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Immer mehr Corona-Tote: Besseren Schutz von Risikogruppen gefordert

  • Weil immer mehr ältere Menschen erkranken, ist die Zahl der Corona-Todesfälle in Deutschland so hoch wie noch nie.
  • Die Politik habe versäumt, sich um den Schutz der Risikogruppen zu kümmern, kritisieren Experten.
  • Dieser sei aber das einzige Mittel, um schwere Verläufe und Todesfälle dauerhaft zu verhindern.
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Hannover. Wie lässt sich verhindern, dass immer mehr Menschen an einer Infektion mit dem Coronavirus versterben? Für die Politik ist die Antwort offenbar klar: Kanzlerin Angela Merkel warb am Mittwoch im Bundestag für einen neuen, harten Lockdown mit Geschäfts- und möglichen Schulschließungen nach Weihnachten. Doch würde die Zahl der Todesfälle dadurch merklich abnehmen?

Es gibt mehr schwere Verläufe, weil sich immer mehr ältere Menschen infizieren, das geht aus den Lageberichten des RKIs klar hervor. Das Durchschnittsalter der Corona-Toten liegt bei 83 Jahren, 87 Prozent der Corona-Toten waren 70 Jahre und älter. Und es sind vor allem die älteren Menschen, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Die Zahl der Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen steigt zwar nur noch langsam, aber beharrlich an, sodass einzelne Krankenhäuser schon die Überlastung anmelden mussten.

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Ansteckung älterer Menschen verhindern

Um die Zahl der Intensivpatienten und die Todesrate zu senken, muss einer Ansteckung älterer Menschen vorgebeugt werden. Es gilt zu verhindern, dass Infektionen in Alten- und Pflegeheime eingeschleppt werden. Und genau das war zuletzt nicht mehr gelungen.

Während die Infektionsraten in anderen Altersgruppen stagnieren, nimmt die Zahl der Neuinfektionen laut RKI ausgerechnet bei den über 75-Jährigen weiterhin zu. RKI-Präsident Lothar Wieler hatte daher in der vergangenen Woche betont, die in den Heimen ergriffenen Präventionsmaßnahmen würden nicht ausreichen.

Die Politik hatte stets versucht, die Pandemie durch allgemeine Maßnahmen in der Bevölkerung einzudämmen. Wenn es gelänge, die Infektionszahlen insgesamt niedrig zu halten, würden sich auch automatisch weniger ältere Menschen aus der Hauptrisikogruppe infizieren, so die Logik.

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Schutz der Risikogruppen wurde versäumt

Schon mehrfach hatten einige Experten einen Strategiewechsel gefordert. So hatten der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, und die Virologie-Professoren Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit schon zu Beginn des aktuellen Lockdowns ein Positionspapier veröffentlicht. Darin hatten sie kritisiert, es sei versäumt worden, „allgemeingültige Präventionskonzepte für vulnerable Gruppen zu entwickeln“. Die Politik solle sich nun auf Maßnahmen konzentrieren, die „möglichst direkt und spezifisch den Schutz der Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt stellen, für die ein hohes Risiko schwerer Krankheitsverläufe besteht“.

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Konkret hatten die Experten Schnelltests für Besucher in Alten- und Pflegeheimen, Tests für das Personal und den Einsatz von FFP2-Masken in Heimen vorgeschlagen. Für Menschen, die einer Risikogruppe angehören, aber nicht in Heimen leben, sollten Nachbarschaftshilfen aufgebaut werden.

Auch eine Gruppe von Public-Health- und Versorgungsforschern um den Kölner Medizinprofessor Matthias Schrappe hatte Ende Oktober eine Stellungnahme verfasst. Schrappe war früher stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit gewesen.

Es droht Durchmarsch der Epidemie

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In der Stellungnahme heißt es, die Weigerung, auf zielgruppenorientierte Prävention zu setzen, sei „eine folgenschwere Fehlentscheidung“ der Regierung. Allgemeine Maßnahmen wie Abstandsregeln müssten durch zielgruppenorientierte Maßnahmen ergänzt werden.

Die Strategie der Bundesregierung habe sich „paradoxerweise genau zu dem Konzept entwickelt, das eigentlich vermieden werden sollte, nämlich dem Konzept der Herdenimmunität“, kritisieren die Wissenschaftler. Ein Durchmarsch der Epidemie werde „nur begleitet, aber ohne den dringend notwendigen Schutz der verletzlichen Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt zu stellen“.

Kritik an Konzept

Tatsächlich hatte die gleiche Expertengruppe bereits im Mai konkrete Vorschläge erarbeitet, um vulnerable Gruppen besser zu schützen. Dazu gehörte eine Art Risiko-Score, der die Gefährdung einer Person genauer erfasst und neben dem Alter Kriterien wie Vorerkrankungen berücksichtigt. Besonders gefährdete Personengruppen wie etwa Menschen in Pflegeeinrichtungen sollten optimal versorgt werden, andere Gefährdete sollten besondere Unterstützung bekommen, etwa beim Einkaufen oder bei Arztbesuchen. Es könnten für sie auch besondere Öffnungszeiten in Geschäften angeboten werden, so die Idee der Wissenschaftler. Besuche in Alten- und Pflegeheimen sollten zudem durch kostenlose Corona-Schnelltests abgesichert werden. Weitere Vorschläge will die Gruppe bald in einem neuen Thesenpapier machen.

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Die Bundesregierung hält in der aktuellen Lage jedoch weiterhin an – notfalls strengeren – Maßnahmen für die Gesamtbevölkerung fest. Andere Experten wie die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf hatte bereits im Oktober angemerkt, dass sich der Schutz von Risikogruppen nicht bei hoher Viruszirkulation durchsetzen lasse. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte in der Reaktion auf das KBV-Papier moniert, dass es eine „gefährliche Illusion“ sei zu glauben, dass der Schutz von Risikogruppen die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland beherrschbar mache.

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