Verwirrung bei den Zahlen: Wie viele Corona-Infizierte gibt es wirklich?

  • Bei den Fallzahlen zum Coronavirus klaffen die Angaben in Deutschland auseinander.
  • Das Robert-Koch-Institut meldet mittlerweile regelmäßig weniger Fälle als andere Projekte, die die Daten ebenfalls erheben.
  • . Doch das ist eigentlich kein großes Problem, sagen Experten - während sie zugleich eine andere Befürchtung haben.
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3056, 30.150, oder 27.436 – als dieser Text veröffentlicht wurde, kursierten zur Zahl der Corona-Fälle in Deutschland unterschiedliche Angaben. Die niedrigsten Werte stammen vom Robert-Koch-Institut, das als Bundesbehörde bei der Pandemie-Bekämpfung federführend ist. Private Initiativen zählten hingegen deutlich mehr Fälle. Das sorgt für Verunsicherung, die ein Blick ins Detail aber aufklärt.

Welche unterschiedlichen Daten gibt es?

Weltweit bekannt ist die Johns-Hopkins-Universität (JHU) aus Baltimore, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags von 30.150 Corona-Fällen in Deutschland ausging. Die offiziellen Fallzahlen in Deutschland stammen vom Robert-Koch-Institut, das lediglich 27.436 Corona-Fälle meldete. Bei Risklayer, einem Thinktank aus Karlsruhe, dessen Daten einige Medien nutzen, sprach man zum gleichen Zeitpunkt von 33.056 Fällen. Außerdem gibt es von Freiwilligen betriebene Internetplattformen, die nochmal etwas mehr gezählt haben.

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Woher kommen die Unterschiede?

RKI, JHU sowie die anderen Plattformen bekommen ihre Daten auf unterschiedliche Weise. Das RKI zählt ausschließlich Fälle, bei denen eine Corona-Infektion von einem Labor bestätigt wurde. Das wird von den Gesundheitsämtern der Landkreise erfasst, die die Daten wiederum an Landesbehörden und das RKI weitergeben. Das RKI reicht seine Werte außerdem an die Weltgesundheitsorganisation weiter, die diese ebenfalls veröffentlicht. Abgebildet wird überall die Gesamtzahl der Fälle seit Beginn des Ausbruchs. Durch die Dateneingabe und Datenübermittlung entsteht von dem Zeitpunkt des Bekanntwerdens des Falls bis zur Veröffentlichung durch das RKI ein Zeitverzug, sodass es Abweichungen hinsichtlich der Fallzahlen zu anderen Quellen geben kann.

Wie erfassen andere Plattformen die Fallzahlen?

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Zusätzlich zu den RKI-Daten fließen bei JHU, Risklayer und andere Projekten Medienberichte und eigenständig veröffentlichte Zahlen lokaler Behörden ein. Wenn etwa eine Pressestelle eines Landkreises aktualisierte Daten herausgibt, bilden JHU und Risklayer diese meist schnell ab – während die behördliche Meldekette zwischen örtlichem Gesundheitsamt und RKI möglicherweise noch läuft. Weil das RKI nur einmal täglich Zahlen veröffentlicht, gibt es eine zusätzliche Zeitverzögerung. Die dürfte bei den RKI-Daten etwa einem Tag betragen, ist in Einzelfällen aber größer.

Das RND bezieht sich bei seinen Angaben vor allem auf die Daten der Landesministerien, die im Regelfall etwas aktueller sind als die Zahlen des RKI. Bei Unklarheiten gleichen wir diese Werte mit anderen Quellen ab.

Welche Zahlen sind aussagekräftiger?

Das hängt davon ab, was man sich von den Daten verspricht: “Die RKI-Zahlen sind ganz ausgezeichnet, weil sie sehr präzise sind”, sagt der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Ihm zufolge prüft das RKI die Zahlen und korrigiert unter anderem Dubletten. Bei anderen Plattformen wie der der JHU sieht Stoll den Vorteil, dass sie sehr aktuell sind. “Wahrscheinlich neigen die JHU-Zahlen zu einer leichten Überschätzung”, sagt Stoll allerdings. Das liege an möglicherweise mit erfassten Doppelmeldungen.

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Sind die unterschiedlichen Zahlen ein Problem?

Die Öffentlichkeit hat nun stets die Wahl zwischen den eher zuverlässigen Angaben des RKI und den eher aktuellen Werten anderer Plattformen zu. “Im Grunde liegen die Zahlen nicht weit auseinander”, sagt aber Stoll, der deshalb “auf keinen Fall” von einem “Zahlenchaos” sprechen würde. Dass etwa die JHU eine eigene Datenerhebung mit einer eigenen Methode durchführt, birgt für ihn sogar Chancen: Behörden weltweit zählten Corona-Fälle unterschiedlich, die JHU habe hingegen eine international einheitliche Zählweise – was für Vergleichbarkeit sorge.

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Reichen die vorhandenen Daten überhaupt aus?

Es gibt bislang nur wenig Informationen darüber, wie groß die Dunkelziffer bei den Corona-Fällen in Deutschland ist. Allerdings deutet einiges daraufhin, dass sie im internationalen Vergleich recht niedrig ist. In Deutschland stehen im Vergleich etwa zu Italien oder Spanien recht viele Testkapazitäten zur Verfügung, das RKI sprach jüngst von etwa 160.000 wöchentlichen Tests. Auch ist die Sterblichkeitsrate in Deutschland im internationalen Vergleich sehr niedrig, was aus Sicht von Experten für eine geringe Dunkelziffer spricht.

Warum bräuchte es mehr Informationen zur Dunkelziffer?

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In Deutschland werden Corona-Tests bislang vor allem mit dem Ziel der Gesundheitsvorsorge gemacht, was bei der Suche nach Infektionsketten hilfreich ist. “Als Entscheidungsgrundlage für die Politik taugen diese Fallzahlen jedoch wenig”, kritisierte Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Wegen der Schritte zur Eindämmung des Coronavirus drohen aus seiner Sicht neben den Einschränkungen im Alltag auch “immense ökonomische Schäden”, weshalb es dringend zielgenauere Maßnahmen brauche. Das sei aber nur mit verbesserter Datenlage möglich.

Wie könnte eine Lösung dafür aussehen?

“Wir müssen gut gewählte Stichproben machen, um zu erfassen, wie der Infektionsgrad in der Gesamtbevölkerung ist”, sagt Felbermayr. Er schlägt vor, dass mindestens 10.000 Personen in Deutschland regelmäßig getestet werden, um ein verlässliches Bild von der Ausbreitung des Coronavirus in der Gesamtbevölkerung zu bekommen. Dabei könnten auch weniger aufwändige Tests mit höherer Fehlerquote genutzt, werden, um die Laborkapazitäten zu schonen, so Felbermayr.

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