Zahlreiche Rückfälle: Corona-Krise erschwert Arbeit der Suchthilfe

  • Die seit Wochen geltenden Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie sind für jeden eine psychische Belastung.
  • Besonders hart trifft die Situation jedoch Suchtkranke, die nun häufiger einen Rückfall erleiden.
  • Auch die Beratungsstellen mussten ihr Angebot an die neuen Bedingungen anpassen.
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Frankfurt/Hofheim/Kassel. Junkies hantieren mit Spritzbesteck auf offener Straße: Die Corona-Krise hat die Drogenszene im Frankfurter Bahnhofsviertel noch sichtbarer gemacht als sonst. Dabei sind die zwischen 200 und 400 Menschen, die sich derzeit regelmäßig dort aufhalten, nach Angaben des Gesundheitsdezernats weniger als früher: "Drogenabhängige haben wie andere Menschen auch Angst, sich bei anderen anzustecken." Dies führe dazu, dass einige zuhause, auf der Straße oder an anderen Orten konsumierten. "Damit steigt das Risiko, dass im Fall einer Überdosierung schnelle Hilfe fehlt."

Corona-Krise macht Elend sichtbar

Gerade in den ersten Wochen des Lockdowns wirkte die Stimmung im Viertel vielfach aggressiver, als Einrichtungen der Suchthilfe den Zugang beschränken mussten, um Abstandsregeln einhalten zu können. Beschwerden von Anwohnern und Geschäftsleuten sind nach Angaben der Stadt gestiegen. Das Drogenelend falle mehr auf in einer Zeit, in der sich insgesamt deutlich weniger Menschen im Bahnhofsviertel aufhielten. Abhängige, die sich früher in entlegenen Ecken der S-Bahn-Stationen einen Schuss setzten, sieht man heute auch an der Straßenbahnhaltestelle beim Drogenkonsum.

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Bei der Kriminalität machte sich das nach Angaben einer Polizeisprecherin übrigens nicht bemerkbar: Sowohl Ladendiebstahl als "klassische Beschaffungskriminalität" als auch Taschendiebstahl oder Straßenraub wurden kaum gemeldet. Schließlich hatten viele Geschäfte geschlossen, Touristen blieben aus.

Beratungsstellen passen ihr Angebot an

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Erreichbar seien die Drogenberatungsstellen auch während des Lockdowns geblieben, betonte der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Dabei sei auch auf Online- oder Telefonberatung umgestellt worden. Zukünftig solle das Beratungsangebot um diese Angebote erweitert werden. Für diejenigen, die nicht nur drogenabhängig sind, sondern auch auf der Straße leben, ist das allerdings keine Option. Daher hatten Sozialarbeiter gefordert, Hotelzimmer für diese Menschen zur Verfügung zu stellen. Derzeit gibt es solche Angebote nur für Corona-Infizierte.

Das sichtbare Elend im Bahnhofsviertel ist nur die Spitze des Eisberges. Denn Lockdown und Kontaktbeschränkungen haben die Arbeit mit Süchtigen in ganz Hessen erschwert: Es seien nahezu alle Bereiche betroffen – in sehr unterschiedlichem Maß, sagte Wolfgang Mazur, Leiter des Zentrums für Jugendberatung und Suchthilfe im Main-Taunus-Kreis. Das Zentrum hat durch seine Angebote Kontakt zu mehreren Tausend Menschen.

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Durch die Krise seien die Klienten zunächst stark verunsichert gewesen, ob überhaupt Beratung stattfinde. Die gab es durchgehend – sowohl persönlich mit Sicherheitsabstand als auch über Telefon und Video. Letztere seien gut angenommen worden, erklärte Mazur. “Es hat sich aber auch gezeigt, dass das nicht ausreicht.” Das Problem an Telefon- und Videoanrufen sei: “Man sieht es nicht sofort, wenn jemand einen Rückfall hat.”

Corona-Ängste führen vermehrt zu Rückfällen

Doch gerade in der Corona-Krise ist das wichtig. "Die höheren Belastungen haben zu mehr Rückfällen geführt." Die Pandemie habe bei Klienten die Unsicherheit verstärkt und Ängste ausgelöst. Ein Teil habe Mehrfacherkrankungen und gehöre zur Covid-19-Risikogruppe. Kam es zu Rückfällen, standen die Helfer vor Problemen: "Wir hatten Schwierigkeiten, Entgiftungsplätze zu bekommen, weil die Kliniken sich auf den Ansturm der Corona-Patienten vorbereitet haben."

Durch den Druck wurden laut Mazur mehr Suchtmittel konsumiert. Eine Welle von neuen Klienten habe es aber nicht gegeben. Die Krise habe zunächst die getroffen, die ohnehin in Beratung oder Behandlung seien.

Keine Experimente wurden im Main-Taunus-Kreis bei der Substitution gemacht. Dabei bekommen Süchtige Ersatzstoffe wie Methadon. Es sei klar gewesen: "Wir müssen die sehen." Denn die Besuche würden auch für Gespräche mit Sozialarbeitern genutzt.

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Hygienebestimmungen bereiten Kontaktläden Probleme

Termine vereinbaren, neue Hygieneregeln einhalten – das sei für Drogenabhängige ungewohnt und schwierig, sagte Angela Waldschmidt, Geschäftsführerin der Drogenhilfe Nordhessen. Diese betreut rund 1000 Menschen. Die deutlichsten Auswirkungen der Corona-Krise seien im Café Nautilus in Kassel zu spüren. Der Kontaktladen dient als Anlaufstelle und Brücke zu anderen Hilfsangeboten. Dort können Süchtige trotz Pandemie weiter saubere Spritzen und Post abholen, ihr Schließfach leeren oder als Wohnungsloser duschen.

Doch die Nutzungsregeln sind strenger geworden worden und der Café-Betrieb steht still. Das wirke sich bei Klienten aus, die allein wohnten. "Es gibt die eine oder andere Person, die uns entgleitet, zu der der Kontakt abreißt", erklärte Waldschmidt. Früher hätten diese Leute das Nautilus besucht.

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Finanziell wirkt sich die Krise dagegen nur begrenzt auf die Suchthilfen aus. Das Geld kommt meist von Kommunen, Kreisen und dem Landeswohlfahrtsverband. "Die haben zugesichert, dass sie ihre Leistungen weiter so zahlen", sagte Waldschmidt. Das sei ein Glück, denn "sonst wären wir schnell nicht mehr existent".

RND/dpa

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