Was die Dunkelziffer über die Gefahr von Corona aussagt – und was nicht

  • Wie gefährlich ist Corona? Darüber tobt ein Streit.
  • Während offizielle Stellen die Risiken betonen, behaupten Kritiker, der Erreger sei kaum gefährlicher als eine Grippe.
  • Neue Studienergebnisse beleuchten jetzt die Dunkelziffer der Infizierten - und damit auch die wahre Sterblichkeit.
Irene Habich
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Hannover. Das Coronavirus macht vielen Menschen Angst. Die meisten Deutschen schätzen dabei das Risiko lebensbedrohlich zu erkranken zu hoch ein, wie eine aktuelle Befragung zeigte. Aber immer noch fehlen Zahlen dazu, wie tödlich Corona nun wirklich ist.

Anteil der Infizierten gibt Aufschluss – wenn er bekannt ist

Ein wichtiger Maßstab für die Gefährlichkeit eines Krankheitserregers ist der Anteil der Infizierten, der nach einer Ansteckung stirbt. Beim Coronavirus konnte dieser Anteil bisher nicht exakt ermittelt werden, da nicht bekannt ist, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind. Das liegt auch daran, dass das Virus oft nur milde oder gar keine Symptome verursacht. Erkannt werden Infektionen nur dann, wenn Menschen unter stärkeren Symptomen leiden oder wenn sie bei freiwilligen Tests oder bei Screenings erfasst werden, wie sie derzeit bei Reiserückkehrern durchgeführt werden.

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Besser beurteilen lässt sich die Sterblichkeit dann, wenn sich die Dunkelziffer der unbemerkt Infizierten abschätzen lässt. Dabei kann eine neue Studie helfen, die im Auftrag des Robert-Koch-Instituts in Kupferzell durchgeführt wurde. Wissenschaftler hatten dort Blutproben von 2230 Erwachsenen genommen. In diesen suchten sie nach Antikörpern gegen das Coronavirus – als Beleg dafür, dass in der Vergangenheit eine Infektion mit einem Erreger bestand.

Antikörpertests erkennen nicht jede frühere Infektion

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Bei rund 8 Prozent der Untersuchten wurden Antikörper nachgewiesen: Damit hatte man bereits viermal mehr (ehemals) Infizierte erkannt, als in der offiziellen Statistik erfasst worden waren. Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass die Antikörpertests ein gutes Drittel früherer Infektionen nicht erkennen konnten. Deshalb gehen sie von einer noch höheren Zahl unentdeckter Infektionen aus. Ein beteiligter Forscher vermutet eine Dunkelziffer “im niedrigen zweistelligen Bereich”. In diesem Fall wären in Kupferzell mindestens zehnmal mehr Menschen mit dem Virus infiziert gewesen, als offiziell erfasst wurden.

Das RKI selbst äußert sich zurückhaltend zum Thema Dunkelziffer. Man könne nicht von einzelnen Regionen wie Kupferzell auf eine bundesweite Dunkelziffer schließen: “Um diese abschätzen zu können, sind bundesweite Antikörperstudien nötig”, sagt Marieke Degen, stellvertretende Pressesprecherin des RKI. Eine bundesweite Antikörperstudie des RKI solle demnächst beginnen.

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Auf der Internetseite des Instituts heißt es ebenfalls, “belastbare Angaben” für ganz Deutschland zur Dunkelziffer seien noch nicht möglich. Es heißt aber auch: “Mit aller Vorsicht” könnten zwei Studien aus China “zur Schätzung der Untererfassung herangezogen werden.” Die Anzahl an Infizierten sei demnach “um einen Faktor 20 beziehungsweise 11 größer als angegeben.” Diese Schätzungen bewegen sich also ebenfalls im mindestens zweistelligen Bereich.

Experten lehnen Vergleiche mit Grippe ab

Gäbe es in Deutschland auch nur zehn Mal mehr Infizierte als bisher erkannt, würde die Sterblichkeit unter ihnen bei 0,42 Prozent liegen. Gäbe es 20 mal mehr, bei nur 0,21 Prozent. Die Sterblichkeit einer Grippe schätzt das RKI in einer normalen Saison auf 0,1 bis 0,2 Prozent.

Vergleiche mit der Grippe lehnen einige Experten allerdings ab, da weitere Faktoren zu berücksichtigen seien. So wird Corona auch deshalb für gefährlicher gehalten, weil noch keine Immunität in der Bevölkerung herrscht und man die ungebremste Ausbreitung verhindern will. Dazu kommt die Befürchtung, dass die Intensivmedizin wie in anderen Ländern ausgelastet sein könnte, wenn plötzlich viele Fälle auf einmal auftreten. In Deutschland war das bei der ersten Welle allerdings nicht der Fall.

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Forscher stellten hohe Dunkelziffer in Neu Delhi fest, doch das ist kein Grund zur Entwarnung

Eine extrem hohe Dunkelziffer stellten Forscher in diesen Tagen übrigens in Indiens Hauptstadt Neu Delhi fest. Antikörper fanden sie dort bei fast einem Drittel der Untersuchten. Dies lasse auf 5,8 Millionen Infizierte in Neu Delhi schließen, so die Forscher. Es wurden dort allerdings nur etwas über 4200 Todesfälle registriert, was für eine Sterblichkeit unter 0,1 Prozent sprechen würde. Selbst wenn nicht alle Todesfälle erfasst worden wären, dürfte die Rate immer noch niedrig sein. Die Erklärung ist vermutlich, dass Indiens Bevölkerung extrem jung ist und schwere Verläufe oft ausbleiben. Gleichzeitig leiden dort besonders viele Menschen stark unter den ökonomischen Folgen von Ausgangsbeschränkungen.

Das Beispiel zeigt auch: Geht es darum, die Gefährlichkeit des Virus einzuschätzen, bleibt das Alter der vielleicht wichtigste Faktor. Denn egal wie hoch die durchschnittliche Sterblichkeitsrate nun ist: Für junge Menschen liegt sie deutlich unter dem Durchschnittswert, für ältere Menschen um ein Vielfaches höher.

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