Wenn die Pandemie das Zeitgefühl stört

  • Corona hat uns in einen neuen Alltag gestoßen. Wie arrangieren wir uns damit?
  • Das Autorenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und leistet Hilfestellung für die Krisenzeit.
  • In dieser Woche: Das Drama um Astrazeneca geht weiter.
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Liebe Leserinnen und Leser,

das zweite Ostern im Lockdown steht bevor. Gut, es ist nicht die kurzzeitig angedachte und schnell wieder verworfene Osterruhe – aber normal ist in diesem zweiten Jahr der Pandemie weiterhin noch nichts. Im Gegenteil: Vor rund einem Jahr erreichte die erste Welle der Corona-Pandemie ihren Höhepunkt. Das nachzuschauen ist einfach. Die Pandemie ist schließlich vermessen, Tag für Tag in Zahlen, Daten, Fakten festgehalten. Die Erinnerung dagegen fällt schwer. Ich zumindest kann mich nur mit Mühe daran erinnern, was genau vor einem Jahr war. Wie habe ich die Ostertage 2020 verbracht? Mit spazieren gehen? Skypen? Oder war das gar nicht an Ostern, sondern Ende April? Im Mai?

Überhaupt scheint mein Gefühl für Zeit mit dem Fortschreiten der Pandemie Schritt für Schritt aus den Fugen geraten zu sein. Die Wochen rauschen nur so vorbei – und gleichzeitig zieht sich der Lockdown in die Unendlichkeit. Ist wirklich schon wieder April? Neue Eindrücke, die zu neuen Erinnerungen werden können, sind dieser Tage schließlich rar. Aber gleichzeitig kann dieser Rausch der Zeit – wenn Sie ihn denn genau so empfinden – ja auch etwas Tröstliches haben. Wir haben schon April. Wir haben schon so viel überstanden. Und wir haben es bis hierher geschafft.

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Falls Sie allerdings Mühe haben, sich zu erinnern, welche Regelungen wann für den Astrazeneca-Impfstoff gegolten haben oder derzeit gelten – das hat nichts mit der verschobenen Lockdown-Zeitrechnung zu tun. Das Hin und Her mit Astrazeneca ist auch diese Woche weitergegangen. Wir werden deshalb versuchen, das Chaos in diesem Newsletter ein bisschen zu ordnen.

Schöne Feiertage!

Anna Schughart

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
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Erkenntnis der Woche

Die Aufregung um Astrazeneca ist noch nicht vorbei. Um es kurz zusammenzufassen: Zunächst wurde der Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens in Deutschland nur für Menschen unter 65 Jahre empfohlen. Dann wurden die Impfungen kurzzeitig gestoppt, dann wieder aufgenommen. Derzeit – das ist die neueste Entwicklung aus dieser Woche – sollen mit dem Impfstoff in der Regel nur Menschen ab 60 Jahren geimpft werden. Ob es dabei bleibt? Anders als Deutschland rät die EU-Arzneimittelbehörde EMA vorerst nicht zu Einschränkungen bei der Anwendung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca. Doch die Behörde prüft derzeit noch.

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Grund für das Hin und Her sind die weiter auftretenden Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen. Ob es auch einen kausalen Zusammenhang gibt, wird noch untersucht. Forscher vermuten, dass die Bildung der Gerinnsel über eine starke Immunantwort und dabei entstehende Antikörper, die an die Blutplättchen andocken und diese aktivieren, laufen könnte.

Gute Nachrichten kommen diese Woche dagegen von anderen Impfstoffherstellern. Am Mittwoch teilten die Unternehmen Biontech/Pfizer mit, dass ihr Impfstoff auch Jugendliche zuverlässig vor einer Covid-19-Erkrankung schützen kann. Und: Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna schützen nicht nur vor schweren Verläufen, sondern können auch die meisten asymptomatischen Infektionen verhindern. Eine neue Studie der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) deutet darauf hin, dass Geimpfte nicht nur kaum noch erkranken, sondern sich auch nur noch selten infizieren.

Alltagswissen

Auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt: Im Kampf gegen die Pandemie wurden in einem Jahr auch viele Fortschritte gemacht. Zu den Osterfeiertagen vor einem Jahr standen etwa noch keine Impfungen oder Schnelltests zur Verfügung. Muss man sich also weniger Gedanken machen, wenn man dieses Jahr den Großeltern einen Besuch abstatten möchte? Jein. Schnelltests erkennen eher Menschen, die stark ansteckend sind. Komplett darauf verlassen, dass ein Schnelltest einen Infizierten auch als solchen identifiziert, kann man sich jedoch nicht.

Aber was ist, wenn Oma und Opa schon geimpft sind? Dann spielt zum Beispiel unter anderem die Frage, wann die Impfung erfolgte, eine Rolle. Wenn die erste Dosis etwa erst eine Woche her ist, kann der Impfschutz zum Beispiel noch nicht vollständig sein. Auch gibt es das Risiko einer Infektion trotz Impfung. Der Besuch bei den Großeltern wird nach Expertenansicht dann wie vor der Pandemie, „wenn wir die Herdenimmunität erreicht haben“. Jürgen Bauer, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, empfiehlt deshalb für die Festtage: einen Osterspaziergang. „Gehen Sie nach draußen!“

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Zitat der Woche

Ich glaube, es wird nicht ohne einen neuen Lockdown gehen, um diese Dynamik, die sich jetzt ohne jeden Zweifel eingestellt hat, noch einmal zu verzögern.

Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast

Forschungsfortschritt

Wie gefährlich ist die Corona-Variante B.1.1.7 für Kinder? Schon Ende vergangenen Jahres wiesen britische Experten darauf hin, dass sich Jüngere häufiger mit der Mutante infizieren könnten, berichtet RND-Redakteurin Laura Beigel. Damals war die Datenlage aber noch zu dünn gewesen, um eine Kausalität festzustellen. Eine Analyse der Mathematikerin Sarah D. Rasmussen von der Universität Cambridge kommt jetzt, rund vier Monate später, jedoch ebenfalls zu dem Ergebnis, dass sich B.1.1.7 bevorzugt unter Kindern und Jugendlichen verbreitet. Die gute Nachricht: Eine Infektion mit B.1.1.7 führt offenbar nicht zu einem schwereren Krankheitsverlauf in den jüngeren Altersgruppen. Schwere Erkrankungen bei Kindern sind weiterhin selten. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auftreten: Mit einer Zunahme der Corona-Ansteckungen bei Kindern und Jugendlichen sind nach Einschätzung von Markus Hufnagel vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg auch mehr Spätfolgen in diesen Gruppen zu erwarten.

Pandemie im Ausland

Wie klappt das Impfen eigentlich in anderen Ländern? RND-Korrespondenten aus Afrika, Russland, China, den USA, Israel und Großbritannien haben diese Woche über den Impffortschritt in ihren Ländern berichtet. In China zum Beispiel, erläutert Fabian Kretschmer, setzt man auf eine ganz andere Strategie: In der Volksrepublik werden Seniorinnen und Senioren nicht als Erstes geimpft, sondern werden bislang ausgeschlossen. Allerdings ist die Skepsis der Bevölkerung gegenüber den Impfungen wegen vergangener Skandale groß. Eine Skepsis, die die Chinesen mit vielen Russen teilen, wo der eigene Impfstoff Sputnik V verschmäht wird, wie Paul Katzenberger berichtet. In Israel und Großbritannien freut man sich dagegen über die Impffortschritte: In den Restaurants und Bars von Tel Aviv und Jerusalem wird wieder geflirtet, gezecht und gefeiert – fast, als gäbe es keine Pandemie auf dieser Welt.

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Mitarbeiter des Gesundheitswesens mit Mund-Nasen-Schutz stehen im neu eröffneten Impfzentrum in der SSE Arena von Belfast. © Quelle: Liam Mcburney/PA Wire/dpa

Was kommt

Schlechter hätte das letzte Bund-Länder-Treffen wohl nicht laufen können. Nach stundenlangen Verhandlungen, wurde die Osterruhe nur wenig später zurückgenommen. Abgeschlossen und vergessen ist die Geschichte damit nicht. Das machte auch Angela Merkels TV-Auftritt bei Anne Will noch einmal deutlich. Doch auch die Pandemie macht keine Pause – und Corona-Experten sprechen sich derzeit wieder für einen harten Lockdown aus. Reicht es, wenn die Ministerpräsidenten erst wieder im April zusammenkommen? Oder sind die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern sowieso nicht der richtige Ort für diese Entscheidungen? Bisher ist das nächste Bund-Länder-Treffen für den 12. April geplant.

Was die Pandemie leichter macht

Turninternetstar Erika Rischko macht in ihrem Wohnzimmer eine Übung. Die 81-jährige Rheinländerin ist ein weltweites Fitnessvorbild geworden. © Quelle: Ralph Matzerath/dpa

Sport und Bewegung wirken sich positiv auf Körper und Psyche aus. Regelmäßiges Training ist also wichtig – auch für Senioren. „Sport wirkt wie ein Jungbrunnen“, sagt Claudia Meyer, Physiotherapeutin im Olympiastützpunkt Leipzig. Sie weiß: „Auch, wer lange keinen Sport gemacht hat, kann Schritt für Schritt wieder einsteigen, sich an Anstrengung und Belastung gewöhnen.“ Denn: „Es ist nie zu spät, mit Bewegung zu beginnen.“ Sie rät Senioren, drei bis vier Tage, jeweils 30 bis 40 Minuten aktiv zu sein und dabei Kondition, Kraft und Koordination zu trainieren. Dazu eignen sich zum Beispiel Wandern, Radfahren, Schwimmen oder Tanzen, Kniebeugen und Bank- beziehungsweise Liegestützen und Gleichgewichtsübungen.

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