Schlafforscher erklärt, warum wir von Corona träumen

Albträume haben während der Corona-Pandemie zugenommen (Symbolbild).

Albträume haben während der Corona-Pandemie zugenommen (Symbolbild).

Die Pandemie verfolgt viele Menschen bis in den Schlaf: Sie träumen davon, dass Angehörige an dem Virus sterben oder dass sie wegen der Corona-Maßnahmen ihre Arbeit verlieren. Traumforscher halten solche Träume für ein Warnsignal. Denn sie zeigen, wie stark Pandemie und Lockdown die Betroffenen seelisch belasten.

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Eine der ersten Studien zu Trauminhalten und Corona wurde bereits im vergangenen Jahr im Fachjournal „Dreaming“ veröffentlicht. Für die Untersuchung waren 3031 erwachsene Amerikaner und Amerikanerinnen befragt worden. Sie sollten angeben, ob Corona oder die Corona-Maßnahmen in ihren Träumen vorkamen. Falls ja, sollten sie diese Träume beschreiben. Außerdem wurde abgefragt, ob und wie sich die Teilnehmenden der Studie durch den Corona-Ausbruch oder die staatlichen Maßnahmen im Alltag beeinträchtigt fühlten.

60 Prozent leiden an Beziehungsmangel

Die allermeisten Befragten gaben an, unter der Situation zu leiden. Sechs von zehn litten darunter, dass soziale Beziehungen beeinträchtigt waren. Ein Drittel berichtete von einer schlechteren psychischen Gesundheit, finanziellen Problemen oder Problemen in Bezug auf die Arbeit. Von einer Erkrankung der Befragten oder ihrer Angehörigen wurde hingegen eher selten berichtet.

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Etwa 29 Prozent der Teilnehmenden der Studie erinnerten sich während der Pandemie öfter an ihre Träume als zuvor und 8 Prozent erinnerten sich an mindestens einen Traum, indem es um die Corona-Pandemie ging. Eine befragte Person träumte zum Beispiel davon, auf einer Veranstaltung zu sein, aber sich die ganze Zeit zu sorgen, weil eigentlich Social Distancing gelten sollte.

„Ängste werden widergespiegelt“: Traumforscher erklärt, wie Corona das Träumen verändert

Corona verfolgt uns bis in die Träume – eine Floskel, die durchaus wahr ist. Traumforscher Michael Schredl erklärt, was die Pandemie mit unseren Träumen macht.

Andere träumten, dass sämtliche Familienangehörige oder Freunde an einer Infektion mit dem Coronavirus verstarben. Im Traum einer weiteren Person musste sich jeder auf das Coronavirus testen lassen und wer positiv war, wurde fortgeschickt und getötet. Dabei zeigte sich: Je stärker die Befragten sich im Alltag beeinträchtigt fühlten, desto öfter träumten sie schlecht und desto öfter erinnerten sie sich an Corona als Inhalt ihrer Träume.

Wer länger schläft, hat mehr Zeit zum Träumen

Für eine ähnliche Studie, die in diesem Jahr im Wissenschaftsjournal „Frontiers of Psychology“ veröffentlicht wurde, hatten Forschende 2105 Schüler und Schülerinnen weiterführender Schulen in Italien, Rumänien und Kroatien befragt. 31 Prozent der Befragten erinnerten sich seit Beginn der Pandemie öfter an ihre Träume, 18 Prozent von ihnen gaben an, öfter unter Albträumen zu leiden. Betroffen waren auch in diesem Fall vor allem diejenigen, die angaben, stark unter der Situation zu leiden. So neigten besonders die Jugendlichen zu Albträumen, die wegen des Lockdowns Wut oder eine gedrückte Stimmung empfanden.

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Rund 14 Prozent der Befragten erinnerten sich an Trauminhalte mit direktem Bezug zur Pandemie. So träumten einige der Versuchsteilnehmenden von Menschenansammlungen ohne Schutzmaßnahmen, die sie ängstigten, einem positiven Testergebnis, dass Angehörige am Virus verstarben oder dass Maßnahmen aufgehoben wurden und sie wieder tanzen gehen konnten. Besonders oft träumten diejenigen von Corona, die Angst vor einem neuen Lockdown hatten.

Michael Schredl ist Traumforscher und wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Er war an beiden Studien mitbeteiligt. Dass sich in Zeiten von Lockdowns mehr Menschen an ihre Träume erinnerten, dafür gebe es eine relativ einfache Erklärung, sagt Schredl. Schließlich lägen die meisten Menschen infolge von Homeoffice und Schulschließungen länger im Bett: „Und wer mehr schläft, hat mehr Zeit zum Träumen.“

Zum Morgen hin gebe es außerdem mehr REM-Schlafphasen, in denen der Schlaf weniger tief ist: „Wer morgens länger schläft, dem bleiben Träume dadurch leichter in Erinnerung.“ Auch dass sich der Trauminhalt während der Pandemie verändert hat, überrascht Schredl nicht. Das sei erwartbar gewesen sagt er: „Es zeigt, dass viele Menschen stark belastet sind.“ Und starke Emotionen spiegelten sich nun einmal in unseren Träumen wider.

Albträume als Gradmesser

Was die Untersuchungen außerdem ergeben hätten: Den größten Einfluss auf das Traumverhalten hatte nicht die Beeinträchtigung durch äußere Umstände im Alltag. Es träumten nicht nur diejenigen schlecht von Corona, bei denen es im Umfeld einen Todesfall gab oder die durch Lockdown-Maßnahmen stärker als andere eingeschränkt waren, sagt Schredl. Entscheidend war vielmehr das, was der Traumforscher die „subjektive Beeinträchtigung“ nennt – der emotionale Zustand der Betroffenen und wie viele Sorgen sie sich machten.

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„Die Trauminhalte hängen davon ab, was man daraus macht. Bei denen, die viele Befürchtungen hatten, waren Albträume am häufigsten“, so der Schlafforscher. Er verweist auch auf Schüler und Schülerinnen, denen es gelang, sich während des Lockdowns kreativ zu beschäftigen. Der Studie zufolge hatten diese seltener schlechte Träume und zwar wohl deshalb, weil sie dadurch ihr psychisches Wohlbefinden steigern konnten. „Träume spiegeln die emotionale Welt wider“, sagt Schredl.

Albträume sollte man laut Schredl daher als eine Art Gradmesser für das psychische Wohlbefinden verstehen. Bei Personen, die auf eine Belastung stark reagieren, mache sich das oft in den Träumen bemerkbar: „Viele Menschen, die Albträume haben, neigen dazu das abzutun. Dabei zeigen diese an, wenn uns etwas unter die Haut geht. Das sollte man ernst nehmen und sich, wenn nötig, auch Unterstützung suchen.“

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