Warum jetzt wieder mehr Menschen am Coronavirus sterben

  • Obwohl die Zahl der Infektionen schon seit Längerem zunimmt, kommt es erst jetzt zu einer Erhöhung der Todeszahlen.
  • Der Grund dafür ist, dass sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, die ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben.
  • Wie sich die Zahlen weiterentwickeln, ist noch nicht absehbar.
Irene Habich
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Nach einer vorübergehenden Beruhigung der Zahlen werden aktuell wieder deutlich mehr Todesfälle durch Covid-19 gemeldet. Zwischen Juni und Mitte Oktober waren deutschlandweit kaum Menschen an der Viruserkrankung gestorben. Gemeldet wurden meist weniger als zehn Todesfälle täglich, an einigen Tagen gar keine. Seitdem stieg die Todesrate langsam, aber beständig wieder an. An diesem Dienstag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 156 Todesfälle. Die Entwicklung ist mit der in Frankreich vergleichbar, wo es nach einem Anstieg der Fallzahlen erst verzögert auch zu einer Zunahme der Todesfälle kam.

Die Ursache dürfte in beiden Ländern identisch sein, eine Erklärung liefert der heutige Lagebericht des RKI. Darin heißt es: „Aktuell nehmen die Erkrankungen unter älteren Menschen weiter zu. Da diese häufiger einen schweren Verlauf durch Covid-19 aufweisen, steigt ebenso die Anzahl an schweren Fällen und Todesfällen.“

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND
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RKI hat Entwicklung vorhergesagt

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Weil die Todesraten lange Zeit so niedrig waren, spekulierten einige Experten bereits darüber, ob sich das Virus abgeschwächt haben könnte. Das RKI hat aber stets betont, dass es dafür keine Hinweise gebe und die Todeszahlen wieder ansteigen könnten, wenn sich das Virus wieder in höheren Altersgruppen ausbreitet.

So hatten sich im Spätsommer vor allem jüngere Menschen infiziert, die nur selten schwer erkranken. Tödlich verläuft Covid-19 vor allem dann, wenn sich alte Menschen infizieren: 86 Prozent der bisher an Covid-19 gestorbenen Menschen waren über 70 Jahre alt, 95 Prozent von ihnen waren älter als 60 Jahre. Die meisten Todesfälle wurden in der Altersgruppe zwischen 80 und 90 Jahren gemeldet.

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Immer dann, wenn also mehr alte Menschen erkranken – und das ist nun wieder der Fall – steigt automatisch die Todesrate. Umgekehrt muss ein allgemeiner Anstieg der Infektionszahlen nicht unbedingt zu einer höheren Sterberate führen – wenn es gelingt, höhere Altersgruppen und Menschen in Pflegeeinrichtungen zu schützen. Die Infektionsraten in der Bevölkerung sind dabei nicht unbedingt geeignet, um die Zahl der gefährlichen Verläufe vorherzusagen. Wichtiger für die Vorhersage ist der Anteil von Menschen über 50 oder 60 Jahren, der erkrankt.

Neuer Maßstab fürs Infektionsgeschehen ?

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Charité-Virologe und Corona-Experte Christian Drosten hatte daher bereits einen neuen Maßstab vorgeschlagen, um das Infektionsgeschehen bei steigenden Fallzahlen besser beurteilen zu können. An der „Ü-50-Inzidenz“, also dem Vorkommen von Infektionen in der Altersgruppe der Über-50-Jährigen, ließe sich besser erkennen, wann die Ausbreitung des Virus bedrohlicher wird.

Warum aber sterben erst jetzt wieder mehr Menschen, obwohl die Infektionszahlen in allen Altersgruppen schon seit Wochen steigen? Laut RKI nehmen Infektionen auch bei älteren Menschen bereits seit September zu.

Auch dafür gibt es eine Erklärung: Den Infektionen in höheren Altersgruppen folgt nicht sofort, sondern erst verzögert eine Zunahme der tödlichen Verläufe. Bis zur Einlieferung ins Krankenhaus vergeht Zeit und mit intensivmedizinischen Maßnahmen können Covid-19-Patienten mehrere Wochen am Leben gehalten werden. Die meisten können dadurch sogar gerettet werden – aber nicht alle. In jedem Fall vergeht Zeit, bis die ersten Patienten bei einer neuen Infektionswelle sterben.

Entwicklung noch nicht absehbar

Absehbar war eine Zunahme der Todesfälle schon wegen der zunehmenden Zahl von Covid-19-Patienten, die in Intensivstationen behandelt werden müssen. Laut Divi-Intensivregister liegen derzeit (Stand 10. November 2020) 3059 Corona-Kranke auf deutschen Intensivstationen. Die Zahl war seit Längerem langsam, aber kontinuierlich gestiegen.

Momentan sind damit sogar etwas mehr Patienten in Behandlung als noch im Frühjahr. Damals wurden zum Höhepunkt der ersten Welle im April nur bis zu 2922 Patienten gleichzeitig intensivmedizinisch behandelt und es starben etwa 300 Corona-Patienten täglich. Es kann also auch jetzt passieren, dass die Todeszahlen noch etwas weiter ansteigen. Ein steiler Anstieg der Kurve war aber zuletzt nicht zu beobachten. Denkbar wäre auch, dass die Krankenhäuser bei der Behandlung von Covid-19-Patienten Fortschritte erzielen – und etwas weniger Menschen als noch bei der ersten Welle sterben.

RND



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