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Wie psychisch Kranke den Lockdown erleben: Zwangspause im Wettkampf mit der Depression

  • Menschen mit chronischen Depressionen lernen über Jahre in Therapien, was ihnen guttut.
  • Der Lockdown macht viele dieser Hilfsmittel unmöglich.
  • RND-Mitarbeiterin Miriam Keilbach ist depressiv – und erzählt von den Herausforderungen für psychisch Kranke in der Corona-Pandemie.
Miriam Keilbach
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Die Medikamente, die uns seit vielen Jahren zum Durchhalten helfen, sind nicht mehr verfügbar. Vielleicht stehen sie bald wieder zur Verfügung, irgendwann, aber so genau weiß man das nicht. Vielleicht Mitte Februar, vielleicht erst Ostern, vielleicht aber auch erst im Herbst oder 2022. Eine Chance auf das langsame Absetzen gab es nicht. Und keine Möglichkeit, alternative Mittel zu finden. Sie waren einfach weg.

Mit Medikamenten meine ich keine Pillen oder Tabletten, keinen Saft, keine Creme. Ich meine alltägliche Dinge, die für Menschen wie mich überlebenswichtig sind – Medizin eben. Der Tagestrip in die nächste Stadt, der Ausflug in die Natur, der Besuch im Museum, die Feier im Club, das Shoppen mit der besten Freundin, die Stunde im Spa nebenan, der Filmabend mit der Clique, die Entspannung bei der Massage, der Gang ins Stadion.

Für gesunde Menschen sind das wichtige Dinge zur Entspannung, zum Erholen. Für uns Depressive sind es Dinge, die uns durch das Leben helfen, ohne die wir nicht durch den Tag kommen. Kleine, kurze Momente, die enorm viel Kraft geben. Die eine ganz andere Bedeutung haben als für Gesunde.

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Wenn schon das bloße Aufstehen überfordert

Wie viele Tage am Stück kann man im Bett liegen? Bei mir waren es vier. Damals im Jahr 2007, kurz bevor die Depressionen erstmals diagnostiziert wurden. Aufstehen, nur um auf die Toilette zu gehen und ein bisschen was zu trinken, vielleicht um eine Tüte Chips oder Schokolade mit ins Bett zu nehmen, was gerade so daheim ist. Danach: Tage, an denen es eine zu große Aufgabe ist, das Haus zu verlassen. An denen man nicht weiß, woher man die Kraft nehmen soll, um sich zu duschen, anzuziehen oder Zähne zu putzen. An denen man durstig oder hungrig auf dem Sofa sitzt und verzweifelt weint, weil man es nicht schafft, in die Küche zu gehen. Die To-do-Liste wird länger, dabei ist man schon mit dem bloßen Aufstehen überfordert.

Diese Tage und Stunden gibt es auch heute noch in meinem Leben. Aber sie sind seltener geworden. Weil ich, neben Therapie und Antidepressiva, Mittel gefunden habe. Viele Jahre hat das gedauert. Wie es bei so vielen Depressiven viele Jahre und mehrere Therapien braucht, um herauszufinden, was der Seele guttut. Welches Medikament neben dem Medikament wirkt. Wohin wir gehen, was wir machen können, wenn sich die nächste Depression leise ankündigt. Über Jahre haben wir mühsam und Schritt für Schritt gelernt, was uns helfen kann.

Erlernte Routinen derzeit nur schwer umsetzbar

Wecker stellen, auch am Wochenende. Einmal am Tag das Haus verlassen. Das sind die Anfänge. Danach: Eine Aufgabe am Tag erledigen. Tagesstruktur. Eine Aufgabe am Tag neben der Arbeit erledigen. Genügend Schlaf bekommen. Unter Menschen gehen. Freunde und Bekannte treffen, auch wenn die Lust fehlt und diese Herausforderung erst einmal überfordert. Bewegung. Routinen entwickeln, die Freude am Leben wiederfinden, einmal wieder herzlich lachen.

Menschen mit chronischen Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen sind ihrer Krankheit meist nicht immer akut ausgeliefert. Es gibt Phasen, in denen wir ein recht normales Leben führen, manchmal sogar jahrelang. Und in diesen Phasen lernen wir Methoden, um gegen die Depressionen anzugehen. Selbstfürsorge. Mittel, die verhindern, dass die Depressionen wiederkommen. Mittel, die die Depressionen abschwächen, wenn sie da sind. Mittel, die uns wieder Kraft geben, wenn die akute depressive Phase überstanden ist. Routinen, mit denen wir unseren Alltag meistern – in symptomatischen wie symptomfreien depressiven Episoden.

Zwangspause im Wettkampf mit der Depression

Es ist wie beim Sport: Je mehr ich trainiere, desto besser bin ich für den Wettkampf vorbereitet. Je breiter ich mich im Training aufgestellt habe, desto besser halte ich durch. Bewegungen und Taktiken automatisiert abzurufen, das ist das Ziel. Im Sport wie im Umgang mit den Depressionen. Doch derzeit ist Zwangspause – der Wettkampf wird trotzdem stattfinden, irgendwann, vielleicht schon morgen.

Seit März 2020 ist viel von dem, was für meine Gesundheit wichtig war, nicht mehr möglich. Zumindest nicht dauerhaft. Ende März – nach acht Monaten im Ausland – war ich ganz zufrieden mit der vielen Zeit zu Hause. Dann war es der Sommer, der mir Hoffnung machte. Und da gab es sie auch, diese Momente und Lichtblicke. Ich war schwimmen im See, habe Radtouren gemacht und mit meinem Patenkind gespielt, ich war in Deutschland reisen, habe in der Therme entspannt und mit Freunden Fußball in der Kneipe geschaut.

Viel war eingeschränkt und ging nicht wie früher, aber das war fast egal, denn es tat gut. Akku aufladen, Hoffnung schöpfen.

Keine Perspektive, kein Grashalm zum Festklammern

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Im Herbst war es die Aussicht auf einen Impfstoff, die mir Hoffnung gab. Die mich nach vorn schauen ließ. Vorfreude – das ist es, was Depressive zum Weitermachen motivieren kann. Was uns Kraft geben kann, den manchmal mehr als schwierigen Alltag zu meistern. Das Licht am Ende des Tunnels.

Doch jetzt ist Winter und Lockdown – und ich habe nicht die Hoffnung, dass ich jene Dinge, die meiner Seele helfen, bald wieder machen kann. Nicht im Februar und auch nicht im April. Keine geplante Reise. Keine Einladung zu einer Feier. Keine Tickets für das nächste Fußball- oder Handballspiel. Kein Termin für den nächsten Freundinnentag in der Therme. Keine Eintrittskarte für das nächste Konzert. Kein Flugticket für den lang ersehnten Besuch bei Freunden. Da ist kein Grashalm, an dem ich mich festklammern kann. Keine Vorfreude.

Ich fühle mich hilflos, obwohl ich weiß, dass viele Maßnahmen notwendig sind. Ich fühle mich müde, auch wenn ich weiß, dass Existenzen – und in Ländern ohne Sozialsystem gar Leben – bedroht sind. Ich verliere den Mut, wenn Virologe Christian Drosten von schlimmstenfalls 100.000 Neuinfektionen pro Tag in diesem Sommer spricht. Ich werde träge, wenn ich den Impfkalender sehe. Ich bin wütend, wenn ich sehe, wie Menschen die Corona-Regeln brechen. Nur, weil sie nicht an das Virus glauben.

Weggehen, um anzukommen – nötige Abwechslung fehlt

Zehneinhalb Monate Corona-Maßnahmen. Es ist schwierig. Es ist eine Herausforderung. Ich möchte nicht entscheiden müssen, wie wir gegen Covid-19 gewinnen können und aus dieser Krise kommen. Die Einschränkungen sind wichtig, aber auch gesundheitsgefährdend. Weil es an Alternativen fehlt. Wo soll ich Entspannung finden? Wo einen Ausgleich, wenn die Dinge, die mir das bisher geboten haben, seit Monaten nicht mehr funktionieren? Viele gesunde Menschen verstehen nicht, wie viel zerstört wird, wenn man uns nimmt, was wir uns mühsam mit und gegen uns selbst erkämpft haben. Wenn da einfach nichts mehr ist.

Ausflüge in die Natur im kleinen Bewegungsradius – eben das, was man mit Fahrrad und zu Fuß so erreichen kann, Netflix , Bücher, Handwerken, Malen – das sind Dinge, die mir Freude bereiten. Aber eben auch Dinge, die ich seit zehneinhalb Monaten mache, und Dinge, die mir – je länger der Lockdown dauert – immer schwerer fallen. Müßiggang. Abwechslung fehlt. Ich möchte nicht nur Freunde in Norwegen, Kenia und Deutschland besuchen; ich brauche es. Weggehen, um anzukommen. Die Reise weiter weg, um auch daheim wieder vor die Tür gehen zu können.

Struktur und Planungssicherheit fehlen

Das Reisen ist eine der Freiheiten, die mir am wichtigsten ist. Meine Psyche braucht es, neue Orte zu entdecken, neuen Input zu bekommen, neue Impulse zu spüren. Ich mache Bewusstseins- und Achtsamkeitstraining, um kleine Glücksmomente auch im Alltag wahrzunehmen, aber es ist auf Reisen anders. Es ist einfacher, leichter. Es ist, als bliebe die Trägheit zu Hause. Und mit ihr meine Vorliebe für Struktur und Planungssicherheit. Es ist das, was mir derzeit am meisten fehlt.

Wir Depressiven haben nur die Methoden, die wir über Jahre gelernt haben. Diese Medizin, die uns abhängig gemacht hat. Vielleicht sind wir in einer Phase, in der wir etwas Neues ausprobieren können, und es funktioniert. Vielleicht sind wir aber auch in einer, in der wir das Vertraute brauchen und ad hoc nichts anderes hilft. Wir müssen mit dem auskommen, was an Mitteln da ist. Und aktuell ist da: nahezu nichts.

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