicht wieder verschlafen wie den letzten Sommer.

Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes

Forschungsfortschritt

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mRNA- und Vektorvakzine haben sich inzwischen im Kampf gegen das Coronavirus etabliert. Aber auch andere Impfstofftypen könnten bald in Europa zugelassen werden. RND-Autorin Irene Habich hat sich die neuen Wirkstoffe, die eine Alternative zu den Genimpfstoffen darstellen könnten, genauer angeschaut. So arbeiten das US-Pharmaunternehmen Novavax, der französische Pharmakonzern Sanofi und das britische Unternehmen GlaxoSmithKline etwa an Proteinimpfstoffen. Diese enthalten synthetisch hergestellte Spikeproteine des Virus, die zu Nanopartikeln zusammengesetzt wurden, sowie Zusatzstoffe, die die Wirksamkeit verstärken sollen (Adjuvantien).

Die chinesische Firma Sinovac Life Sciences setzt hingegen auf einen Totimpfstoff, der inaktivierte Coronaviren enthält, die das Immunsystem anregen sollen. Die klinischen Studien der Vakzine stimmen optimistisch, wenngleich noch einige Fragen offen sind. Zum Beispiel wenn es um den Schutz vor der Delta-Variante geht.

Pandemie im Ausland

Großbritannien hat am 19. Juli nahezu alle Corona-Regeln gelockert, obwohl im Land die ansteckende Delta-Variante zirkuliert. Seitdem herrscht Chaos im Vereinigten Königreich: Zahlreiche Supermarktregale sind leer gefegt, Mülleimer quellen über, Lieferketten drohen zusammenzubrechen. Britische Medien bezeichnen den Zustand auf der Insel als „Pingdemic“, eine Kombination aus den Wörtern „Ping“ (übersetzt: Klingeln) und „Pandemic“. Das Klingeln steht in diesem Zusammenhang für eine Benachrichtigung der Covid-App des britischen Gesundheitsdienstes NHS, die auf eine kurzzeitige Begegnung mit einer infizierten Person hinweist.

Die leeren Supermarktregale in Großbritannien sind keinen Hamsterkäufen geschuldet, sondern personellen Engpässen. © Quelle: @hapg86/PA Media/dpa

Schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen wurden in der Woche vom 8. bis 15. Juli aufgefordert, sich selbst zu isolieren, weil sie entweder an Covid-19 erkrankt waren oder als enge Kontaktperson von Infizierten „gepingt“ wurden. In vielen Branchen ist es daraufhin zu Personalausfällen gekommen, die für das Chaos verantwortlich sind. Die britische Regierung hat nun für einige Berufsgruppen wie Zugführerinnen und Zugführer oder Feuerwehrleute die Corona-Quarantäne-Regeln gelockert.

Was kommt

Das Robert Koch-Institut (RKI) ist sich sicher: „Die vierte Welle hat begonnen.“ Ausgelöst wurde sie von der zuerst in Indien nachgewiesenen Delta-Variante, die in Deutschland inzwischen vorherrschend ist. Bis zum Herbst eine Herdenimmunität zu erreichen, die vor einem weiteren Anstieg der Infektionszahlen schützt, sei nicht realistisch, heißt es in einem aktuellen Leitfaden der Behörde. Sie geht auf der Basis von Modellierungen davon aus, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Corona-Intensivpatienten sowie die Sieben-Tage-Inzidenz bis Oktober erst langsam und dann schneller steigen werden. Um die Belastungen für das Gesundheitswesen klein zu halten, rät das RKI, schon jetzt Präventionsmaßnahmen zu ergreifen.

Zum einen sollen Ausbrüche in Schulen, Kitas und Alten- und Pflegeheimen mithilfe einer systematischen Teststrategie verhindert werden. Dabei sollen sogenannte Pool-PCR-Testungen zum Einsatz kommen. Auch Boosterimpfungen für hochbetagte Menschen müssten vorbereitet werden, schreibt das RKI in seinem Leitfaden. Zum anderen sollte die AHA+A+L-Regel (also Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske, Corona-Warn-App, Lüften) weiterhin beherzigt werden. Sie könnte noch bis zum Frühjahr kommenden Jahres Bestandteil der Pandemiebekämpfung bleiben.

Was die Pandemie leichter macht

Lachen ist immer noch die beste Medizin. © Quelle: Jamie Brown/Unsplash

Lachen ist Hochleistungssport für unseren Körper. Es aktiviert zahlreiche Muskeln vom Gesicht bis zum Bauch und verbessert gleichzeitig die Sauerstoffversorgung. Auch auf den Geist wirkt sich das Lachen positiv aus. Wer viel lacht, hat eine positivere Grundstimmung, kann negative Gedanken loswerden und baut Stresshormone ab, erklärt Alexander Lerchl, Professor für Biologie und Ethik an der Jacobs University in Bremen. Gemeinsames Lachen mit Freunden oder der Familie stärkt zudem soziale Bindungen. Und mehr zu lachen lässt sich sogar trainieren, zum Beispiel mit lustigen Filmen, Büchern oder mit Lachyoga.

Was neben Corona sonst noch wichtig ist

Für rund 20 Millionen Menschen in Deutschland steht die Arbeit an erster Stelle. Sie können sich nur schwer von ihren Tätigkeiten lösen, sitzen oftmals stundenlang im Büro und arbeiten teilweise sogar in ihrer Freizeit. Sie sind arbeitssüchtig, sogenannte Workaholics. Meine Kollegin Alice Mecke hat mit dem Psychologen und Suchtexperten Stefan Poppelreuter darüber gesprochen, ab wann eine solche Arbeitssucht zur Gefahr wird. Seiner Ansicht nach sind Workaholics in allen Branchen, Arbeitsverhältnissen und Generationen zu finden. Besonders gefährdet seien jedoch Berufsgruppen wie Kranken- und Altenpflegerinnen und -pfleger, Sozialarbeitende sowie Personen in der Forschung und Entwicklung. Um die Sucht zu überwinden, rät Poppelreuter, Phasen der Entspannung einzulegen oder sich selbst die Regel aufzuerlegen, nicht mehr als zehn Stunden am Tag zu arbeiten. Auch in Selbsthilfegruppen können Betroffene Hilfe finden.

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