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Verwirrung um mehr Geimpfte auf Intensivstation: Was bedeuten die Impfdurchbrüche?

  • Auch Geimpfte werden in der vierten Corona-Welle vermehrt auf Intensivstationen behandelt.
  • Darauf wurde unter anderem in der Talkshow Markus Lanz hingewiesen.
  • Dass die Zahl der Impfdurchbrüche unerwartet steigt, ist allerdings nur ein vermeintliches Paradox, erklärt die Virologin Melanie Brinkmann.
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Vor wenigen Tagen wurde in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz eine Grafik gezeigt, die auf den ersten Blick verunsichert. Unter dem Titel „Der Impfeffekt“ zeigt sie, wie das Verhältnis zwischen den Impfdurchbrüchen unter den zweifach gegen Covid-19 Geimpften und den symptomatischen Infektionen unter den ungeimpften über 60-Jährigen und in dieser Altersgruppe im Oktober ausfiel.

Die dort vermeldeten Zahlen: 45 Prozent der mit Covid-19 im Krankenhaus behandelten Patienten und Patientinnen waren geimpft, 55 Prozent in der Gruppe der Ungeimpften waren es nicht. 34 Prozent in intensivmedizinischer Behandlung waren geimpft, 66 Prozent waren ungeimpft. Verstorben ist ein Anteil von 43 Prozent unter den geimpften über 60-Jährigen – unter den nicht geimpften mit Corona Infizierten waren es 57 Prozent.

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Es seien doch erstaunlich viele Menschen, die sich trotz Impfung noch mit dem Coronavirus infizieren, intensivmedizinisch behandelt werden müssen und sogar versterben, schlussfolgerte daraus Markus Lanz. Talkshowgast Melanie Brinkmann, Leiterin des Instituts für Virologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, erklärte hingegen: Dass bei älteren geimpften Menschen der Immunschutz inzwischen weniger gut ausfalle, sei ein Problem, das in der Impfkampagne erwartbar gewesen und von anderen Infektionskrankheiten bekannt sei.

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„Die Gefahr, dass sie sich wieder infizieren und auch erkranken, ist relativ hoch“, sagte die Corona-Expertin zur aktuellen Lage. „Das sind auch diejenigen, bei denen wir jetzt wieder schwere Fälle sehen.“ Es seien deshalb möglichst viele Impfungen nötig. „Wir werden das Gesundheitssystem unheimlich stark belasten, wenn wir da jetzt nicht wirklich Tempo reinbringen“, betonte die Virologin. Damit meint sie die Erstimpfungen für alle – aber auch die Auffrischungsimpfungen. Die Stiko empfiehlt diese derzeit insbesondere den über 70-Jährigen und Menschen mit Immunschwäche.

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Zeigt die steigende Zahl der Impfdurchbrüche ein Problem mit der Impfung an?

Ein Argument gegen die Impfung sei die steigende Zahl der Impfdurchbrüche insbesondere bei Älteren Brinkmann zufolge hingegen nicht, wie sie auch in einem späteren Tweet deutlich machte. Die Impfung wirke weiterhin sehr gut und wie erwartet. Auch Ältere blieben im Schnitt besser vor Covid-19 geschützt als ohne Impfung: Denn wenn 45 Prozent der hospitalisierten Patienten und Patientinnen mit Covid-19 geimpft seien, würden Geimpfte trotzdem noch rund zwölfmal seltener hospitalisiert als Ungeimpfte. Die Berechnungen müsse man auch vor dem Hintergrund deuten, dass es insgesamt circa zehnmal so viele Geimpfte wie Ungeimpfte gibt.

Brinkmanns Schlüsse decken sich mit der Analyse im aktuellen Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI). Der Großteil der übermittelten Covid-Fälle sei nicht geimpft. Zwar sei der Anteil vollständig Geimpfter mit Impfdurchbruch in den letzten Wochen deutlich gestiegen und liegt in der Altersgruppe der über 60-Jährigen mittlerweile bei über 60 Prozent. „Dieser Anteil muss jedoch in Zusammenschau mit der erreichten hohen Impfquote in dieser Altersgruppe interpretiert werden“, sagt auch die Behörde. Rund 86 Prozent der über 60-Jährigen sind inzwischen vollständig geimpft, 11,4 Prozent von ihnen haben eine Auffrischdosis erhalten (Stand: 15. November).

Die Epidemiologin Berit Lange, ebenfalls am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung ansässig, erklärte das vermeintliche Paradox der steigenden Zahl von Impfdurchbrüchen angesichts einer steigenden Impfquote so: „Keine Impfdurchbrüche gibt es nur dort, wo niemand geimpft ist. Wenn umgekehrt 100 Prozent der Menschen geimpft wären, dann müssten auch 100 Prozent der Corona-Fälle auf den Intensivstationen Impfdurchbrüche sein.“ Das Entscheidende sei: „Es wären dann absolut viel weniger Fälle als jetzt.“

Wieso sind Impfdurchbrüche erwartbar?

Impfdurchbrüche treten also immer auf, wenn die Impfung keine sterile Immunität auslöst, also keinen hundertprozentigen Schutz vor Ansteckung bietet. Alle zugelassenen Impfstoffe sind von Beginn an nicht zu 100 Prozent wirksam gewesen, weshalb Impfdurchbrüche seit dem Start der Impfkampagne erwartbar waren. Zusätzlich hat die Delta-Variante den ursprünglich erwarteten Schutz vor Infektion und Erkrankung ein Stück weit gemindert.

Dass nun seit Herbst deutlich mehr Impfdurchbrüche registriert werden, hat zum einen damit zu tun, dass immer mehr Menschen geimpft sind. Zum anderen zirkuliert das weit ansteckender gewordene Coronavirus in der vierten Welle wieder vermehrt in der Bevölkerung. Damit steigt auch wieder die Wahrscheinlichkeit, sich im Alltag bei anderen anzustecken.

Bei Geimpften ist das Risiko zwar vermindert – möglich ist die Infektion aber weiterhin. Auch Geimpfte ohne Risikofaktoren und in jüngerem Alter können sich noch mit Sars-CoV-2 infizieren und das Virus an andere weitergeben. Sie können auch noch Symptome wie Fieber, Husten und Schnupfen entwickeln – die aber in den meisten Fällen nicht mehr lebensbedrohlich sind.

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Studien zeigen zudem, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlässt, wodurch Impfdurchbrüche ebenfalls häufiger werden. Insbesondere bei älteren Menschen und bei Risikofaktoren wie einer Immunschwäche gibt es nach einigen Monaten dann trotz Impfung ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf. Die Lösung für dieses Problem ist die Booster-Impfung – Fachleuten zufolge für Risikopatienten und Patientinnen so schnell wie möglich, vor allem jetzt.

Schützt die Impfung noch ausreichend?

Dass es im Laufe der Impfkampagne zu mehr Impfdurchbrüchen kommt, war also zu erwarten. Es ist aber kein Hinweis darauf, dass die Impfstoffe nicht mehr wirksam gegen Covid-19 sind, betont das RKI. In der Regel schützt eine vollständige Impfung vor einer schweren Erkrankung. Vor allem schützt sie vor einer Behandlung im Krankenhaus, vor der Intensivstation und vor dem Tod.

In Zahlen: Die Impfeffektivität bei Hospitalisierung schätzt das RKI auf Basis der aktuellen Daten zu Impfdurchbrüchen in Deutschland auf rund 88 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen. Bei den über 60-Jährigen sind es rund 85 Prozent. Der Schutz vor Intensivstation beträgt bei den 18- bis 59-Jährigen 93 Prozent, bei den Älteren rund 90 Prozent. Den Schutz vor Tod beziffert das RKI bei den Jüngeren mit 92 Prozent, bei den über 60-Jährigen mit rund 87 Prozent.

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Bislang sind deutschlandweit 1393 Menschen trotz Impfung im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben. Davon waren 71 Prozent 80 Jahre und älter. „Das spiegelt das generell höhere Sterberisiko – unabhängig von der Wirksamkeit der Impfstoffe – für diese Altersgruppe wider“, erläutert das RKI. Die Impfung bietet also keine absolute Garantie, dass man nicht an Covid-19 erkrankt und stirbt. Das Risiko wird aber deutlich gesenkt. Das RKI schätzt die Gefährdung für die Gesundheit der nicht oder nur einmal geimpften Bevölkerung in Deutschland insgesamt als „sehr hoch“ ein. Für vollständig Geimpfte wird die Gefährdung als moderat, aber aufgrund der steigenden Infektionszahlen ansteigend eingeschätzt.

Was ist überhaupt ein Impfdurchbruch per Definition?

Wird eine vollständig gegen Covid-19 geimpfte Person trotzdem mit einer PCR positiv auf das Coronavirus getestet und entwickelt auch Symptome, spricht das Robert Koch-Institut (RKI) von einem Impfdurchbruch. Ein Beispiel: Man könnte vor einigen Monaten die zweite Dosis erhalten haben, sich nun in der vierten Welle trotzdem mit Sars-CoV-2 anstecken, Halsschmerzen und Fieber bekommen. In seltenen Fällen kann man auch noch so schwer erkranken, dass eine Behandlung im Krankenhaus und auf Intensivstation nötig wird. Wer einen positiven PCR-Test hat, aber keine Symptome zeigt, zählt nicht als Impfdurchbruch – zumindest nach der Definition des RKI.

Der Artikel wurde am 16. November aktualisiert.

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