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Welt-Braille-Tag 2020: Sechs Punkte, die den Alltag von Blinden veränderten

  • Jedes Jahr am 4. Januar erinnert der Welt-Braille-Tag, der durch die Weltblindenunion betreut wird, an die Punktschrift für Blinde.
  • Sie wurde von dem damals erst 16-jährigen Louis Braille entwickelt.
  • Wieso sie trotz Digitalisierung ein essenzieller Bestandteil des Alltags von Sehbehinderten ist, lesen Sie hier.
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Hannover. Louis Braille wurde am 4. Januar 1809 in einem kleinen Dorf namens Coupvray in der Nähe von Paris geboren. Durch einen Unfall in der Sattlerwerkstatt seines Vaters verlor der damals erst Dreijährige einen Teil seines Augenlichts. Zwei Jahre darauf erblindete er gänzlich. Anfang des 19. Jahrhunderts hätte das eigentlich eine Zukunft auf dem Jahrmarkt bedeutet. Doch sein Vater gab Louis nicht auf, schnitzte seinem Sohn einen Blindenstock und lehrte ihn mit auf Holz geschlagenen Nägeln die Buchstaben – zum Glück. Denn dadurch, dass Braille Kontakte knüpfte und zur Schule ging, kam ihm in den Sommerferien der entscheidende Einfall. Mit einer dicken Nadel drückte er Punkte in Leder und erfand so mit nur 16 Jahren die Blindenschrift, wie wir sie heute kennen.

Mittlerweile ist sie zwar fast 200 Jahre alt, „die Brailleschrift bleibt aber unverzichtbar“, sagt Thomas Kahlisch, Leiter des Deutschen Zentrums für barrierefreies Lesen in Leipzig. Dabei besteht die Grundform der Blindenschrift nur aus sechs Punkten, die in zwei senkrechten Reihen zu je drei Punkten nebeneinander angeordnet sind.

Wie funktioniert die Brailleschrift eigentlich?

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Dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) zufolge ist die Brailleschrift mit einem Karton mit sechs Eiern vergleichbar. Sie könnten nummeriert werden. „Links oben ist Punkt eins, darunter Punkt zwei, darunter Punkt drei. Rechts oben ist Punkt vier, darunter fünf und unten rechts ist Punkt sechs“, erklärt der Verband. Die Buchstaben der Blindenschrift ergeben sich nun aus verschiedenen Kombinationen. Steht beispielsweise Punkt eins allein, ist er ein „a“, Punkt eins und zwei ergeben ein „b“. Dadurch sind 63 Verknüpfungen möglich. Großbuchstaben gibt es nicht.

Punktschrift für Blinde: So werden Zahlen und Noten dargestellt

Ähnlich verhält es sich mit Zahlen, die mithilfe der Brailleschrift dargestellt werden. Für die Zahlen eins bis zehn werden die Buchstaben „a“ bis „j“ verwendet. Und damit der Leser erkennt, dass es sich nicht um ein Wort, sondern um eine Zahl handelt, wird das sogenannte Zahlenzeichen davorgesetzt.

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Was viele nicht wissen: Nicht nur die Blindenschrift, sondern auch die vergleichsweise komplexeren Blindennoten wurden von Louis Braille entwickelt. Hierbei werden die einzeln stehenden oder in Akkorden zusammengefassten Noten in der Punktschrift linear dargestellt. Dabei stehen gesonderte Musikschriftzeichen wie Oktav- oder Intervallzeichen.

Bücher in Blindenschrift: Brailleschriftdruckereien und -bibliotheken

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Nachdem 1874 der erste Blindenverein in Berlin gegründet worden war, entstanden in ganz Deutschland Brailleschriftdruckereien und -bibliotheken. Sie unterscheiden sich von den herkömmlichen Einrichtungen etwa durch das Format der Punktschriftbücher, das oftmals bei 27x34 Zentimetern liegt. Und: Was ihre Dicke angeht, wäre ein Telefonbuch dem DBSV nach ein eher dünnes Werk.

Brailleschrift: Wie schreiben blinde Menschen?

Durch die Brailleschrift hatten Blinde erstmals die Möglichkeit, sich auch schriftlich auszudrücken. Hierfür gibt es beispielsweise eine Punktschriftmaschine oder eine Schrifttafel, also eine Art Schablone, bei der die Buchstaben seitenverkehrt Punkt für Punkt in ein Papier gestochen werden. „Die Tafel ist sozusagen der Kugelschreiber der Blinden“, erläutert der DBSV.

Blindenschrift im Zeitalter der Digitalisierung

Die Brailleschrift bleibt trotz der wachsenden Hilfsangebote für Blinde modern. „Die Digitalisierung verdrängt ja auch nicht die Schrift für sehende Menschen“, meint Kahlisch. Inzwischen gäbe es mehr als hundert barrierefreie Apps, also Anwendungen, die auch für Menschen mit Einschränkungen bedienbar sind.

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So können Sehbehinderte zum Beispiel mit der Smartphonekamera Beipackzettel oder Türschilder fotografieren und vorlesen lassen. Andere Apps ermöglichen, Farben von Kleidung zu erkennen. „Sprachassistenten sind auch eine große Hilfe, vor allem für blinde Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen“, erklärt der Experte. Wichtig sei, dass die Techniker auch bei Updates der Apps die Barrierefreiheit einhielten.

Mit einer Braillezeile können Blinde E-Books lesen

Kahlisch arbeitet häufig mit einer sogenannten Braillezeile, die sich über Bluetooth mit dem Smartphone verbindet. Mit diesem Gerät, das herkömmliche Schriftzeichen in Brailleschrift darstellt, können etwa E-Books oder Nachrichten gelesen werden. „Das ist in Meetings praktisch, wenn man sich nichts vorlesen lassen kann“, sagt er. Die Braillezeile sei heute nicht mehr größer als eine Tafel Schokolade.

RND

Mit einer Braillezeile und einem Smartphone, das mit Kopfhörern verbunden ist, arbeitet ein Präsidiumsmitglied des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV). © Quelle: Holger Hollemann/dpa
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