Zeckenalarm: RKI meldet Zunahme an FSME-Fällen

  • Die Zahl der FSME-Erkrankungen ist in der diesjährigen Zeckensaison höher als sonst, meldet das Robert-Koch-Institut.
  • Experten vermuten einen Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie und klimatischen Veränderungen.
  • Außerdem macht sich das Virus auch in Naturherden in Norddeutschland breit.
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Die Zahl der FSME-Erkrankungen in der Zeckensaison ist in diesem Jahr höher als sonst. Das geht aus aktuellen Meldezahlen des Robert-Koch-Instituts hervor (Stand: 7. September). Demnach wurden bereits 535 Fälle übermittelt – 14 Prozent mehr als die 468 beobachteten Fälle im gleichen Zeitraum 2018, dem Jahr mit der in Deutschland bislang höchsten registrierten Zahl von FSME-Fällen.

Parasitologen gehen davon aus, dass es bis Ende des Jahres einen neuen Rekord geben wird. “Es ist davon auszugehen, dass wir zum Ende der Zeckensaison einen neuen Höchststand an FSME-Fällen erreichen werden”, sagte Prof. Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie der Universität Hohenheim, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). In den letzten drei Jahren habe es immer mehr Fälle gegeben, ein Trend, der sich auch in Zukunft fortsetzen könne.

Corona-Pandemie: Zecke und Mensch treffen öfter aufeinander

Seit 2001 ist FSME eine meldepflichtige Erkrankung. Sie steht für Frühsommer-Meningoenzephalitis. Die Krankheit wird durch ein Virus verursacht, das durch Zecken auf den Menschen übertragen wird. Genauer: durch einen Stich des Gemeinen Holzbocks. Wissenschaftler nennen den Parasiten Ixodes ricinus. Diese Zeckenart ist in Deutschland am stärksten verbreitet – und kommt mit Blick auf die Zahlen inzwischen wohl häufiger in Kontakt mit Menschen.

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Die Ursachen für den FSME-Anstieg sind vielfältig. In dieser Zeckensaison hängt das vermutlich auch mit der Corona-Pandemie zusammen. “Bedingt durch die empfohlenen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 verbringen die Menschen möglicherweise ihre Freizeit auch häufiger im Freien und haben somit ein erhöhtes Expositionsrisiko”, heißt es im aktuellen RKI-Bericht. Der Gemeine Holzbock zählt zu den Lauerzecken, wartet also im Grünen und hauptsächlich auf Bodenhöhe und nicht höher als 150 Zentimeter auf seinen Wirt.

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Zecken: Große Gefahr im kleinen Körper
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Neue Risikogebiete, steigendes Infektionsrisiko, längere Aktivität – 2020 wird abermals ein gutes Jahr für Zecken.  © RND
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Die These, dass die Menschen wegen den Corona-Schutzmaßnahmen vermehrt in den von Zecken besetzten Naturherden unterwegs sind, stützt auch Parasitologin Mackenstedt. Zudem vermutet sie, dass dieses Jahr mehr Menschen aus nördlichen Bundesländern in FSME-Risikogebieten im Süden unterwegs waren, weil sich viele für einen Urlaub innerhalb Deutschlands entschieden haben.

Eine weitere Ursache für den Anstieg könnte die Anzahl der Zecken sein. Darüber, wie viele hierzulande unterwegs sind, gibt es nur Schätzungen. Proben an mehreren Orten haben laut RKI ergeben, dass dieses Jahr vergleichsweise viele Tiere unterwegs sind, was die Wahrscheinlichkeit eines Zusammentreffens mit dem Menschen im Freien noch erhöht. Zudem scheint ein Großteil der winzigen Tiere das Erwachsenenstadium zu erreichen. Das Problem dabei: Je älter eine Zecke wird, umso mehr Viren trägt sie im Körper und umso höher wird auch die Viruslast durch FSME.

FSME-Herde nicht nur in Baden-Württemberg und Bayern

Wer sich infolge eines Zeckenstiches mit FSME ansteckt, leidet nach einer Inkubationszeit von in der Regel zwischen sieben und 14 Tagen häufig unter Grippesymptomen. Ein großer Teil der Infektionen, zwischen 70 und 95 Prozent, verläuft laut Robert-Koch-Institut jedoch asymptomatisch. Bei schwereren Verläufen können auch gefährliche Entzündungen im Gehirn, neurologische Ausfälle und lange andauernde Kopfschmerzen entstehen.

Das Risiko, sich durch einen Zeckenbiss mit FSME zu infizieren, fällt regional unterschiedlich aus. Seit Jahren gibt es ein Gefälle zwischen Nord und Süd. Auch in diesem Jahr: Laut RKI sind bisher die meisten Fälle in Baden-Württemberg (270) und Bayern (207) aufgetreten, also insgesamt 89 Prozent der übermittelten Infektionen. Im Vergleich zum Vorjahr steigen die Fallzahlen in Baden-Württemberg deutlicher als in Bayern.

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Klimakrise bringt Zecken in den Norden

Zeckenforscherin Mackenstedt geht allerdings davon aus, dass die Veränderungen durch die Klimakrise Einfluss auf Zeckennaturherde haben, da der Gemeine Holzbock empfindlich auf Trockenheit reagiert. Die Folge: Zecken werden wahrscheinlich bald das ganze Jahr über aktiv sein, nicht nur von Frühjahr bis Herbst. Sie wandern auch höher in die Berge und weiter nach Norden. Neben den vom RKI ausgewiesenen Risikogebieten steigt dadurch auch anderswo die Wahrscheinlichkeit, dass FSME-infizierte Zecken unterwegs sind. “Wir wissen nicht genau, wo diese Naturherde sind", betont Mackenstedt.

Erste Signale dafür gibt es bereits: Aktive Zecken werden bereits im Januar bemerkt. 2019 wurde erstmals das Emsland in Niedersachsen als FSME-Gebiet gekennzeichnet. Im Februar 2021 werden die ausgewiesenen FSME-Risikogebiete das nächste Mal aktualisiert. Die folgende Karte zeigt vom RKI ausgewiesene Risikogebiete in Deutschland mit Stand 20. Februar:


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Schutz vor FSME durch Impfen und richtige Kleidung

Wer in die Natur geht, sollte deshalb lange, helle Kleidung tragen und Socken über die Hose ziehen, um Zeckenstiche zu vermeiden. Wer viel in der Natur unterwegs ist, solle den Körper regelmäßig absuchen. “Es empfiehlt sich auch eine FSME-Impfung”, sagt Mackenstedt. Die Impfquote gegen FSME sei bislang gerade in Norddeutschland sehr niedrig.

In der Regel sind drei Impfungen notwendig, um den vollen Impfschutz zu erreichen. Der Impfschutz hält laut Ständiger Impfkommission mindestens drei Jahre. 99 Prozent der Geimpften könnten mit einem vollständigen Schutz vor FSME rechnen. Eine Impfung empfiehlt sich laut RKI, wenn jemand in Risikogebieten gegenüber Zecken exponiert ist, im Bereich Forst und Landwirtschaft arbeitet oder in FSME-Risikogebiete reist. Eine reisemedizinische Beratung geben Tropeninstitute, auf FSME spezialisierte niedergelassene Ärzte und teilweise die Gesundheitsämter.






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