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Wie wird es enden? Warum die Hoffnung auf einen Corona-Impfstoff trügerisch sein kann

  • Die Welt wartet auf einen Impfstoff gegen Corona. Aber wäre dann alles gut?
  • Wie sah eigentlich das Ende von Pest, Pocken, Sars oder Schweinegrippe aus?
  • Ein Blick auf die Seuchengeschichte der Menschheit zeigt: Ein Impfstoff erwies sich nur selten als Lösung aller Probleme. Manche Pandemie “endete” nur, weil die Menschen es beschlossen.
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Seuchen kommen meist rasch. Wie Gewitter schieben sie sich über das Land, sprunghaft und kraftvoll. Sehr präzise lässt sich in der Regel beobachten, wie eine Pandemie ihren Anfang nimmt. Covid-19 etwa begann höchstwahrscheinlich als biologischer Unfall auf einem Wildtiermarkt in Wuhan und wurde in wenigen Wochen zur globalen Katastrophe. Wir kennen die ersten Patienten. Wir kennen den Geburtsort des Coronavirus.

Aber wie wird es enden?

Wie enden Pandemien? Niemand weiß, wie lange und wie heftig das Coronavirus noch wüten wird. Sicher ist aber: Kaum eine der großen Geißeln der Menschheit – und davon gab es Hunderte – hatte die Welt dauerhaft im Klammergriff. Irgendwann verabschiedeten sie sich wieder aus dem Bewusstsein. Manche Seuche, wie die Sars-Epidemie von 2003, verschwand auf rätselhafte Weise wie von selbst – ein Schicksal, das sich Donald Trump wohl vergeblich auch für Corona erhoffte.

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Manche verlor ihren Schrecken dank neuer Medikamente und tauglicher Impfstoffe. Manche – wie Malaria – wütet noch heute in ärmeren Gegenden des Planeten, weitgehend unbeachtet von der wenig betroffenen westlichen Welt. Und mit mancher Seuche lernte die Menschheit notgedrungen zu leben, wie mit Aids, Ebola, der Legionärskrankheit, Borreliose, Marburgfieber, Zikafieber, Cholera oder Masern.

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Vom “Englischen Schweiß” bis zum Fleckfieber

Europa hat von der Pest bis zur Ruhr, vom “Englischen Schweiß” bis zu Fleckfieber und zur Syphilis, von den Pocken und Malaria bis zu Pest, Lepra, Tuberkulose und Cholera sowie Aids und Sars eine stattliche Schreckensbilanz vorzuweisen, was Epidemien und Pandemien angeht.

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Über die Frage, wie Seuchen entstehen, wie sie kontrolliert werden und welche sozialen und wirtschaftlichen Folgen sie haben, ist die Welt vergleichsweise solide informiert. Das Ende einer Seuche dagegen ist ein großes Rätsel. Und oft ein komplexer, langsamer Prozess. Mit Heilung jedenfalls oder einem Impfstoff, der die Weltbevölkerung in wenigen Monaten immunisiert und das Virus auslöscht, endete kaum eine Seuche. Das zeigt der Blick in die Geschichte.

“Epidemien enden mit einem Wimmern, nicht mit einem Knall”

“Epidemien enden mit einem Wimmern, nicht mit einem Knall”, schreibt der renommierte US-Epidemiologe Charles E. Rosenberg. “Eine Epidemie hat als soziales Phänomen eine dramaturgische Form: Sie beginnt zu einem bestimmten Zeitpunkt, tritt räumlich oder zeitlich begrenzt in Erscheinung, führt dann zu zunehmenden Spannungen und wird zu einer Krise mit individuellem und kollektivem Charakter. Anfällige Menschen fliehen, sterben oder erholen sich – bevor die Seuche schrittweise nachlässt.”

Epidemien haben auch ein soziales Ende: Menschen tragen auf einem Friedhof am Stadtrand von Lima den Sarg mit den sterblichen Überresten eines Mannes, der an Komplikationen im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben ist. Gemessen an der Bevölkerungszahl sterben in keinem Flächenstaat der Erde so viele Menschen an der Krankheit Covid-19 wie in Peru. © Quelle: Martin Mejia/AP/dpa

Gesellschaftsforscher, Historiker, Mediziner und Politiker spielen derzeit eine Reihe von Szenarien durch, wie Corona “enden” könnte. “Dabei gibt es eine Art sozialpsychologischer Komponente, die mit Erschöpfung und Frustration zu tun hat”, sagte Naomi Rogers, Historikerin an der Yale-Universität, der “New York Times”. “Es ist denkbar, dass die Menschen irgendwann einfach beschließen: Jetzt reicht’s. Ich habe es verdient, in mein normales Leben zurückzukehren” – auch wenn das Virus weiterhin Krankheit und Tod mit sich bringt.

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Es gibt keinen “plötzlichen Sieg”

Es gibt viele Beispiele für globale Seuchen, die emotional nur deshalb keine “Pandemien” mehr sind, weil die Menschen einzelner Kulturkreise es so entschieden haben. Tuberkulose etwa tötet noch immer 1,5 Millionen Menschen jährlich – als “Pandemie” aber wird die Krankheit kaum jemand anerkennen.

Wie wird Corona enden? Was viele Experten eint, ist die Überzeugung, dass es auch bei Corona keinen “plötzlichen Sieg” geben wird. Seuchen selbst sterben, ebenso wie viele ihre Opfer, keinen blitzschnellen, sondern einen schleichenden Tod. “Es ist ein langer und schwieriger Prozess, das Ende einer Epidemie zu definieren”, sagt Rogers. Die Wahrscheinlichkeit, das das Coronavirus zügig und vollständig ausgelöscht werden wird, ist eher gering, denn das erfordert eine ganze Reihe von medizinischen, logistischen, politischen Faktoren. Und dabei geht es längst nicht “nur” um Mikrobiologie, sondern auch um Politik, um Deutungsmacht und seelische Müdigkeit.

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Möglich also, dass das soziale und politische Ende der Corona-Krise lange vor dem medizinischen Ende liegen wird. Das medizinische Ende definiert sich durch sinkende Opferzahlen. Das soziale Ende definiert sich durch das Abflauen der Angst, durch den gesellschaftlichen Konsens: Jetzt reicht’s.

Wann haben die Menschen den Panikmodus satt?

Denn Pandemien sind eben nicht nur medizinisch-biologische, sondern vor allem auch soziale und politische Phänomene. Ihre Choreografie wird nicht nur von Infektionskurven und Todesstatistiken bestimmt, sondern wesentlich von Ängsten, Mythen, Hypes und Alarmismen. Manche Seuche gleicht einer Massenpsychose, die zügig nachlassen kann wie im Fall der Schweinegrippe 2009, als gewaltige Mengen überhastet angeschaffter Impfdosen ungenutzt vernichtet werden mussten, weil die Panik abgeflaut und das Interesse an der Impfung nur noch gering war. Seuchen sind immer auch Indikatoren der sozialen Struktur einer Gesellschaft, ihrer Belastbarkeit und ihrer Schwächen.

Wer entscheidet überhaupt über das Ende einer Pandemie? Das kann allein die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Doch wichtiger als die Rückstufung durch die WHO ist meist das “gefühlte Ende”. Der Beginn einer Pandemie also mag ein biologischer Vorgang sein. Das Ende ist (meist) ein politisch-gesellschaftlicher. Viele Seuchen, wie Aids, verschwanden nur deshalb aus den Schlagzeilen, weil sie gesellschaftlich akzeptiert wurden. Weil die Menschen es satt hatten, permanent im Panikmodus zu leben. Soziologen sprechen von der “emotionalen Epidemiologie” einer Seuche.

Der Tag Die Themen des Tages und besondere Leseempfehlungen: Das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland. Jeden Morgen um 7 Uhr.

Ein Blick in die Seuchengeschichte

Wie Corona im Frühjahr 2020 war ja auch Aids in den Achtzigerjahren eine sich rasant ausbreitende, unbekannte Infektionskrankheit, die Schlagzeilen und Sondersendungen beherrschte. Vier Jahrzehnte später hat die Krankheit zumindest im Norden der Erdkugel, wo der Zugang zu wirksamen Kombimedikamenten funktioniert, eher den Status einer chronischen Erkrankung als einer tödlichen Gefahr. Auch wenn Aids unheilbar bleibt und es keinen Impfstoff gibt. Die Aufmerksamkeit zog weiter, man arrangierte sich. Die Medienwelt stürzt sich eben mit Wonne auf neue Krankheiten, verliert über die Langstrecke aber schnell das Interesse.

Wie endeten also einige der bisherigen großen Epidemien der Menschheit? Ein Blick in die Geschichte:

Die Pest: Der “Schwarze Tod”

Drei tödliche Pestwellen: Herstellung des Pestimpfstoffs am Pasteur-Institut in Paris – hier Émile Roux (digitale Reproduktion einer Originalvorlage aus dem 19. Jahrhundert). © Quelle: picture alliance / Bildagentur-o

Die Pest wütete in drei Wellen vor allem in Mitteleuropa. Die “Justitianische Pest” tötete ab dem sechsten Jahrhundert viele Millionen Menschen. Als “Schwarzer Tod” raffte sie dann in der zweiten Welle zwischen 1348 und 1353, also in nur sechs Jahren, mehr als 20 Millionen Menschen dahin – ein Viertel bis ein Drittel der gesamten damaligen Bevölkerung in Europa. Die apokalyptische Katastrophe löste massive soziale Spannungen und Umwälzungen aus, von der massenhaften Diffamierung und Verfolgung von Juden als “Brunnenvergifter” bis zu den irrlichternden Totentänzen.

Ursache der Pest waren vor allem infizierte Flöhe, die durch Nagetiere, insbesondere Ratten, verbreitet wurden. Manche Gegenden wurden so oft getroffen, dass praktisch niemand überlebte. Canterbury in England zum Beispiel wurde während der zweiten Welle elfmal von der Pest heimgesucht: in den Jahren 1413, 1419, 1420, 1431, 1447, 1457, 1465, 1467, 1470, 1471 und 1487. Dresden traf es während des Dreißigjährigen Krieges viermal: 1626, 1632, 1637 und 1640.

Infiziert durch ein pestkrankes Murmeltier

Die dritte Pestpandemie breitete sich dann im späten 19. Jahrhundert von China ausgehend aus. In Europa kam es zwar noch zu einzelnen Pestherden, doch über die Krankheit war bereits so viel bekannt, dass sie sich nicht nennenswert ausbreiten konnte.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gilt Europa als pestfrei – dank verbesserter Hygiene, potenter Medikamente und geringerer Nagetierdichte. Die letzten Ausbrüche auf dem Kontinent gab es im Zweiten Weltkrieg. In einigen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas aber existiert die Krankheit weiter, weil infizierte Präriehunde, Erdhörnchen oder Murmeltiere als Rückzugsreservoir des Erregers dienen. Zu Ausbrüchen kam es zuletzt etwa in Madagaskar, aber auch in einigen der südlichen US-Bundesstaaten. In den Achtzigerjahren überfuhr eine Frau in Nordamerika ein Grauhörnchen mit dem Rasenmäher und infizierte sich dadurch mit der Pest. 2019 starb ein Ehepaar in der Mongolei nach dem Verzehr eines pestkranken Murmeltiers.

Die Pest ist heute mit Antibiotika behandelbar. Bei früher Entdeckung bestehen gute Heilungschancen. Auch Schutzimpfungen stehen zur Verfügung – allerdings nur für die Beulenpest, nicht für die Lungenpest. Bei zu später Diagnose kann die Pest aber noch immer tödlich verlaufen.

Spanische Grippe: Die “Mutter aller Seuchen”

Die “Mutter aller Seuchen”: Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses in der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA). © Quelle: National Museum of Health and Medicine

Als Spanische Grippe wird jene Influenzaepidemie bezeichnet, die ab dem Ende des Ersten Weltkriegs in drei Wellen zwischen 20 und 50 Millionen Menschen das Leben kostete – bei einer damaligen Weltbevölkerung von 1,8 Milliarden Menschen. Allein in Deutschland erlagen ihr bis zu 300.000 Menschen, die meisten davon im Herbst 1918. Damit starben an der Spanischen Grippe deutlich mehr Menschen als insgesamt im Ersten Weltkrieg (17 Millionen).

Der Name rührt daher, dass Spanien im Ersten Weltkrieg als neutrales Land eine deutlich liberalere Pressezensur als viele Kriegsnationen hatte. Die spanische Presse konnte daher freier über jene Krankheit berichten, die sich längst über die Schlachtfelder Europas verbreitete und ihren eigentlichen Ausbruch nach neueren Forschungen wahrscheinlich in den USA hatte. So meldete die Nachrichtenagentur Reuters am 27. Mai 1918 aus Spanien, dass König Alfons XIII. an einer seltsamen Grippe erkrankt sei, als man in Deutschland noch hinter vorgehaltener Hand über ein mysteriöses “Flandern-Fieber” munkelte.

Masken, Schulschließungen, Versammlungsverbot

Mit drei pandemischen Wellen in nur einem Jahr erwies sich die Spanische Grippe als überaus aggressiv. Das Tempo der Ausbreitung fand seinen Widerhall in einem populären englischen Wortspiel aus jener Zeit: “I had a little bird / Its name was Enza / I opened the window / And in-flu-enza” (Ich hatte einen kleinen Vogel / sein Name war Enza. / Ich öffnete das Fenster / und herein flog Enza).

Was half? Die Eindämmungsmaßnahmen gegen das Influenzavirus vom Subtyp A/H1N1 wirken in Corona-Zeiten wie ein Déjà-vu: Schaffner verweigerten Fahrgästen im Zug ohne Gesichtsmaske die Mitfahrt, Zeitungen diskutierten über Schulschließungen, die Aktivitäten in Fabriken, Bergwerken und Geschäften wurden zeitweise heruntergefahren, die Wirtschaft klagte über die Rigorosität politischer Beschlüsse, Versammlungen und Gottesdienste im Deutschen Reich waren verboten. Hände sollten vor dem Essen gewaschen, Räume gut durchlüftet und Handtücher und Servietten nicht gemeinsam genutzt werden. In New York warben die Behörden für das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes mit dem Slogan ”Better be ridiculous than dead” (Lieber lächerlich wirken als tot sein).

Vor allem verstärkte Schutzmaßnahmen wie diese nahmen dem Virus die Kraft. Ein Medikament gab es nicht, testhalber verabreichten Ärzte gern Opiumpräparate, Morphium, Heroin oder Kokain. Zu den Todesopfern der Spanischen Grippe gehörten unter anderem der Maler Egon Schiele und seine Frau Edith sowie Frederick Trump, der Großvater des US-Präsidenten Donald Trump. Neuere Studien zeigen, dass es vor allem strenge Quarantäne, Ausgehverbote, untersagte Versammlungen und Schulschließungen waren, die die Todeszahlen senkten. Hinzu kam, dass viele Menschen nach der ersten Welle immun gewesen sein könnten.

Aids: Die Seuche der “Sünder”

“Mei, des sind halt Aussätzige”: Männer werben bei der Gay Freedom Day Parade am 27. Juni 1983 in San Francisco um Aufmerksamkeit und Hilfe für von HIV Betroffene. © Quelle: picture alliance / AP Images

“Unbekannter Krankheitserreger als Ursache von tödlich verlaufenden erworbenen Immundefekten”, so lautete im Februar 1983 die Überschrift zu einem Artikel über eine seltsame Krankheit, die sich in den USA ausbreitete. Es war der erste medizinische Hinweis auf eine rätselhafte Seuche, die eine globale Hysterie auslöste und dabei deutlich zeigte, wie sehr Unwissenheit und Angst tief sitzende Ressentiments und Aggressionen fördern.

Schnell galten Homosexuelle und Drogensüchtige als “Verursacher” dieses auch “Schwulenkrebs” genannten Phänomens. Erzkonservative Religiöse sahen wie 500 Jahre zuvor im Fall der Pest die “Sexkrankheit” Aids als “gerechte Strafe” für das sündhafte Treiben enthemmter, unmoralischer Lüstlinge. Bayern ließ “Ansteckungsverdächtige” zeitweise zum Zwangstest antreten, notfalls auch mit Polizeigewalt. Der CSU-Innenminister in München untersagte “HIV-positiven Ausländern die Einreise” in den Freistaat und wollte eine HIV-Infektion in die Einstellungsunterlagen für den öffentlichen Dienst eintragen lassen. Mehr noch: Der CSU-Bundestagsabgeordnete Horst Seehofer wurde im “Spiegel” mit dem Vorschlag zitiert, infizierte Menschen in “speziellen Heimen” zu “konzentrieren”.

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Russischer COVID-19 Impfstoff "Sputnik V" geht angeblich in Produktion
1:23 min
Anfang des nächsten Jahres sollen laut Regierung bereits "mehrere Millionen" Dosen pro Monat zur Verfügung stehen.  © Reuters

“Mei, des sind halt Aussätzige”

Es ist ein klassischer Reflex von Mehrheitsgesellschaften, im Falle neuer Bedrohungen einen Schuldigen zu suchen beziehungsweise das Problem als Phänomen eines bestimmten Milieus zu marginalisieren. Dieser Automatismus gipfelte in einem Satz von CSU-Mann Peter Gauweiler, der noch 1987 im “Stern” über Aids-Kranke sagte: “Mei, des sind halt Aussätzige.”

Anders als bei der Kinderlähmung, die wenige Jahre zuvor vor allem kleine Kinder betroffen hatte, wurde Aids zum Randgruppenproblem erklärt, zur Geißel der “anderen”: Schwule, Prostituierte, Afrikaner. Diese Stigmatisierung und Ausgrenzung verhinderte auch, dass die Entwicklung von Impfstoffen oder Medikamenten mit größtmöglicher Rasanz vorangetrieben wurde.

Die Aids-Epidemie endete nie. Sie ist in Teilen der Welt weiterhin ein massives Problem. In Swasiland waren 2012 mehr als 26 Prozent der Erwachsenen HIV-positiv. In vielen Teilen der Welt zeitigen die Aufklärungs- und Präventionsprogramme aber eine deutliche Wirkung. In Deutschland verdoppelte sich die Zahl der Neuinfektionen von 1984 bis 1987 und erreichte im Jahr 1986 mit 6000 neuen Fällen ihren Höchststand, bevor sie sich bei rund 2000 pro Jahr einpendelte – und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand. Derzeit sind knapp 90.000 Menschen in Deutschland HIV-positiv. Seit Beginn der Pandemie starben 29.000 Menschen, zuletzt (2018) waren es 440 in einem Jahr. Aids wird heute mit einem Mix aus Medikamenten behandelt, der die Dauer und Qualität des Lebens der Betroffenen deutlich verbessern kann. Heilbar ist die Krankheit weiterhin nicht. Auch einen Impfstoff gibt es nicht.

Polio: Erfolgreich bekämpft

Ost-West-Wettlauf um einen Impfstoff: Kinder schlucken mit Impfstoff gegen Polio präparierte Zuckerwürfel – im November 1962 in Baden-Württemberg. © Quelle: picture-alliance / dpa

Die Kinderlähmung (Polio) trat ab Anfang des 20. Jahrhunderts endemisch in Erscheinung und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer massiven Bedrohung. Allein in Deutschland erkrankten von 1910 bis 1961 etwa 100.000 Menschen. Einer der bekanntesten Patienten war der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt. Zeit seines Lebens war er auch nach seiner Genesung auf Gehhilfen und einen Rollstuhl angewiesen.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges kam es dabei zu einem hochpolitischen Ost-West-Wettlauf um den ersten Impfstoff, der an die aktuellen Bemühungen um einen Corona-Impfstoff erinnert: Ein von Albert Bruce Sabin in den USA entwickelter Wirkstoff wurde mithilfe russischer Wissenschaftler weiterentwickelt und kam in Russland sowie den Staaten des Ostblocks, darunter die DDR, ab Ende der Fünfzigerjahre als “Schluckimpfung” flächendeckend zum Einsatz. Der westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer lehnte das Angebot der DDR ab, sofort drei Millionen solcher Impfeinheiten auch in die BRD zu liefern. Hier setzte man zunächst auf den per Spritze verabreichten Lebendimpfstoff des Amerikaners Jonas Edward Salk. Es kam zum politisch überwölbten Showdown Salk gegen Sabin – bis sich die Schluckimpfung (drei Tropfen auf ein Stück Zucker) weltweit durchsetzte, weil sie praktisch, wirksam und nebenwirkungsfrei war. Die Poliozahlen sanken daraufhin schnell und rasant. Es ist der seltene Fall einer Infektionskrankheit, die medizinisch endete.

Typhus: Noch nicht verschwunden

Über Jahrhunderte eine grausame Seuche: Rickettsia-Bakterium, das einige Arten von Typhus auslösen kann. © Quelle: picture-alliance / BSIP/VEM

Typhus (früher auch Nervenfieber genannt) ist eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Salmonella enterica ssp. enterica Serovar Typhi ausgelöst wird. Unbehandelt kann sie weiterhin zum Tode führen. In Deutschland gibt es seit Jahren weniger als 100 Fälle pro Jahr. In Ländern mit geringeren Hygienestandards ist sie noch immer ein massives Problem. Typhus wird mit Antibiotika behandelt, allerdings entwickeln sich zunehmend Resistenzen. Auch mehrere Impfstoffe haben der zwar sehr bekannten, aber kaum noch verbreiteten Krankheit ihren Schrecken genommen. Verschwunden ist Typhus jedoch nicht.

Cholera: Glaube an “üble Dünste”

Cholera war über Jahrhunderte eine weit verbreitete Infektionskrankheit. Allein seit 1817 kam es zu mindestens sechs Cholerapandemien mit Millionen Toten. Im Mittelalter glaubte man an “üble Dünste” (Miasmen), die die damals meist tödliche Krankheit förderten. Damit war man der wahren Ursache dicht auf der Spur: Cholerabakterien gelangen vor allem über fäkalienverunreinigtes Trinkwasser in den Darmbereich des Menschen. Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch gilt als möglich, ist aber selten.

Erst im 19. Jahrhundert kamen britische Forscher in London dem Auslöser auf die Spur: Sie vermuteten völlig zu Recht, dass verunreinigtes Trinkwasser aus der Themse die Ursache mehrerer tödlicher Ausbrüche war. 1849 wiesen die englischen Ärzte John Snow und William Budd darauf hin, dass Cholera von lebenden Organismen im Trinkwasser hervorgerufen werde. Zahllose Städte modernisierten in dieser Zeit ihre Abwasserkanäle – Cholera gilt daher auch als Motor für Sanitärreformen und sozialhygienische Verbesserungen.

Hamburg erlebt die letzte große Choleraepidemie

Als letzte große deutsche Stadt erlebte Hamburg 1892 eine Choleraepidemie mit mehr als 8000 Toten in nur wenigen Wochen. Das beschleunigte den ohnehin geplanten Ausbau einer Filteranlage für die städtische Wasserversorgung erheblich. Ähnlich wie bei Corona wurden auch die wirtschaftlichen Folgen jener Epidemie in Hamburg ausführlich diskutiert. Man bezifferte den finanziellen Verlust für die heimische Wirtschaft auf umgerechnet 430 Millionen Euro – weil der Handelsverkehr unterbrochen worden war, um die Ausbreitung der Cholera zu stoppen. Umgekehrt kostete die Filteranlage nur 22 Millionen.

Cholera wird überwiegend mit der Einnahme von sauberer Flüssigkeit und Salzen behandelt. Zur Vorbeugung in besonders betroffenen Gebieten empfiehlt die WHO eine Schluckimpfung. Nach Naturkatastrophen oder in Kriegs- und Krisengebieten ohne funktionierende sanitäre Versorgung kommt es aber immer wieder zu Choleraausbrüchen.

Schweinegrippe: Hysterie und Husten

Medial erzeugte Panikstimmung: Kartons mit dem Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix liegen in einem Abfallbunker eines Müllheizkraftwerks. Wegen der Schweinegrippe wurden im Jahr 2009 knapp 34 Millionen Impfstoffdosen erworben. Davon blieben 28,7 Millionen übrig, weil sich kaum jemand impfen ließ. Die Länder blieben auf Kosten von mehr als 200 Millionen Euro sitzen. © Quelle: picture alliance / dpa

Ende April 2009 warnte die WHO vor einer pandemischen Verbreitung einer im Februar desselben Jahres entdeckten Influenzavirusvariante des Subtyps A (H1N1) – umgangssprachlich: Schweinegrippe. Die enorme mediale Aufmerksamkeit, die die vergleichsweise harmlose Krankheit auslöste, hat ihre Ursache nach neueren Forschungen auch in der Tatsache, dass sie denselben “Namen” trägt wie jener Erreger, der die Spanische Grippe auslöste. Die öffentliche Erregung freilich steht in der Rückschau in keinem Verhältnis zur Schwere der “Pandemie”.

Schon im August 2010 erklärte die WHO die Pandemie wieder für “beendet”. Bis dahin waren 18.449 laborbestätigte Todesfälle bekannt, die sich auf 200 Länder verteilten. Die allermeisten Fälle der Schweinegrippe verliefen mild. Die Vergleiche und die Namensgleichheit mit der Spanischen Grippe lösten jedoch früh eine panikartige Grundstimmung in der deutschen Bevölkerung aus. Auch die Rufe nach einem Impfstoff wurden lauter. Im Herbst 2009 stand bereits ein Impfstoff zur Verfügung – doch die Nachfrage war schon wieder stark gesunken. Im Mai 2010 lagerten in den Bundesländern rund 28,3 Millionen unverbrauchte Impfdosen im Wert von mehr als 200 Millionen Euro. Ein Weiterverkauf scheiterte. Warum der Erreger so rasch wieder verschwand, obwohl die Impfquote in Deutschland nur bei etwa 8 Prozent lag, ist nicht final geklärt. Es gilt, was Epidemiologen sagen: “Keine Epidemie gleicht der anderen.”

Medial erzeugte Panikstimmung

Die Schweinegrippe 2009 wird von Menschen, die an der Wirksamkeit der Anti-Corona-Maßnahmen zweifeln oder die sozialen und wirtschaftlichen Kollateralschäden für unangemessen hoch halten, oft als warnendes Beispiel für eine medial erzeugte Panikstimmung herangezogen. Politik und Medien hätten aus einer letztlich vergleichsweise harmlosen Erkrankung eine drohende Weltkrise gemacht – wovon die Pharmaindustrie unmittelbar profitierte. Tatsächlich sind bestimmte mediale Reflexe an der Schweinegrippe ablesbar, die dafür sorgten, dass die Regeln der Sorgfalt und Sachlichkeit nicht flächendeckend eingehalten wurden. Nach Einschätzung der überwiegenden Mehrheit der Fachleute sind Ausmaß und Gefährlichkeit der aktuellen Corona-Krise freilich deutlich größer als bei der Schweinegrippe.

Syphilis: Die andere “Sexkrankheit”

“Gottesgericht über die Unzucht”: Ein französisches Plakat von 1926 warnt vor der Ausbreitung von Tuberkulose, Syphilis und Krebs. © Quelle: picture-alliance / Leemage

Wie im Falle von Aids galt auch die Syphilis lange als Krankheit der Sünder, als göttliche Strafe für unlauteres Treiben. Die gesellschaftliche Stigmatisierung von Syphiliskranken war so groß, dass nicht wenige sich Anfang des 20. Jahrhunderts kurz nach der Diagnose das Leben nahmen. Die Ausgrenzung nahm das vorweg, was Aids-Patienten in den Achtzigerjahren zu spüren bekamen. Die “Lustseuche” Syphilis galt als “Gift”, das ausschließlich von Prostituierten weitergegeben werden könne. Der Chefredakteur des Blattes “Der Christliche Hausfreund” wetterte in einem Artikel, die Syphilis sei ein “Gottesgericht über die Unzucht”.

Es ist ein bekanntes Muster bei der Reaktion auf Seuchen: die Annahme, es beträfe nur die “anderen” und könne durch Wohlverhalten verhindert werden. In Italien, Polen und Deutschland nannte man die Syphilis einst die “Franzosenkrankheit”. In Frankreich hieß sie “italienische Krankheit”. In den Niederlanden war die Rede von der “spanischen Krankheit”, in Russland sagte man “Polenkrankheit” und in der Türkei hieß die Syphilis “Christenkrankheit”. Schuld sind immer die anderen. Die Pocken heißen in China “Hunnenpocken”, weil sie vor Jahrhunderten durch die noch unfertige Chinesische Mauer von Hunnen eingeschleppt worden sein sollen.

Adolf Hitler wettert über Staatsversagen

Vor allem der Erste Weltkrieg sorgte – wie auch im Fall der Spanischen Grippe – für eine rasante Ausbreitung des Syphiliserregers. Bis zu 500.000 französische Soldaten sollen sich infiziert haben. Einzelne Ärzte fürchteten gar, die Syphilis könne in zehn Jahren bis zu 1,5 Millionen Franzosen getötet haben. In Deutschland schätzte man, dass in den Großstädten 10 bis 12 Prozent der Erwachsenen den Erreger in sich trugen. Es erschienen Sitten- und Aufklärungsfilme mit Titeln wie “Feind im Blut” oder “Falsche Scham – Vier Episoden aus dem Leben eines Arztes”, die freilich – ähnlich wie die Oswald-Kolle-Filme fünf Jahrzehnte später – in pseudoaufklärerischer Ansicht auch gern erotisierendes Bildmaterial zur sexuellen Erbauung verwendeten.

Adolf Hitler zog in “Mein Kampf” dann die Syphilis als Beispiel für Staatsversagen heran – und erging sich in jenen Euthanasiefantasien, die er wenige Jahre später auf der Basis absurder “Rassehygiene”-Theorien in die grausame Tat würde umsetzen lassen. Die Regierung habe es versäumt, wetterte er in seinem Buch, den Kampf gegen diese Seuche, von dem “alles abhänge, Zukunft oder Untergang”, zur nationalen Großaufgabe zu erklären. In Zukunft werde man wohl “zur unbarmherzigen Absonderung unheilbar Erkrankter schreiten müssen – eine barbarische Maßnahme für den unglücklich davon Betroffenen, aber ein Segen für die Mit- und Nachwelt”.

Dass die Syphilis kein weltweites Phänomen mehr ist, verdankt die Menschheit der Tatsache, dass sie durch Antibiotika heilbar ist. In Deutschland infizieren sich pro Jahr etwa drei bis sechs von 100.000 Einwohnern mit dem Bakterium, das die Syphilis auslöst. Seit den Neunzigerjahren jedoch steigen die Infektionszahlen wieder an.

Die Pocken: Der besiegte Erreger

Eine Erfolgsgeschichte der WHO: Bei einer freiwilligen Impfaktion in Schaffhausen am 8. Januar 1962 stehen die Menschen vor einer Turnhalle Schlange, um sich gegen die Pocken impfen zu lassen. © Quelle: picture alliance/KEYSTONE

Die Auslöschung der Pocken gilt als große Erfolgsgeschichte der Medizin. Der letzte Patient, der nachweislich an Pocken erkrankte, war 1977 der damals 23-jährige Krankenhauskoch Ali Maow Maalin in Somalia. Er überstand die Krankheit zwar – starb dann aber 2013 an Malaria.

Die Pocken, die kleine Bläschen auf der Haut erzeugen, gehörten einst zu den grausamsten Krankheiten überhaupt. Sie überzogen die Welt über 3000 Jahre mit unzähligen Epidemien. Drei von zehn Infizierten starben, es war eine mörderische Geißel. Doch schon 1799 gab es einen ersten Impfstoff. Deutschland erlebte die letzte schwere Pockenepidemie zwischen 1871 und 1874. Damals starben etwa 170.000 Menschen.

2,4 Milliarden Impfdosen gegen die Pocken

Die letzte Pockeninfektion hierzulande wurde 1972 in Hannover bei einem jugoslawischen Gastarbeiter festgestellt. Am 8. Mai 1980 teilte die WHO mit, dass die Pocken weltweit ausgerottet seien. Für das Eliminationsprogramm waren 2,4 Milliarden Impfdosen verabreicht und 300 Millionen Dollar ausgegeben worden.

Die Pocken. Es ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie die Welt sich auch für Corona wünschen würde. Doch auch Medizingeschichte wiederholt sich selten. Und noch niederschmetternder ist diese Tatsache: Die Ausrottung der Pocken hat mehrere Tausend Jahre gedauert. Corona ist gerade ein knappes Jahr alt.

“Staat, Sex, Amen”
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