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Psychiater: „Wut kann verrauchen, Hass bleibt haften“ – Warum dieses Gefühl so zerstörerisch ist

Wut und Hass als Kunst: Klaus Kinski im Film Android von 1982

Georg Juckel ist Professor für Psychiatrie an der Ruhr-Universität Bochum und Direktor der LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin in Bochum. Juckels Spezialgebiet ist die Erforschung und Therapie von Schizophrenie, bipolaren Störungen und Depression. Mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sprach Juckel darüber, wie das Gefühl Hass entsteht und warum es zerstörerisch ist.

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Herr Juckel, was ist überhaupt Hass? Wie unterscheidet er sich von Wut?

Wut ist ein allgemeines Gefühl, eher eine Stimmung. Hass ist auf ein ganz bestimmtes Objekt gerichtet, in der Regel auf eine Person. Es handelt sich um ein sehr starkes, negatives Gefühl der Aggression, gekennzeichnet durch einen Vernichtungswillen.

Georg Juckel ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum.

Georg Juckel ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum.

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Was sind die häufigsten Auslöser für Hassgefühle?

Am häufigsten kommt Hass tatsächlich in nahen Beziehungen vor. Nur wenn ich intensive Gefühle für jemanden habe, ist auch Hass möglich. Wenn ich jemanden sehr liebe, kann ich ihn auch sehr hassen. Hat jemand hingegen keine große Bedeutung in meinem Leben, ist es auch schwer, Hassgefühle für ihn zu empfinden.

In den sozialen Medien bekommt man einen anderen Eindruck. Menschen tauschen hasserfüllte Kommentare aus, obwohl sie sich gar nicht kennen.

Hass kann im Netz offen ausgelebt werden, weil es dort den Schutz der Anonymität gibt. Dazu kommt das Phänomen der Masse, zusammen mit Gleichdenkenden kann man sich gegenseitig hochschaukeln. In meiner Jugend ist man noch auf die Straße gegangen und hat laut herausgerufen, was man denkt. Heute spielt sich vieles im Internet ab.

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In Foren und Kommentarspalten gehen Menschen voller Hass aufeinander los, nur weil sie zum Beispiel eine unterschiedliche Haltung zur Corona-Impfung haben. Wie kann das sein?

Ich weiß nicht, ob es sich dabei immer um Hass handelt oder eher um Wut. Aber durch die Pandemie sind viele Menschen zermürbt. Wenn sich das als Hass gegen Personen oder Personengruppen entlädt, die ich gar nicht näher kenne, handelt es sich wohl um das klassische Sündenbockphänomen: Aggressionen werden projiziert. Wenn ich tatsächlich Hass empfinde, geht es aber in jedem Fall immer um eine Sache, die mich in irgendeiner Weise tiefer verletzt.

Ab wann kann man von krankhaftem Hass sprechen?

Hass ist zunächst einmal nur ein Symptom und keine psychische Störung. Er kann, muss aber nicht bei einer psychischen Störung vermehrt auftreten. Bei Menschen mit dem Borderlinesyndrom beobachten wir oft diesen Wechsel zwischen der Überhöhung einer Person in einer Nahbeziehung, die dann in Hassgefühle umschlagen kann. In jedem Fall können intensive Hassgefühle aber auch bei Menschen ohne Persönlichkeitsstörung auftreten.

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Können denn die Hassgefühle selbst auf Dauer krank machen?

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In einer Gesellschaft sind wir alle darauf ausgerichtet, Gefühle wie Hass im Zaum zu halten. Wenn jeder seine Hassgefühle immer ausleben würde, könnte es nicht funktionieren. Bei starken Hassgefühlen kann man sich vorübergehend Luft verschaffen, etwa durch Musik hören, Bewegung oder durch andere Reize, die ablenken. Falls ich einer gehassten Person aber tagtäglich begegne, weil es mein Ehepartner oder mein Chef oder meine Chefin ist, aber ich kein Ventil dafür finde, richtet sich das irgendwann gegen mich selbst. Es schlägt also in Selbsthass um. Es gibt ja auch dieses Bild, man wird vom Hass zerfressen. In seiner stärksten Form kann Selbsthass in Selbstverletzung und suizidale Impulse umschlagen.

Was sollte man tun, wenn man unter Hassgefühlen leidet, aber eben keine Möglichkeit sieht, sich davon freizumachen?

Wichtig ist zunächst einmal das Bewusstsein, da herauskommen zu wollen, wenn nötig mit professioneller Unterstützung. Wir bieten hier an der Uni auch Mediationen an, also die Vermittlung bei starken Konflikten, sei es in der Familie oder in einem Unternehmen. Das geht aber nur, wenn die Betroffenen noch sprachfähig sind: Wenn ich richtig hasse, dann will ich eigentlich gar nicht mehr reden. Dabei ist meine Erfahrung: Es gibt Leute, die hassen sich wegen einer Lappalie. Oft sind es Missverständnisse, die nie richtig besprochen wurden. Weil versäumt wurde, über etwas zu reden, baut sich gegenseitiger Hass auf, was über Jahre anhalten kann. Es kann sich aber natürlich bei so einer Mediation oder in einer Therapie auch zeigen, dass es besser ist, eine Beziehung oder ein Arbeitsverhältnis zu beenden.

Ist Hass denn eigentlich wirklich nur schädlich? Welche Funktion hatte er evolutionsgeschichtlich?

Am ehesten von Nutzen könnten Hassgefühle in Kampfsituationen gewesen sein. Hass richtet sich gegen einen vermeintlichen Gegner, den ich zerstören will. Es werden hauptsächlich Stressbotenstoffe und -hormone ausgeschüttet, die zuständig für den „Fight“-Modus sind, wie Noradrenalin, Dopamin und Cortisol. Etwas Konstruktives hat der Hass eher nicht. Und er verschwindet selten von alleine wieder. Wut kann verrauchen, Hass bleibt haften und hört nicht auf, sondern schwelt weiter. Er ist wie eine Harpune mit Widerhaken.

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