Covid-19: Wie Behörden versuchen, Ärzte im Ruhestand und Pflegepersonal zurück an die Front zu holen

  • Medizinisches Personal wird in der Corona-Krise händeringend gebraucht.
  • Auch Ärzte im Ruhestand werden verstärkt aufgefordert, sich zu engagieren - dafür werden teils hohe Honorare in Aussicht gestellt.
  • Das stößt manch einem übel auf - auch angesichts der enormen Diskrepanz zwischen den Löhnen für Ärzte und Pflegepersonal.
|
Anzeige
Anzeige

Ärzte und Pflegepersonal sind dieser Tage mehr gefordert denn je. Die Corona-Pandemie stellt unser Gesundheitssystem vor völlig neue, bislang so nie da gewesene Herausforderungen. Bilder von erschöpften Ärzten und Krankenpflegern, die sich rund um die Uhr um Corona-Patienten kümmern, machen auf sämtlichen Social-Media-Kanälen die Runde. Kurzum: Dem aktuellen Bedarf an medizinischem Fachpersonal sowohl in Kliniken wie auch in Praxen und an Teststationen kann mit den vorhanden Ressourcen nicht annähernd nachgekommen werden – vor allem dann nicht, wenn sich die Pandemie, wie befürchtet, weiter ausbreitet. Entsprechend hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bereits Anfang März seine Absicht erklärt, Ärzte im Ruhestand und Pflegepersonal, das in andere Bereiche abgewandert ist, zurückzuholen.

Am vergangenen Wochenende hat sich Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), per Videonachricht an die Ärzteschaft im Ruhestand und an Medizinstudenten gewandt: “Wir appellieren an die Kolleginnen und Kollegen, die vor kurzem in den Ruhestand gegangen sind und auch an die Medizinstudierenden, wenn Sie denn bereit sind mitzuhelfen, und dies auch gerne tun möchten, sich bei ihrer Landesärztekammer zu melden, die die Hilfsbereitschaft koordiniert”, so die eindringliche Bitte des BÄK-Präsidenten. Denkbar seien Einsätze in Beratungshotlines, in den Gesundheitsämtern, auch in den Praxen und in Einzelfällen auch in die Kliniken.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ehrenamt statt üppige Bezahlung

Ein Großteil der Ärzte war bereits in den vergangenen Tagen von den Kassenärztlichen Vereinigungen des jeweiligen Bundeslandes angeschrieben worden – darunter auch ein Arzt aus der Region Hannover, der sich gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sichtlich verärgert über das Schreiben, das dem RND vorliegt, äußerte. Seinen Namen will er öffentlich nicht nennen. Nicht nur, dass er aufgrund seines Alters zur Risikogruppe gehöre. Besonders habe er sich über die großzügige Bezahlung geärgert. 200 Euro pro Stunde sollen die Ärzte in Niedersachsen für ihren Einsatz erhalten: “Für mich ist das angesichts der Arzneimittelregresse, dem Würgegriff der Krankenkassen und der strengen Budgetierungen, denen ich jahrelang als praktizierender Arzt ausgeliefert war, nicht nachvollziehbar”, so sein Kritikpunkt.

Anzeige

Ein ehrenamtliches Engagement in der Krise wäre für ihn in Frage gekommen, aber dieses Angebot habe er als “pervers” empfunden. Plötzlich nun gingen die Füllhörner auf und großzügigste Honorare würden in Aussicht gestellt. Viele seiner älteren Kollegen hätten sich da ähnlich empört geäußert.

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen
Anzeige

Möglichst schnell viele Ärzte akquirieren

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) kann diesen Ärger in Teilen nachvollziehen, verteidigt den Schritt, derartige Stundensätze zu zahlen, aber dennoch: “Wir haben uns bei den Sätzen am Durchschnittsverdienst der KV-Mitglieder orientiert und wegen der erhöhten Infektionsgefahr noch etwas drauf gelegt”, so die Begründung von KVN-Sprecher Detlef Haffke. Zwar läge man mit diesen Sätzen bundesweit an der Spitze: “Unser Ziel war es aber, möglichst schnell, viele Ärzte zu gewinnen.” Haffke zufolge sei das in Niedersachsen auch gelungen und die 38 Testzentren landesweit aktuell “relativ gut ausgestattet”.

Auch der Arzt aus der Region Hannover sollte an einem der zahlreichen Testzentren zum Einsatz kommen. Tatsächlich, so sagt er, würden viele Gemeinschaftspraxen, wie sie heute ebenfalls aus Budgetgründen üblich seien, einen Arzt für die Arbeit an der Corona-Front freistellen – auch um mit seinem Verdienst mögliche Verluste in der Praxis auszugleichen.

Was ihn darüber hinaus maßlos geärgert habe, auch dieser Punkt sei vielen seiner Kollegen übel aufgestoßen, sei die extreme Honorar-Diskrepanz zwischen Ärzten und medizinischen Fachangestellten, die in eben jenem Schreiben aufgerufen werde: Während die Arbeit der Ärzte in der Krise mit 200 Euro pro Stunde vergütet wird, sollen medizinische Fachangestellte – jene in diesen Tagen systemrelevanten Kräfte für die unermüdlich an den Fenstern dieser Republik geklatscht werde – einen Stundensatz in Höhe von 30 Euro erhalten – obwohl sie sich, ebenso wie die Ärzte, in erhöhte Gefahr begeben.

Video
Corona oder Grippe? Wie erkenne ich, ob ich betroffen sein könnte?
1:02 min
Die Angst vor dem Coronavirus steigt vielen zu Kopf. Fake News, Irreführende Gerüchte und viel Panikmache helfen da nicht.  © Marc Mensing/RND

Unterschiedliches Maß in der Verantwortung

KVN-Sprecher Haffke verteidigt auch diesen Schritt: Man habe sich an den Sätzen des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes für medizinische Fachangestellte orientiert und diesen mit einem Stundensatz von 30 Euro verdoppelt. Ärzte seien in besonderer Verantwortung, bei den medizinischen Fachangestellten ginge es vor allem um administrative Arbeiten. Inwiefern zumindest in Niedersachsen auch in Zukunft Stundensätze in Höhe von 200 Euro für Ärzte aufgerufen werden könnten, sei fraglich. Der Sicherstellungsfond, aus dem die Gelder kämen, werde immer stärker belastet, so Haffke.

So viel steht bereits jetzt fest, die Corona-Pandemie wird die Krankenkassen und Verbände Milliarden kosten. Die oberste Kassenmanagerin Doris Pfeiffer hatte bereits vergangene Woche im RND-Interview beteuert, dass Ärzte und Krankenhäuser immer genügend Geld bekämen und dass man ihnen während der Corona-Krise den Rücken freihalte, dafür gebe es entsprechende Reserven: “Die einzelnen Krankenkassen bekommen unabhängig von den Beitragszahlungen feste Einnahmen aus dem Gesundheitsfonds. Glücklicherweise verfügt der über Reserven, die in dieser Krise dringend gebraucht werden. Das deutsche Gesundheitswesen steht vor der größten Herausforderung seit Jahrzehnten und die gesetzliche Krankenversicherung sorgt im Hintergrund für die notwendige Stabilität”, so Pfeiffers Versprechen.






“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen