Wie gefährlich ist der erhöhte R-Wert?

  • Der Reproduktionsfaktor in Deutschland ist laut Robert-Koch-Institut sprunghaft von 1,79 auf 2,88 angestiegen (Stand: 21. Juni).
  • Bislang galt der Wert 1 als kritische Marke, die nicht überstiegen werden soll.
  • Steht eine zweite Welle der Corona-Pandemie bevor? Es steht zunächst fest: Virus-Hotspots in Berlin, Göttingen und Gütersloh haben großen Einfluss auf die Werte der gesamten Republik.
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Hannover. Es ist eine Nachricht, die auf den ersten Blick beunruhigend wirkt: Die sogenannte Reproduktionszahl hat über das Wochenende den kritischen Wert von 1 deutlich überschritten. Bei dem aktuellen R-Wert, den das Robert-Koch-Institut (RKI) seit Sonntagnacht mit 2,88 angibt, bedeutet das: Ein Infizierter steckt im Durchschnitt zwei bist drei weitere Menschen an. Mathematisch genauer: 100 infizierte Menschen geben das Virus an 288 andere Menschen weiter. Das wirkt dramatisch als Prognose, ist aber zunächst nichts weiter als eine punktuelle Rückschau.

Denn selbst den aktuellen Infektionsstand, den Jetztzustand, bildet der R-Wert nicht ab – der Wert nämlich gibt in etwa den Stand von vor eineinhalb Wochen wider: Weil das Coronavirus durchschnittlich nach vier Tagen von einem Menschen zum nächsten weitergegeben wird, berechnet das RKI den R-Wert aus den Infektionszahlen der vier jüngsten Tage des Nowcastings und der vier Tage davor.

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © Julia Rathcke/RND
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RKI-Reproduktionszahl ist ein Schätzwert

Das Nowcasting ist das Verfahren, das das RKI einsetzt, das aus den Meldungen und dem Wissen über den Meldungsverzug in unterschiedlichen Altersgruppen die tatsächliche Zahl der Infektionen schätzt. Das Nowcasting gibt dabei nicht das Meldedatum an, sondern schätzt das Datum des tatsächlichen Ausbruchs der Krankheit. Daraus ergibt sich eine Spanne, in der der R-Wert liegt.

Dieser Wert ist kurzfristig nun deutlich angestiegen – von 1,79 am Samstag auf 2,88 am Sonntag (22. Juni). Am Montag vor einer Woche lag er laut RKI noch bei 1,12 – und beinahe den gesamten Monat Mai lag der Wert im unkritischen Bereich unter 1. Der Grund für den sprunghaften Anstieg ist schnell erklärt: Der Wert reagiere auf kurzfristige Änderungen der Fallzahlen empfindlich, verursacht etwa durch einzelne Ausbrüche, erläuterte das RKI am Montagmorgen. Vor allem bei einer insgesamt kleinen Anzahl von Neuerkrankungen in Gesamtdeutschland könne dies zu verhältnismäßig großen Schwankungen führen.

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Lokale Ausbrüche hängen mit R-Wert zusammen

Zwei Aspekte mildern die Gefahr, die der hohe R-Wert suggeriert, aktuell ab: Einerseits ist die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen mit 537 Fällen binnen eines Tages (Stand Montag) verhältnismäßig gering – andererseits sind die Neuinfektionen allesamt klar lokalisierbar und bislang gut nachverfolgbar. Hohe Zahlen an Neuinfizierten meldete das RKI in den vergangenen Tagen jeweils in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf sowie in Magdeburg und in dem Berliner Stadtteil Neukölln. Also an Orten, wo sich jüngst konzentrierte Corona-Hotspots gebildet haben. So ist der Anstieg in Gütersloh allein auf den Ausbruch im Tönnies-Werk zurückzuführen, wo seit vergangenem Montag mehr als 1300 Mitarbeiter positiv getestet worden seien.

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Auch die Infektionszahlen in Warendorf stehen damit im Zusammenhang, da viele Tönnies-Mitarbeiter ihren Wohnsitz in dem benachbarten Landkreis haben und dort in die Statistik einfließen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt daher vor einem freien Reiseverkehr der Menschen aus der Region Gütersloh. “Ich bin sicher, dass deutlich mehr Menschen außerhalb der Mitarbeiterschaft inzwischen infiziert sind”, sagte Lauterbach der “Rheinischen Post” (Dienstag). Das Virus könnte sich so potenziell sehr weit verteilen, sagte der studierte Epidemiologe.

Die übrigen Hotspots sind bislang auch eingrenzbar: In Magdeburg gibt es laut RKI einen Ausbruch, von dem mehrere inzwischen geschlossene Schulen betroffen sind. In Göttingen sind nach dem Corona-Ausbruch in einem Hochhauskomplex nach wie vor 700 Bewohner unter Quarantäne gestellt. Und in Berlin-Neukölln geht es laut RKI um Infektionen im Umfeld einer Glaubensgemeinschaft. Bereits am Samstag hatte das RKI erklärt, ein bundesweiter Anstieg der Fallzahlen sei daraus bisher nicht abzuleiten. Auch der hohe R-Wert sagt noch nichts über die Entwicklung in ganz Deutschland aus.

RKI-Reproduktionszahl wichtig zur Einschätzung der Corona-Epidemie

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Die Kennziffer 1 galt und gilt als wichtige Maßgabe, um die Epidemie unter Kontrolle zu halten. Nur wenn die Reproduktionszahl unter 1 liege, also jeder Infizierte im Schnitt weniger als einen weiteren Menschen ansteckt, werde die Pandemie abflauen, hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) immer wieder betont. Je weiter der Wert über 1 liege, desto schneller breite sich das Virus wieder aus und desto schneller könnte das Gesundheitssystem überlastet werden – das hatten auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) immer wieder betont.

Grundsätzlich ist die Reproduktionszahl aber nur ein Parameter, um die Dynamik der Corona-Infektionen zu beurteilen. Wichtig sind auch die Neuinfektionen: die Zahl der positiv ausgefallenen Tests sowie die Schwere der Erkrankung und die daraus entstehende Belastung des Gesundheitswesens. Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland schätzt das RKI derzeit weiter insgesamt als “hoch” und für Risikogruppen als “sehr hoch” ein. Die Zahl der Neuinfektionen ist derzeit allerdings noch auf so niedrigem Niveau, dass es mehr auf die Frage ankommt: Lassen sich alle Fälle gut nachverfolgen?

Das RKI jedenfalls fasst es – wie auch bei Ausreißern des R-Werts in der Vergangenheit – so zusammen: “Die weitere Entwicklung muss in den nächsten Tagen beobachtet werden, insbesondere in Bezug auf die Frage, ob es auch außerhalb der beschriebenen Ausbrüche zu einem Anstieg der Fallzahlen kommt.”





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