Studie untersucht: Monatelange Corona-Maßnahmen notwendig?

  • Eine Studie hat die Effektivität unterschiedlicher Strategien im Kampf gegen das Coronavirus untersucht.
  • Sie empfiehlt die vollständige Unterdrückung des Virus mittels verschiedener Maßnahmen.
  • Die Dauer dieser Maßnahmen birgt jedoch große Herausforderungen.
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Die Schulen sind geschlossen. Großveranstaltungen – von ESC bis EM – abgesagt oder verschoben. Und nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend noch einmal eindringlich zum freiwilligen Verzicht auf persönliche soziale Kontakte aufgerufen hatte, werden am Donnerstag schon schärfere Töne angestimmt: Eine erste Kommune verhängt Ausgangssperren, andere Politiker drohen damit.

Im Kampf gegen das neuartige Coronavirus kommen derzeit weltweit eine ganze Reihe unterschiedlicher Maßnahmen in unterschiedlicher Intensität zum Einsatz – von sozialer Distanzierung bis zum Hausarrest. Während China auf drastischere Maßnahmen setzt, wird etwa dem britischen Premier, Boris Johnson, vorgeworfen, zunächst mit viel zu laschen Maßnahmen reagiert zu haben. Die Angst vor einem Corona-Desaster in Großbritannien ist groß.

Regierungen im Zugzwang

In der Gemengelage aus verschiedenen Strategien stellt sich daher die Frage: Welche Maßnahmen sind im Kampf gegen das neuartige Coronavirus wirklich effektiv? Und wie lange müsste man sie durchhalten?

Eine mögliche Antwort auf diese Fragen liefern Forscher des Imperial College aus London mit einem mathematischen Modell. Darin berechnen sie den Erfolg verschiedener Maßnahmen für die USA und Großbritannien. Als Grundlage dienen Annahmen und Erkenntnisse über das Virus aus China und auch Italien.

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Können nicht warten, bis Impfstoff da ist

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Grundlegend, schreiben die Forscher in ihrer Studie, sei die aktuelle Situation so: Weil es derzeit noch keinen Impfstoff gegen das Virus gebe, müsse man auf sogenannte “nicht-pharmazeutische Interventionen” zurückgreifen. Dazu zählen unter anderem Schulschließungen, aber auch ein generelles Social Distancing.

Das Ziel dieser Maßnahmen sei, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, beziehungsweise zu stoppen. “Wir können uns nicht leisten, nichts zu tun, bis ein Impfstoff da ist. Maßnahmen, die wir jetzt treffen, retten Menschenleben”, sagen auch Frank Schlosser und Dirk Brockmann von der Humboldt-Uni Berlin

Studie: Verlangsamung der Epidemie reicht nicht

Die Londoner Forscher um den Modellierer Neil Ferguson haben daher nun den Erfolg zweier Strategien durchgerechnet: Bei der Mitigation (Milderung) soll die Verbreitung des Virus eingedämmt, aber nicht zwingend gestoppt werden. Dazu passende Maßnahmen sind unter anderem der Schutz von Risikogruppen oder älteren Menschen, aber beispielsweise keine Schulschließungen.

In ihren Rechnungen für die USA und Großbritannien kommen die Forscher jedoch zu dem Ergebnis, dass eine so gemilderte Epidemie wahrscheinlich immer noch zu Hunderttausenden Todesfällen und einer kompletten Überforderung des Gesundheitssystems führen würde. Rafael Mikolajczyk von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hält das für eine wichtige Erkenntnis: Eine Verlangsamung der Epidemie – also nur die partielle Umsetzung der Maßnahmen – sei die schlechtere Lösung, sagt er.

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Maßnahmen bis zum Impfstoff nötig

Die Empfehlung der Forscher lautet daher: “Für Länder, die dies erreichen können, bleibt die Unterdrückung die bevorzugte politische Option.” Im Gegensatz zur Mitigation wird bei der sogenannten Suppression (Unterdrückung) das Ziel verfolgt, Übertragungen des Virus von Mensch zu Mensch im Idealfall komplett zu unterbinden. Entsprechende erfolgreiche Maßnahmen dazu sind unter anderem die soziale Distanzierung der ganzen Bevölkerung, der Älteren, Isolation von Infizierten und Quarantäne von betroffenen Haushalten. Zusätzliche Schulschließungen hatten in dem Modell, das einen Zeitraum von fünf Monaten betrachtete, einen noch größeren Effekt.

Die Herausforderung: Die Londoner Forscher nehmen an, dass man diese Maßnahmen mindestens so lange durchhalten müsste, bis es einen Impfstoff gibt. Ansonsten, so schreiben sie, bestünde die Gefahr dass das Virus wieder zurückkommt. Das könne jedoch 18 Monate oder sogar länger dauern. Eine enorme Zeitspanne, wie auch den Forschern selbst bewusst ist: Eine solche massive Intervention zugunsten der Gesundheit habe es bisher noch nicht gegeben, schreiben sie: “Wie Bevölkerungsgruppen und Gesellschaften reagieren werden, bleibt unklar.”

Monatelanger Ausnahmezustand - schwer vorstellbar

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Andere Forscher widersprechen: Sie halten es für möglich, noch zu verhindern, dass das Virus wieder aufflammt, und dass es stattdessen vollständig eliminiert wird.

Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, dass ein Staat einen solchen monatelangen Ausnahmezustand aufrechterhalten kann. Die Forscher um Neil Ferguson machen dagegen einen anderen Vorschlag: Die Maßnahmen könnten an die Entwicklung der Fallzahlen angepasst werden. Die Idee: Infizierte müssen isoliert und die betroffenen Haushalte in Quarantäne kommen – unabhängig von der Entwicklung der Fallzahlen. Die soziale Distanzierung der gesamten Bevölkerung und Schulschließungen dagegen sollen immer erst dann gelten, wenn ein gewisser Grenzwert erreicht ist.

An- und Abschalten der Maßnahmen möglich

Andere Experten halten diese Idee grundsätzlich für machbar. Die Maßnahmen müssten – vielleicht auch nur lokal – immer wieder eingeführt werden, wenn es erneut zu einer Verbreitung komme, sagt Mikolajczyk. “Aber dann muss viel mehr getestet werden und Einreisende müssen aus Risikogebieten in die Quarantäne. In diesem Zustand müssen wir auf eine Impfung warten.”

Mit dem An- und Abschalten von Maßnahmen könnte man die Fallzahl immer wieder in einem niedrigen Bereich kontrollieren, sagt auch Virologe Christian Drosten im Corona-Podcast von NDR Info. Das müsste man jedoch monatelang durchhalten, “und das ist natürlich nicht denkbar”. Für Drosten lautet die Botschaft der Studie deshalb unterm Strich: “Wir brauchen etwas anderes, wir müssen etwas machen.” Heißt: ein Impfstoff oder ein Medikament. Drosten plädiert deshalb dafür, Regularien bei der Impfstoffentwicklung außer Kraft zu setzen, damit diese schneller ablaufen könne.

Unsicherheiten bei Modellrechnungen

Tatsächlich sind 18 Monate Ausnahmezustand wohl derzeit in Deutschland nicht denkbar. Wichtig sei aber bei solchen Modellrechnungen zu verstehen, merken die Forscher von der HU-Berlin an, dass Prognosen über mehrere Monate in die Zukunft “sehr mit Vorsicht zu genießen” seien, da viele Faktoren den Verlauf beeinflussten. “Welches der verschiedenen Szenarien letztlich eintritt, kann man noch nicht klar sagen.”

Eines jedoch wird immer deutlicher: Ein paar Wochen Ausnahmezustand werden wohl nicht reichen, um das neuartige Coronavirus zu überstehen. In diesem Punkt sind sich viele Wissenschaftler einig.

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