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  • Wie alt sind Corona-Intensivpatienten im Durchschnitt? Mediziner Bernd Böttiger im RND-Interview

Covid-Patienten auf Intensivstation: „Durchschnittliches Alter bei knapp über 30 Jahren“

  • In Deutschland müssen inzwischen wieder mehr als 1000 Corona-Erkrankte intensiv­medizinisch behandelt werden.
  • Zustände wie in der zweiten und dritten Welle, als zeitweise mehr als 5000 Patientinnen und Patienten versorgt werden mussten, hält Bernd Böttiger nicht für ausgeschlossen.
  • Im RND-Interview erklärt der Intensiv­mediziner, was notwendig ist, um die Belastung des Gesundheits­systems während der vierten Welle zu reduzieren.
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Seit Wochen steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland. Diese Dynamik bekommen nun auch die Krankenhäuser zu spüren: Erstmals seit Mitte Juni wurden am vergangenen Wochenende wieder mehr als 1000 Corona-Intensiv­patientinnen und ‑patienten bundesweit von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) erfasst. Ein Abwärtstrend bei den Intensivfällen ist bislang nicht erkennbar. Für Prof. Bernd Böttiger, Schatzmeister der Divi und Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln, ist diese Entwicklung ein Warnsignal.

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Herr Prof. Böttiger, Köln ist derzeit einer der Infektions­hotspots in Deutschland. Wie sieht bei Ihnen derzeit die Lage auf den Intensiv­stationen aus?

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Wir erleben jetzt tatsächlich eine vierte Infektionswelle. Die Corona-Fallzahlen steigen exponentiell an. Anfang dieser Woche gibt es in Köln 128 Patientinnen und Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind und im Krankenhaus behandelt werden müssen, 49 werden auf einer Intensivstation versorgt. Am Montag hatten wir bei uns in der Uniklinik in Köln allein sechs Covid-Intensivfälle. Die meisten von ihnen müssen beatmet werden. Das durchschnittliche Alter liegt inzwischen bei knapp über 30 Jahren und praktisch alle Corona-Intensiv­patientinnen und ‑patienten sind ungeimpft und/oder immun­supprimiert.

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Die Kliniken erleben also eine Welle der Jüngeren und Ungeimpften.

Genau. Das deckt sich auch mit Erfahrungs­berichten von Kolleginnen und Kollegen aus anderen europäischen Ländern, mit denen ich Kontakt habe. Während der ersten Welle waren die Intensiv­patientinnen und ‑patienten noch 60 Jahre und älter. Jetzt sind sie deutlich jünger, was auch dazu führt, dass sie länger auf den Intensiv­stationen liegen. Das ist der Eindruck, den viele Intensiv­medizinerinnen und ‑mediziner haben. Die längere Verweildauer kann zu einer erheblichen Belastung des Gesundheits­wesens führen: Denn bei steigenden Inzidenzen können mehr Infizierte schwer erkranken, die dann länger auf den Intensiv­stationen versorgt werden müssen, was wiederum die Betten­kapazitäten schrumpfen lässt. Eine solche Entwicklung wird sich jedoch erst mit zeitlichem Verzug zeigen. Denn wir wissen, dass die intensiv­medizinische Belegung erst zwei bis drei Wochen nach der Sieben-Tage-Inzidenz ansteigt.

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Prof. Bernd Böttiger ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensiv­medizin an der Uniklinik Köln. © Quelle: Uniklinik Köln

Am Wochenende sind bundesweit wieder mehr als 1000 Corona-Intensiv­fälle verzeichnet worden – Tendenz steigend. Gibt diese Dynamik Grund zur Sorge?

Ich glaube, diese Entwicklung muss definitiv Sorge bereiten. Wir stehen am Anfang einer vierten Welle, die Fallzahlen steigen exponentiell, es zirkuliert mit Delta eine Virusvariante, die deutlich ansteckender ist als ihre Vorgänger – das bedeutet nichts Gutes. Es wird in einigen Monaten höchst­wahrscheinlich nur noch Geimpfte und Genesene geben. Das heißt: Wer sich nicht impfen lässt, wird an Covid-19 erkranken. Wir hoffen natürlich, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Intensivfälle nicht ganz so ansteigt wie in den vorangegangenen Wellen, weil viele Menschen bereits geimpft sind. Aber die bisherige Impfquote reicht eben nicht aus, um eine vierte Welle zu verhindern. Im Moment können wir leider nicht genau sagen, wie sich die Situation weiter entwickeln wird.

Also – vielleicht etwas drastisch ausgedrückt – uns erwartet eine unsichere Zukunft?

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Eine ungewisse Zukunft, die im Moment auch durch den Wahlkampf geprägt ist. Ich habe den Eindruck, dass niemand aus der Politik zurzeit über Einschränkungen oder Ähnliches sprechen möchte, weil die Befürchtung groß ist, dass dadurch Wählerstimmen verloren gehen könnten. In der aktuellen Situation hat der Wahlkampf sicher keinen positiven Effekt auf die weitere Entwicklung der Inzidenzen, Krankenhaus­aufnahmen und Intensiv­belegungen. Das sind optimale Bedingungen für das Coronavirus. Wir alle können jedoch den Verlauf der Pandemie beeinflussen, indem wir uns impfen lassen. Die Impfungen sind der einzige weitgehende Schutz vor gravierenden Folgen und der einzige Weg aus der Pandemie.

Das heißt, die beste Vorbereitung für den Herbst wäre, sich impfen zu lassen?

Absolut. Mit einer Impfung schützt man nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Damit meine ich auch Familien­angehörige und Freunde. Das heißt, man hat auch eine Verantwortung seinem sozialen Umfeld gegenüber. Und gleichzeitig haben wir mit den Impfungen die Chance, zu verhindern, dass sich das Coronavirus weiter verbreitet. Denn je mehr wir dem Virus die Möglichkeit bieten, sich auszubreiten, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass es mutiert. Im schlimmsten Fall könnten dann Varianten entstehen, die tödlicher sind oder öfter für schwere Krankheits­verläufe sorgen. Dann haben wir ein echtes Problem.

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Diskussionen über Beschränkungen für Ungeimpfte
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Baden-Württemberg denkt über drastische Maßnahmen nach, um Geimpften und Genesenen Freiheiten zu gewähren.  © Reuters
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Bundes­gesundheits­minister Jens Spahn (CDU) warnte jüngst sogar vor einer Überlastung des Gesundheits­systems, wenn die Impfquote nicht weiter steigt und die AHA-Regel vernachlässigt wird. Ist seine Befürchtung berechtigt?

Ich bin nicht immer derselben Meinung wie Herr Spahn, und in diesem Fall teile ich seine Meinung. Für Delta, also eine deutlich ansteckendere Virusvariante, reicht die derzeitige Impfquote einfach nicht aus, um eine Belastung des Gesundheits­systems abzuwenden. Hinzu kommt, dass es keinen Lockdown mehr geben wird. Zumindest haben das die Kanzlerkandidatin und die Kandidaten von CDU, SPD und Bündnis ’90/Die Grünen angekündigt. Das bedeutet, die Ansteckungs­wahrscheinlichkeit wird im Herbst viel höher sein, als es in der Vergangenheit durch die Lockdowns jemals der Fall gewesen ist.

Was würde eine erneute starke Belastung für Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ärztlichen Bereich und in der Pflege bedeuten?

Die Menschen, die im Gesundheits­wesen arbeiten, sind ohnehin chronisch belastet. Wir haben diesen inneren Antrieb, immer alles zu geben und so viele Menschen­leben wie möglich zu retten. Das kann bisweilen auch dazu führen, dass wir uns übernehmen. Die drei Infektionswellen, die inzwischen hinter uns liegen, waren eine zusätzliche Herausforderung und haben das Arbeitspensum noch einmal verstärkt. Ich kenne viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sagen, dass sie ausgebrannt sind. Wir sind auf einem energetischen Level, das wir so noch nicht kannten – und das wird bei einer vierten Corona-Welle natürlich nicht besser.

Während der zweiten und dritten Corona-Welle mussten zeitweise mehr als 5000 Corona-Intensivfälle bundesweit versorgt werden. Glauben Sie, derartige Höchststände sind auch während der vierten Welle möglich?

Ich glaube, dass es im Moment nicht auszuschließen ist, dass wir eine ähnliche Situation erleben werden wie in der zweiten und dritten Welle. Das liegt daran, dass bisher einfach noch nicht ausreichend Menschen gegen Covid-19 geimpft sind. Die weitere Entwicklung hängt daher schlussendlich maßgeblich von der Impfbereitschaft der Menschen ab. Wenn die Impfquote weiterhin stagniert, werden wir wahrscheinlich eine vergleichbare Lage auf den Intensiv­stationen haben wie in der zweiten und dritten Infektions­welle. Schaffen wir es, mehr Menschen vollständig zu impfen, wird es möglicherweise nicht so schlimm werden. Wir müssen jetzt also alles dafür tun, die Impfbereitschaft weiter zu steigern.

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