Wie wirkt der Teil-Lockdown? Auf diese fünf Corona-Kennzahlen kommt es jetzt an

  • Am Montag beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Landesminister zum weiteren Vorgehen bei der Eindämmung der Coronavirus-Pandemie.
  • Für eine Beurteilung der Lage in Deutschland kommt es auf Meldedaten der Gesundheitsämter und Kliniken an, die das Robert-Koch-Institut aufbereitet.
  • Was können wir aus Kennzahlen wie R-Wert, Neuinfektionen, Sieben-Tage-Inzidenz und Intensivkapazitäten lernen – und wo liegen ihre Grenzen?
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Jeden Tag veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI) einen Situationsbericht mit zusammengetragenen Statistiken aus den Gesundheitsämtern und Krankenhäusern im Land. Unter anderem auf dieser Grundlage entscheiden die Bundes- und Landespolitiker, ob Maßnahmen zur Eindämmung des Virus erforderlich sind. Dabei spielen verschiedene Kennzahlen eine Rolle. Ein Überblick:

Kurve abflachen: Die absolute Zahl der Neuinfektionen

Viel zitiert ist die innerhalb von 24 Stunden gemeldete absolute Anzahl der bestätigten Sars-CoV-2-Neuinfektionen. Sie wird von den Gesundheitsämtern in den Kreisen an die Landesgesundheitsbehörden und das RKI übermittelt. Der Teil-Lockdown soll die Neuinfektionen wieder so gering wie möglich halten. Ein Ziel: Die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter gewährleisten – und damit die Virusausbreitung bremsen.

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Flacht die Kurve der Neuinfektionen ab, kann das ein Hinweis darauf sein, dass die strengeren Maßnahmen zu wirken beginnen. Aber: „Die Fallzahlen sind insgesamt weiterhin sehr hoch“, sagte RKI-Chef Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Vorsichtig optimistisch könne man zwar sein, weil die offiziell registrierten Infektionen seit einigen Tagen etwas weniger stark zunehmen. Aber: „Wir wissen noch nicht, ob das eine stabile Entwicklung ist.“

Der Effekt könne auch dadurch mitverursacht sein, dass die Laborkapazitäten langsam ausgeschöpft sind, gibt RKI-Infektionsepidemiologin Uta Rexroth zu bedenken. Im Moment liege die maximale Testkapazität in Deutschland bei 1,9 Millionen PCR-Tests pro Woche. Die Befürchtung äußerte auch Christian Drosten. Es könne sein, dass es in Deutschland seit Mitte Oktober eine Entkopplung zwischen dem Infektionsgeschehen und dem Nachweisgeschehen gebe. „Das bedeutet, wir merken einfach nicht mehr, was in der Bevölkerung los ist“, erklärte der Virologe Mitte November im NDR-Podcast.

Positivrate bei PCR-Tests: Verlässlicher bei hoher Dunkelziffer

Studien gehen von einer vier- bis fünfmal so hohen Anzahl an Corona-Infektionen in der Realität aus. Das Robert-Koch-Institut rechnet Wieler zufolge mit einer immer höher werdenden Dunkelziffer, weil die Testkapazitäten am Limit sind und es Engpässe bei Labormaterialien gibt. Es sei allerdings schwierig, die Dunkelziffer exakt auszurechnen. Auch die veränderte nationale Teststrategie, nach der jetzt vor allem symptomatische Patienten mittels PCR-Test diagnostiziert werden sollen, könne die Zahl der registrierten Neuinfektionen vom realen Infektionsgeschehen entfernen.

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Deshalb spielt auch die Positivrate bei den durchgeführten PCR-Tests eine wichtige Rolle. Steigt sie an, ist das unabhängig von der Zahl der durchgeführten Tests und der registrierten täglichen Neuinfektionen ein Hinweis darauf, dass das Infektionsgeschehen zunehmend außer Kontrolle gerät. Stagniert oder fällt sie, ist das ein Zeichen für wiedererlangte Kontrolle über die Ansteckungen in der Bevölkerung.

Immer mittwochs veröffentlicht das RKI diese Positivenquote und Anzahl der durchgeführten PCR-Tests im Situationsbericht. In der ersten Novemberwoche lag der Wert bei 7,88 Prozent, in der letzten Oktoberwoche bei 7,17. Zum Vergleich: Mitte Oktober lag die Rate bei 3,55.

Sieben-Tage-Inzidenz: Infektionen auf regionaler Ebene vergleichen

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Die Zahl der Neuinfektionen pro Woche, die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, ist ein wichtiger Richtwert für die Gesundheitsbehörden und Entscheidungsträger in den Landkreisen. Es ist eine politisch festgesetzte Regel, dass ab einem Wert von wöchentlich gemeldeten 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einem Landkreis besonders harte Maßnahmen gelten sollen. Diese Zahl macht also das Infektionsgeschehen auf der Grundlage der bestätigten Fälle auf regionaler Ebene sichtbar und ein Stück weit vergleichbar.

Nur: In den meisten Landkreisen liegt die Inzidenz inzwischen weit über dieser Grenze. Durch den Teil-Lockdown hoffen Politik und Gesundheitsbehörden nun darauf, die Inzidenzen wieder großflächig unter 50 zu drücken – um die Ansteckungen besser kontrollieren zu können. „Es wird aber sehr schwierig, diesen Wert zu erreichen“, prognostizierte RKI-Chef Wieler diese Woche. Der Lockdown im Frühjahr habe gezeigt, wie viel Zeit das brauche.

Divi-Register: Covid-19-Erkrankte in der Klinik

Ziel des Teil-Lockdowns ist auch, sicherzustellen, dass alle schwerer an Covid-19 Erkrankten in den Krankenhäusern behandelt werden können. Wer schwer an Covid-19 erkrankt, ist in vielen Fällen auf eine wochenlange Betreuung im Krankenhaus angewiesen. Das Risiko zu sterben, steigt dann stark: Laut einer RKI-Studie mit 10.021 Hospitalisierten starben 22 Prozent der Patienten.

Deshalb kommt es bei der Beurteilung der Maßnahmen auch darauf an, wie es um die Kapazitäten von Intensivbetten, Geräten und Personal bestellt ist. Bedacht werden muss auch, dass Covid-19-Erkrankte erst Tage nach der eigentlichen Ansteckung in der Klinik ankommen. Die Altersverteilung der Erkrankten in Deutschland ist ebenfalls ein wichtiger Faktor: Je älter eine Person, umso höher das Risiko, an Covid-19 schwer zu erkranken und zu sterben.

Mediziner rechnen mit einem weiter starken Anstieg der intensivmedizinisch behandelten Corona-Infizierten. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) wertet tagesaktuell Daten aus den Kliniken bundesweit aus. Was die Zahl nicht zeigt: wer in weiteren Krankenhausstationen als Covid-19-Patient weiterbehandelt wird und wie es um die personelle Situation vor Ort bestellt ist. Laut RKI-Chef Wieler melden die Kliniken immer häufiger Engpässe – vor allem beim medizinischen Personal, das zum Teil selbst erkranke. „Es ist möglich, dass Patienten nicht mehr überall optimal versorgt werden können.“

R-Wert: Effektivität der Corona-Maßnahmen schätzen

Sars-CoV-2 zählt im Vergleich mit anderen Viren zu den eher ansteckenden Erregern. Messen lässt sich die Ansteckungsrate anhand der sogenannten Reproduktionszahl. Beim Coronavirus ist von einer naturgegebenen Basisreproduktionszahl von etwa 3 auszugehen. Eine Person infiziert also ohne Maßnahmen im Schnitt drei weitere.

Der täglich vom RKI ermittelte R-Wert bezeichnet hingegen die effektive Reproduktionszahl. Sie ist Ausdruck des Gleichgewichts zwischen dem infektionsvermeidenden Verhalten der Bevölkerung und der Infektiosität des Virus selbst. Diese Kennziffer gibt an, wie effektiv die Maßnahmen in der Summe wirken, etwa durch Kontaktbeschränkungen, Maske tragen, Kontaktnachverfolgung, Abstand halten. Anders als die Zahl der Neuinfektionen berechnet sich die Reproduktionszahl nicht tagesaktuell, sondern mit Blick auf den Status von vor anderthalb bis zwei Wochen.

Es handelt sich bei der Berechnung um eine statistische Größe, eine Trendschätzung. Die Faustregel: Befindet sich der Wert langfristig oberhalb der kritischen Marke von 1, steigen auch die Fallzahlen, weil eine infizierte Person im Schnitt mehr als eine weitere ansteckt. Fällt er auf lange Sicht deutlich unter 1, infizieren sich im Schnitt auch weniger Menschen. Modellierer gehen davon aus, dass der Wert durch den Teil-Lockdown auf 0,7 gedrückt werden müsste, um auf längere Sicht in eine stabile Lage zu kommen.

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