Weniger Kaiserschnitte sind möglich – wenn die Politik Hebammen stärkt

  • Eine Studie belegt einmal mehr, dass Kaiserschnittkinder häufiger zu Fettleibigkeit neigen.
  • Deutschland liegt bei der Zahl der Kaiserschnitte ganz vorn.
  • Wer an dem Problem etwas ändern will, muss endlich die Geburtshilfe stärken, meint Dany Schrader.
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Hannover. Kaiserschnitt oder spontane Geburt? Frauen, die in Deutschland ein Kind erwarten, müssen sich zwangsläufig früher oder später diese Frage stellen. Und zwar nicht etwa beim Vorsorgetermin in der Hebammenpraxis oder beim Gynäkologen. Sondern auch beim Kaffee mit den älteren Verwandten, im Geburtsvorbereitungskurs oder beim Austausch mit anderen Müttern im Park. Die Frage nach einem möglichen Kaiserschnitt wird Schwangeren immer wieder so offen und unbedarft gestellt – ganz so, als handele es sich hierbei nicht um eine medizinische, sondern um eine persönliche Entscheidung, je nachdem, wie viel Schmerz sich Frauen bei der Entbindung zumuten wollten. Dabei raten gute Gynäkologen und Hebammen Schwangeren stets von einem geplanten Kaiserschnitt ab, wenn dieser nicht medizinisch notwendig ist. Spontan zur Welt gekommene Babys sind nicht nur fitter, sondern in den meisten Fällen auch langfristig gesünder.

Deutschland ist Kaiserschnitt-Europameister

Dieses Ergebnis zahlreicher Metaanalysen hat nun noch einmal eine neue, von der Techniker-Krankenkasse (TK) in Auftrag gegebene Studie bestätigt: Sogenannte Sectio-Babys leiden auf lange Sicht häufiger an Autoimmunkrankheiten, Allergien, Asthma oder Übergewicht.

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Und doch hat sich die Zahl der Kaiserschnittgeburten nach Erhebungen des Robert-Koch-Institutes bundesweit seit 1994 fast verdoppelt. Deutschland ist sogar Kaiserschnitt-Europameister: Wir zählen mit einer Quote von rund 32 Prozent zu den Ländern mit den höchsten Sectio-Raten, der Durchschnitt in der EU lag im Jahr 2010 nur bei rund 25 Prozent.

Der Blick auf die Gründe ist zugleich eine treffende Momentaufnahme zum Zustand der Geburtshilfe in Deutschland und der Frage der Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Immer wieder wird das hohe Alter der Schwangeren und der damit verbundenen Risiko-Entbindungen genannt. Diese wiederum sind oftmals beruflich begründet: Frauen, die heute Kinder kriegen, wollen oftmals zunächst im Beruf durchstarten, bis sie sich, häufig zwangsläufig, in die Teilzeit verabschieden.

Aber es gibt auch physiologische Gründe für die Kaiserschnittraten: Die Zahl großer Kinder und der Mehrlingsgeburten, die spontan meist nicht zu bewältigen sind, steigt mit der Zahl künstlicher Befruchtungen an.

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Hebammenmangel mögliche Ursache

TK-Vorstand Jens Baas, der die Kaiserschnittzahlen gestern als „erschreckend hoch“ bezeichnete, nannte die Vermutung, dass der Hebammenmangel in deutschen Kliniken dazu führen könne, dass Frauen lieber geplant per Kaiserschnitt entbänden. Möglicherweise hat er mit dieser Deutung ins Schwarze getroffen: Der Zustand der Geburtshilfe in Deutschland ist verheerend. Während Geburtenzahlen weiter steigen, gab es schon im Jahr 2016 ein Fünftel weniger Entbindungsstationen in Deutschland als noch zehn Jahre zuvor.

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Das, was in Medienberichten oft übertrieben klingt, ist in Deutschland längst Alltag: Geburtshäuser schließen und überfüllte Kliniken weisen Frauen kurz vor der Entbindung an der Tür ab. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat im Jahr 2017 rund 200 Krankenhäuser erfasst, in denen dies gezwungenermaßen Praxis ist. Den Kliniken mangelt es an Geld und an Personal. Noch dazu kommt das Dilemma mit den horrenden Kosten, die Belegärzte und Hebammen für die Berufshaftpflichtversicherungen bezahlen müssen, sobald sie Geburten betreuen.

Die Folge ist ein Trauerspiel: Werdenden Müttern wird mittlerweile geraten, sich am besten noch mit dem Schwangerschaftstest in der Hand eine Hebamme zu suchen. Oftmals müssen die Frauen bis zu 30 Anrufe führen, bis sie jemanden für die Vorsorge gefunden haben. Die Situation ist so ernst, dass die Betreuung dieser Suchenden bereits zu einem Geschäftsmodell avanciert ist: In Großstädten wie Berlin übernehmen Agenturen die leidige Suche.

Ohne Hebammen geht es nicht

An diesem Punkt mutet es dann etwas halbherzig an, wenn die angeblich so um die Familien bemühten Sozial- und Christdemokraten im Koalitionsvertrag einen lahmen Passus wie „wohnortnahe Geburtshilfe“ verankert haben. Auch die Verlagerung der Hebammenausbildung an die Hochschule greift noch nicht, um den Berufsstand zu sichern und ausreichend Fachkräfte zu erhalten.

Dabei sind es die Hebammen, die auch schwierige Geburten mit viel Wissen und Erfahrung meistern und damit vorschnelle Kaiserschnitte verhindern. Die Hebammen nehmen den Frauen in der Vorsorge die Angst vor einer spontanen Entbindung. Eine Petition zur Sicherung ihres Berufsstandes war bereits im Jahr 2010 die erfolgreichste Petition an den Deutschen Bundestag mit mehreren Hunderttausend Unterschriften.

Geburtshilfe ist ein Zukunftsfaktor

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Es ist höchste Zeit, dass sich etwas tut. Nur eine gute Geburtshilfe ermöglicht das Heranwachsen gesunder Kinder und einer starken Gesellschaft. Um es mit den Worten der freiberuflichen Hebamme Katharina Perreira zu sagen: Auch daran muss sich ein Land messen lassen, wenn es um Zukunftsfähigkeit und Fortschritt geht.