Nahrungsergänzungsmittel: Warum Vitamin-D-Präparate nicht vor Corona schützen

  • Neue Studien stellen einen Zusammenhang von einem Vitamin-D-Mangel und der Schwere einer Covid-19-Erkrankung her.
  • Doch Nahrungsergänzungsmittel dienen umgekehrt nicht zur Prävention, betont Ernährungsexperte Prof. Martin Smollich.
  • Denn es gibt keine Belege, dass Vitamin-D-Präparate vor einer schweren Covid-19-Erkrankung schützen.
Ben Kendal
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Lübeck. Gegen das neuartige Coronavirus gibt es weder einen Impfstoff noch ein wirksames Medikament. Umso höher ist das Bedürfnis vieler Menschen, sich vor einer Covid-19-Erkrankung zu schützen – und einen schweren Krankheitsverlauf zu verhindern. Neue Studien stellen nun einen möglichen Zusammenhang zwischen einem Vitamin-D-Mangel und der Schwere einer Covid-19-Erkrankung her. Die Frage, die sich folglich nun für den ein oder anderen stellen mag: Wie verhindere ich einen Vitamin-D-Mangel? Neben Maßnahmen, die körpereigene Vitamin-D-Produktion anzukurbeln, versprechen auch manche Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln eine Prävention. Doch ist eine Einnahme von Vitamin-D-Präparaten überhaupt sinnvoll?

Keine Empfehlung für Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel gegen Corona

Ernährungswissenschaftler und Verbraucherschützer raten bei der Einnahme von Vitamin-D-Präparaten zur Vorsicht. “Die Studien können zwar einen möglichen Zusammenhang zwischen einem Vitamin-D-Mangel und einen schweren Covid-19-Verlauf herstellen – aber das beweist umgekehrt nicht, dass man mit der Einnahme von Vitamin-D-Präparaten eine bessere Prognose hat”, sagt Prof. Martin Smollich vom Institut für Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Auf Grundlage der derzeitigen Studienlage gebe es demnach keine Empfehlung, Vitamin-D zu supplementieren, um sich vor Covid-19 zu schützen. Die Verbraucherzentralen betonen zudem, dass Nahrungsergänzungsmittel explizit nicht der Behandlung von Erkrankungen dienen.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Nahrungsergänzungsmittel nur bei Vitamin-D-Mangel empfohlen

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Studien zufolge ist ein Mangel an Vitamin-D schlecht fürs Immunsystem und kann auch den Verlauf von Atemwegsinfektionen ungünstig beeinflussen, so Experte Smollich. Doch anhand der bisherigen Studienergebnisse kann auch nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) “keine generelle Empfehlung für die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten zur Vorbeugung akuter Atemwegsinfekten ausgesprochen werden”. Aber besteht denn ein gesundheitliches Risiko, wenn man sich dennoch zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln entscheidet? “Wer aufgrund der Studienlage Vitamin-D-Präparate einnehmen möchte, kann das machen – aber nur unter Einhaltung der empfohlenen Obergrenzen”, betont Smollich. Nur dann sei die Einnahme praktisch risikofrei.

Die Obergrenze für Vitamin-D-Präparate liegt bei 100 Mikrogramm oder 4000 Einheiten pro Tag. Auf keinen Fall sollte diese Menge ohne Kontrolle überschritten werden – oder gar Mittel eingenommen werden, die zu hoch dosiert sind, warnt Smollich: “Alles was über diese Obergrenze geht, sind Medikamente, die man wirklich nur bei einem nachgewiesenen Vitamin-D-Mangel unter ärztlicher Betreuung einnehmen sollte.” Der einzige Grund, Mengen von 5000 oder 10.000 Einheiten pro Tag zu nehmen, sei ein schwerer Vitamin-D-Mangel. Nur dann wird auch laut DGE eine vorübergehende Einnahme empfohlen. Wer aber solche Mengen an Vitamin D zu häufig und ohne einen festgestellten Mangel einnimmt, kann schwere Schäden davontragen: “Verschiedene Berichte zeigen, dass bei einer Überdosierung Nierenversagen oder Herz-Rhythmus-Störungen drohen”, so der Pharmakologe.

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Vitamin-D-Mangel vermeiden: Bewegung im Sonnenlicht empfohlen

Vitamin D erfüllt laut dem Robert-Koch-Institut wichtige Funktionen. Unter anderem nehme es eine Schlüsselrolle beim Knochenstoffwechsel ein und könne somit zum Erhalt gesunder Knochen beitragen. Das Vitamin trägt nachweislich zudem auch zu dem Erhalt einer normalen Funktion des Immunsystems bei. “Das körpereigene Vitamin-D wird zu 90 bis 95 Prozent durch Sonnenlicht produziert, das auf die Haut trifft”, sagt Smollich. Lediglich 5 bis 10 Prozent werde über die Nahrung aufgenommen. Nahrungsergänzungsmittel erfreuen sich aber in den Wintermonaten größerer Beliebtheit, da der Körper aufgrund der geringeren Sonneneinstrahlung oft weniger Vitamin D produziert.

Nur wenige Menschen wissen aber, ob bei ihnen tatsächlich ein Mangel an Vitamin D vorliegt. Anzeichen können Knochenschmerzen, Müdigkeit, aber auch Schwindel sein – doch das alles ist noch kein Beweis dafür, dass ein Mangel besteht. Gewissheit bringt nur eine Blutuntersuchung bei einem Arzt. Wer einen Vitamin-D-Mangel aber grundsätzlich vermeiden möchte, sollte anstelle von Nahrungsergänzungsmitteln auf effektive präventive Maßnahmen setzen: “Bewegung im Sonnenlicht ist die deutlich bessere Methode”, betont Smollich.

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Nahrungsergänzungsmittel: Werbeaussagen vermitteln falsches Sicherheitsgefühl

Nahrungsergänzungsmittel sind schon seit Jahren ein riesiger Wachstumsmarkt – und das hat sich durch das Influencer-Marketing in den vergangenen Jahren noch verstärkt. Die Verbraucherzentralen betonen jedoch, dass Werbeversprechen wie “es gibt bestimmte Pflanzen, Getränke und Vitamine, die du zu dir nehmen kannst, um jeden viralen und bakteriellen Eindringling abzuwehren, einschließlich des neuartigen Coronavirus”, “schützt vor Viren” oder auch nur “wehrt Viren ab” verboten sind. Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln würden dadurch ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. Denn noch gebe es keine Studien, die eine Wirksamkeit von Vitaminen oder Mineralstoffen gegen Covid-19 beweisen.

Doch solche Werbeaussagen erreichen derzeit angesichts der Pandemie besonders viele Menschen. “Gerade im Kontext von Covid-19 sind die Menschen besonders empfänglich für Werbung für Nahrungsergänzungsmittel, die Hilfe versprechen”, so Ernährungsexperte Smollich. Denn für das neuartige Coronavirus gibt es keine Impfung oder wirksame Therapie – und daher suchen viele Menschen auch nach wissenschaftlich nicht belegten Wegen, um sich zu schützen.


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