Werden die Intensivbetten knapp, weil Krankenhäuser geschlossen wurden?

  • In den vergangenen Jahren sind in Deutschland zahlreiche Krankenhäuser geschlossen worden.
  • Wird das in der Corona-Krise nun zum Problem?
  • Experten widersprechen: Während zwar die Zahl der Krankenhausbetten gesunken ist, ist die Zahl der Intensivbetten gestiegen.
Janika Schönbach
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Die Intensivmedizinier in Deutschland schlagen Alarm: Derzeit seien nur noch rund 2000 sogenannte High-Care-Betten frei, die für schwer Covid-19-Erkrankte und andere Schwerkranke benötigt würden, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, am Freitag im „Morgenmagazin“. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagte er: „Die Zeit drängt die Lage spitzt sich zu.“ Seit dem Tiefstand der zweiten Welle am 13. März mit 2700 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen habe man einen ungebremsten steilen Anstieg der Intensivpatienten. „Ich gehe davon aus, dass die Spitze der dritten Welle höher als die der zweiten mit 5762 Intensivpatienten werden wird“, sagte Marx.

Doch ist das Problem vielleicht hausgemacht? Wird der Platz auf den Intensivstationen in der Corona-Krise deshalb so knapp, weil in den vergangenen Jahren viele Krankenhäuser geschlossen wurden? Diese These ist immer wieder in den sozialen Medien zu lesen. Doch Experten widersprechen.

Ein Blick auf die Zahlen scheint die These auf den ersten Blick zu bestätigen. Das Statistische Bundesamt (Destatis) erfasst die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland seit 1991. Gab es damals noch 2411 Krankenhäuser in Deutschland, sank ihre Zahl bis 2019 auf 1914 Kliniken. Und auch die Zahl der Krankenhausbetten ist in diesem Zeitraum kontinuierlich gesunken: von mehr als 665.000 Betten auf gut 494.000.

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Weniger Krankenhäuser, aber Zuwachs bei den Intensivbetten

Weniger Krankenhäuser und weniger Krankenhausbetten insgesamt bedeuten aber nicht automatisch, dass es auch weniger Intensivbetten gibt. Das zeigen die Daten des Bundesamts für Statistik ebenfalls. Während die Zahl der Krankenhausbetten insgesamt sank, sei die Zahl der Intensivbetten in Krankenhäusern im selben Zeitraum ausgebaut worden. Von 20.200 Intensivbetten im Jahr 1991 auf 27.500 Intensivbetten im Jahr 2018. Damit steht ein Zuwachs von 36 Prozent für die Intensivbetten einem Rückgang der Krankenhausbetten um 25 Prozent gegenüber.

Die Rechnung weniger Krankenhäuser gleich weniger Intensivbetten geht also nicht auf. „Wenn ein Krankenhaus schließt, heißt das nicht unbedingt, dass diese Betten komplett wegfallen, oft wird ein Krankenhaus in der Umgebung dann größer“, sagt Joachim Odenbach, Pressesprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft. „Die Behauptung, durch die Schließungen würde die Situation drastisch verschlechtert, kann ich nicht nachvollziehen.“ Denn bei den geschlossenen Häusern gehe es oft um kleinere Häuser mit einer geringeren Bettenzahl. „Das ist nicht existenziell für die Frage, ob wir mit den Intensivbetten hinkommen oder nicht. Wir sprechen ja nicht davon, dass die Charité in Berlin schließt“, sagt Odenbach.

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Versorgungsdichte in Deutschland im internationalen Vergleich hoch

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Die Schließung von Krankenhäusern beeinflusst also nicht zwingend die Versorgung mit Intensivbetten. Doch gibt es denn in Deutschland allgemein zu wenig Intensivbetten – etwa im internationalen Vergleich?

Auch dem widerspricht Odenbach deutlich: „Wir haben in Deutschland die höchste Versorgungsdichte mit Intensivbetten der Welt.“ Das Deutschland im internationalen Vergleich viele Intensivbetten hat, zeigen auch Zahlen des Bundesamts für Statistik. Demnach kommen in Deutschland 33,9 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner. Destatis bezieht sich bei der Zahl auf Daten aus einem Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) auf Basis verschiedener Erhebungen in zehn ihrer Mitgliedstaaten aus den Jahren 2013 bis 2020. Zu beachten sei bei den Angaben außerdem, dass die Kapazitäten in der Krise weiter ausgebaut würden.

Ein Problem bleibt der Personalmangel

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Ähnliche hohe Versorgungszahlen haben in dem OECD-Vergleich nur Österreich (28,9 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner) und die USA (25,8 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner). In dem von der Corona-Pandemie schwer getroffenen Italien kommen dagegen nur 8,6 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner, in Spanien sind es 9,7. In Irland nur fünf Intensivbetten auf 100.000 Einwohner.

Das Problem liegt laut Odenbach an einer anderen Stelle. „Das Hauptproblem ist immer der Personalmangel“, sagt er. Denn während es in Deutschland wahrscheinlich möglich wäre, mehr als 30.000 Intensivbetten betriebsbereit zu machen, um sie dann auch tatsächlich alle belegen zu können, fehle aber das Personal. „Um alle Reservebetten zu nutzen, müsste man den gesamten Regelbetrieb einstellen.“ Ähnlich sei es während der ersten Corona-Welle gewesen, als die Krankenhäuser über Verordnungen dazu angehalten wurden, Leistungen, die verschiebbar waren, zu verschieben.

Das Personal fehlt, führe auch dazu, dass von den 31 000 im September 2020 gemeldeten Intensivbetten zurzeit nur noch 24.000 betriebsbereit wären, so Marx. Die Betreuung von Covid-19-Patienten ist besonders intensiv, sodass mehr Personal pro Bett benötigt wird. Ein weiterer Grund für die große Schwankung sei eine Bitte an die Krankenhäuser gewesen, nur noch Betten zu melden, die wirklich physikalisch und mit Personal zur Verfügung stehen, dass habe zu einer Korrektur der Zahlen geführt, sagte Marx dem RND.

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