Was Weimar in der Corona-Krise besser macht als andere Städte

  • Null Corona-Fälle in den vergangenen sieben Tagen verzeichnete die Stadt Weimar in der Nacht von Sonntag auf Montag.
  • Weimar liegt weit unter der Sieben-Tage-Inzidenz des gesamten Bundeslandes Thüringen.
  • Oberbürgermeister Peter Kleine versucht die Zahlen mit strukturellen Vorteilen seiner Stadt sowie Respekt der Bürger vor dem Staat zu begründen.
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Als gelb-orange-roten Flickenteppich stellt das Robert-Koch-Institut Deutschland dar – mit einem weißen Punkt ziemlich in der Mitte. Dort liegt Weimar. In der Nacht von Sonntag auf Montag gab es in der kreisfreien Stadt seit sieben Tagen keinerlei Corona-Fälle mehr. Seit Beginn der Pandemie haben sich 145 Menschen aus Weimar mit dem Coronavirus angesteckt. Gestorben an Covid-19 ist bisher niemand. Was macht die thüringische Stadt besser als der Rest Deutschlands? Ein Anruf im Rathaus.

Oberbürgermeister Peter Kleine gibt sich bescheiden. „Das ist eine Momentaufnahme. Auf der einen Seite haben wir sehr viel Glück“, sagt der 48-jährige, parteilose Politiker, der seit 2018 im Amt ist. Auf der anderen Seite sei die Stadtverwaltung einfach sehr gut organisiert. Rund zwei Dutzend Mitarbeiter seien im Gesundheitsamt mit Corona beschäftigt. Sie kümmern sich wie andernorts in Deutschland darum, die positiv Getesteten und deren Kontaktpersonen umgehend in Quarantäne zu schicken. „Wir sind auch am Wochenende die ganze Zeit im Einsatz, wenn ein positiver Fall auftritt. Wir sind wohl einfach schnell“, meint Kleine.

Drei Viertel der kreisfreien Städte sind größer

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Angesprochen auf die Einwohnerzahl Weimars, rund 65.000 Menschen, beeilt sich Kleine zu sagen: „Wir sind eine Weltstadt.“ Auf ihrer Webseite wirbt die Stadt, in der das Bauhaus gegründet wurde, damit, Kulturstadt Europas zu sein. Aber sie ist doch auch klein, gibt der Oberbürgermeister zu. Und das könne ein weiterer Grund sein, warum die Corona-Prävention hier besonders gut klappt. „Weimar ist eine kreisfreie Stadt. Das heißt, wir haben ein eigenes Gesundheitsamt. Wir haben eine Struktur, mit der wir arbeiten können und trotzdem ist es ein recht überschaubares Gebiet“, erklärt der Rathauschef. Die meisten kreisfreien Städte seien bedeutend größer.

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Etwa drei Viertel der kreisfreien Städte in Deutschland verzeichnen mehr Einwohner als Weimar, verrät ein Blick in die Tabellen des Statistischen Bundesamtes. Und auch, was die Bevölkerungsdichte anbelangt, leben in rund drei Vierteln der kreisfreien Städte hierzulande im Schnitt mehr Menschen auf einem Quadratkilometer. In Weimar teilen sich im Schnitt rund 770 Menschen einen Quadratkilometer. Städte mit annähernd ähnlichen demografischen Werten sind Wilhelmshaven in Niedersachsen und Passau in Bayern.

Peter Kleine, Oberbürgermeister der Stadt Weimar in Thüringen, geht mit gutem Beispiel in der Corona-Krise voran. © Quelle: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dp
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Regeln einhalten wie in der DDR

Die Zahlen in Wilhelmshaven sind ähnlich gut wie die in Weimar. 3,9 bestätigte Covid-19-Fälle hat es hier in den vergangenen sieben Tagen je 100.000 Einwohner gegeben. Insgesamt haben sich seit Beginn der Pandemie nur halb so viele Menschen wie in Weimar angesteckt. Verstorben ist in Wilhelmshaven bisher ein Mensch an Covid-19. In Passau hingegen kratzt die Sieben-Tage-Inzidenz mit 49,2 Covid-19-Fällen pro 100.000 Einwohnern knapp am kritischen Grenzwert von 50. Fast doppelt so viele bestätigte Covid-19-Fälle wie in Weimar gibt es hier, 18 Tote durch die Lungenkrankheit hat die Drei-Flüsse-Stadt zu beklagen. Nur mit der Struktur der Stadt Weimar lassen sich die niedrigen Infektionszahlen also nicht erklären.

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Weil die Corona-Zahlen in dem Landkreis zuletzt sprunghaft gestiegen sind, dürfen die Menschen ihre eigene Wohnung nur noch aus triftigen Gründen verlassen.  © Reuters

Oberbürgermeister Peter Kleine überlegt weiter. Er erzählt davon, wie gerade die älteren Menschen reagieren, wenn er sie an ihrem Geburtstag besucht, mit Alltagsmaske im Gesicht. Nämlich: mit Respekt. „Vielleicht ist das noch ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten, dass man ein anderes Verhältnis zum Staat hat, ohne, dass das jetzt zu negativ klingt“, sagt er. Insbesondere die älteren Herrschaften seien es noch von früher gewöhnt, dass wenn der Staat Dinge verordnet, dass man sich daran halte. Also liegt es auch an der Mentalität der Bürger seiner Stadt, dass die Fallzahlen dort so niedrig sind? Das sei eine eher philosophische Frage, entgegnet Kleine, und zwar zum Thema Egoismus. „Wie sehr beeinflusst mein Handeln die Gemeinschaft?“, fragt er rhetorisch und fährt fort: „Man merkt, dass gerade in den älteren Generationen dieser Egoismus hier nicht so sehr vorhanden ist.“ Das sei vielleicht auch ein Grund, warum sich die Menschen in Weimar mehr an die Regeln hielten, mutmaßt der Oberbürgermeister.

Niedrigere Infektionszahlen in Ostdeutschland

Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Karte des Robert-Koch-Instituts, die die Anzahl der Covid-19-Fälle farbig darstellt. Tatsächlich: In Ostdeutschland dominieren abseits von Berlin helle Farbtöne, was für niedrigere Infektionszahlen steht. Ob nun die Mentalität der Ostdeutschen dafür der Hauptgrund ist, ist fraglich. Denn die neuen Bundesländer sind im deutschlandweiten Vergleich dünn besiedelt. Laut dem Statistischen Bundesamt wohnen in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 69 Menschen auf einem Quadratkilometer und in Sachsen-Anhalt 107. In Thüringen, wo Weimar liegt, teilen sich 132 Einwohner einen Quadratkilometer.

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In Mecklenburg-Vorpommern, wo ein einzelner Mensch durchschnittlich in Deutschland am meisten Platz für sich hat, haben sich seit Beginn der Pandemie 107 Menschen je 100.000 Einwohner angesteckt. In Thüringen gibt es seit Anfang der Pandemie 235 bestätigte Covid-19-Fälle je 100.000 Einwohner. Die Tendenz zeigt: Abstand hilft auch auf der Fläche das Verbreiten des Coronavirus einzudämmen. Immer geht dieser Zusammenhang allerdings nicht auf. Trauriger Spitzenreiter ist nämlich Bayern mit 616 bestätigten Covid-19-Fällen je 100.000 Einwohner. Und das, obwohl sich hier im Schnitt nur 186 Menschen einen Quadratkilometer teilen. Sogar Berlin hat mit 596 bestätigten Fällen je 100.000 Einwohnern relativ gesehen weniger Fälle vorzuweisen. Dabei leben hier fast 4100 Menschen auf einem Quadratkilometer.

Auch Kassierer tragen Alltagsmasken

Doch mit einem Alleinstellungsmerkmal kann Oberbürgermeister Peter Kleine aus Weimar noch aufwarten: der stadteigenen Corona-Allgemeinverfügung. Die ist nämlich strenger als in vielen anderen Orten Deutschlands. Verkäufer im Supermarkt oder Modegeschäft müssen hier genauso wie die Kunden einen Mund-Nasen-Schutz tragen – es sei denn, sie sitzen hinter einer Plexiglasscheibe an der Kasse, oder es sind gerade keine Kunden anwesend. Kleine glaubt, diese Regelung habe neben weiterer Aufklärungsarbeit durch Videobotschaften und Aushängen zu einer höheren Akzeptanz der Corona-Schutzmaßnahmen in seiner Stadt geführt. „Es ist doch kaum erklärbar, wenn ein Kunde eine Maske tragen muss, das Verkaufspersonal aber nicht. Wir machen da keinen Unterschied zwischen den Menschen. Denn das macht das Virus ja auch nicht“, sagt er.

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Weitere Präventionsmaßnahmen: Auf großen öffentlichen Veranstaltungen unter freiem Himmel, wie dem Zwiebelmarkt mit laut Kleine rund 75.000 Besuchern vor knapp zwei Wochen, verordne die Stadt ebenfalls eine Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Gemurrt darüber hätte kaum jemand, die Menschen freuten sich eher, dass so ein Fest stattfinden könne. Außerdem steht der Oberbürgermeister im engen Kontakt mit den Gastronomen der Stadt, wirbt für das korrekte Führen von Kontaktlisten. Kontrolleure des Ordnungsamtes hätten besonders die Restaurants im Blick. Aber: „Das Durchsetzen der Corona-Regeln soll mit Fingerspitzengefühl passieren und nicht von oben herab“, sagt Kleine.

Aktuell gibt es wieder Corona-Fälle in Weimar. Momentan liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 1,5 – immer noch weit unter dem Durchschnitt des gesamten Bundeslandes Thüringen mit knapp 23 bestätigten Covid-19-Fällen in den vergangenen sieben Tagen. „Die null Fälle waren eben nur eine Momentaufnahme“, wiederholt Oberbürgermeister Peter Kleine. Dann betont er, wie sehr sich die Stadt und besonders die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes über die positive Presse freuen. Sie können zu Recht stolz auf sich sein. Null Covid-19-Infektionen verzeichnet zwar jetzt auch Lüchow-Dannenberg. Der Unterschied: Der niedersächsische Landkreis zählt zu den fünf dünnst-besiedelten Kreisen Deutschlands. Durchschnittlich teilen sich in Lüchow-Dannenberg 39 Menschen einen Quadratkilometer. In Weimar sind es bekanntlich um die 770 – und die haben wahrscheinlich nicht nur Glück, sondern das mit dem Abstand, der Hygiene und den Alltagsmasken richtig gut drauf.

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