Neue Strategie: Wo sollten Antigen-Schnelltests im Winter eingesetzt werden?

  • Mitte Oktober will Gesundheitsminister Jens Spahn die nationale Coronavirus-Teststrategie verändern.
  • Antigen-Schnelltests sollen für mehr Sicherheit vor Ansteckungen in Pflegeheimen und Kliniken sorgen.
  • Von einem Einsatz in Schulen, bei Kulturveranstaltungen und im Heimgebrauch raten Virologen ab.
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die nationale Teststrategie anpassen. Die endgültige Form des Entwurfs liegt noch nicht vor, er befindet sich derzeit in der Abstimmung. Am 15. Oktober soll entschieden werden. Angekündigt hat die Politik aber schon jetzt einen Richtungswechsel. Dabei soll Antigen-Schnelltests ein stärkeres Gewicht zukommen.

Rund neun Millionen dieser Tests sollen laut Spahn monatlich zusätzlich zur Verfügung stehen und damit ein neues Instrument zum Aufspüren von Sars-CoV-2 in der kalten Jahreszeit darstellen. Anders als die üblicherweise durchgeführten PCR-Tests suchen Antigentests in Abstrichproben nicht nach dem Erbgut des Virus, sondern nach Molekülen, die charakteristisch für die Viren sind. Ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest wird auf einem Teststreifen angezeigt, ob das gesuchte Molekül gefunden wurde und die Person positiv ist oder nicht. Der große Vorteil: Das Ergebnis liegt wenige Minuten später vor. Ein PCR-Test ist weitaus aufwendiger im Verfahren, teurer – und das Ergebnis meistens frühestens nach einem Tag verfügbar. Dafür ist es aber auch genauer.

Virologen und Epidemiologen begrüßen den zusätzlichen Fokus auf Antigen-Schnelltests grundsätzlich, haben aber Bedenken, wenn es um die Priorisierung der verfügbaren Mittel geht. “Wir müssen rechtzeitig Strategien entwickeln, dass wir die Gesamtpandemie weniger als zu stoppenden Ausbruch behandeln”, sagte Prof. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), auf einer Veranstaltung des Science Media Centers (SMC).

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R-Biopharm präsentiert Antigen-Schnelltest
1:03 min
Er ist mit wenig Geld und in kurzer Zeit durchführbar und soll langfristig ein gängiger Alltagstest werden.  © Reuters

Antigen-Schnelltests als zusätzliches Mittel zur Pandemiebekämpfung

Es gehe jetzt eher darum, mit der Situation vor Ort umzugehen. Ein Antigenschnelltest sei nicht geeignet, um eine Sars-CoV-2-Infektion bei Patienten zu diagnostizieren. “Aber er kann, wenn richtig eingesetzt, helfen, diejenigen Menschen zu identifizieren, die Überträger sind.“ Ein Antigentest könne nur als zusätzliches Instrument gesehen werden, das ein Stück Sicherheit bringen könne.

Der Blick solle dabei vor allem auf vulnerable Gruppen gelegt werden. “Es gibt nichts, was die Sterblichkeit dieser Infektion so sehr vorhersagt, wie das Alter", betonte der Epidemiologe. Ähnlich wie beim PCR-Test gebe es bei den Antigen-Schnelltests Kapazitätsgrenzen. Deshalb sollten sie jetzt vor allem in Altenheimen und in der mobilen Pflege zur Verfügung gestellt werden, um Infektionen besser ausschließen zu können. “Das müssen wir erst mal sicherstellen, und davon sind wir im Moment weit entfernt.“

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Erst danach könne beispielsweise über den Einsatz von Schnelltests in Schulen oder beim Fußball diskutiert werden. Schnelltests bedeuteten auch nicht, dass Abstands- und Hygieneregeln wegfallen könnten, betont der Experte. Gerade in Senioreneinrichtungen empfehle er schützende FFP-2-Masken, weniger die Mund-Nasen-Bedeckung aus dem Alltag.

Schnelltests für den Heimgebrauch derzeit nicht denkbar

Möglichst viele Schnelltests in der allgemeinen Bevölkerung, wie es Bayerns Ministerpräsident Söder zuletzt anpeilte, sieht auch Prof. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, kritisch. “Ich halte da nicht so viel von”, sagte sie bei der Veranstaltung. Zuerst müssten ganz klar Kranke mit Symptomen und Risikogruppen an der Reihe sein.

Von Schnelltests im Heimgebrauch ist die Virologin auch nicht überzeugt. Derzeit sei die Abstrichtechnik nicht genug ausgereift für den Laien, die Tests müssten auf jeden Fall von geschultem Personal durchgeführt werden. Es bestehe die Gefahr, dass das Ergebnis falsch sei. “Ich befürchte, das würde zu Unsicherheit und Chaos führen.“ Entlastung für die Gesundheitsämter gebe es damit auch nicht, weil gemäß Infektionsschutzgesetz nach einem selbst durchgeführten Antigentest zusätzlich ein PCR-Nachweis durchgeführt werden müsse. Dieser gelte weiterhin als Goldstandard bei der Diagnose von Patienten, das Ergebnis sei um einiges exakter und verlässlicher.

Der Einsatz von Antigentests bei Kulturveranstaltungen sei zwar grundsätzlich vorstellbar. “Aber solange wir begrenzte Kapazitäten haben, müssen wir priorisieren: sichere Pflegeheime, Schulen offen, symptomatische Patienten gut versorgen.“

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Auch Ciesek betont, dass durchgeführte Schnelltests keine Nachlässigkeit bei den Hygieneregeln nach sich ziehen dürfen. Das habe gerade erst Donald Trumps Gartenveranstaltung gezeigt, bei der die Besucher keinen Abstand hielten und die als möglicher Infektionsherd gilt – trotz durchgeführter Schnelltests. “Auch wenn wir mehr testen, ist das nicht ein Schutz vor einer Infektion. Da dürfen wir nicht nachlässig werden.“


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