Von Booster-Impfungen bis 2G-Regel: Welche Maßnahmen bringen uns sicher durch den Corona-Winter?

  • Die Prognosen für die kommenden Wochen sind wenig ermutigend.
  • Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass sich noch mehr Menschen mit dem Coronavirus infizieren und erkranken werden.
  • Um aus diesem Dilemma wieder herauszukommen, sollte nach Ansicht eines Forscherteams um die Physikerin Viola Priesemann vor allem eine Waffe eingesetzt werden: die Booster-Impfungen.
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Erst 21.832, dann 39.676 und plötzlich 50.196 – die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland ist in den vergangenen drei Tagen geradezu sprunghaft gestiegen. „Die Corona-Lage spitzt sich immer weiter zu“, konstatierte auch der nordrhein-westfälische Minister­präsident Hendrik Wüst. „Das kann uns nicht kaltlassen.“ Via Twitter verkündete er, dass Bund und Länder am kommenden Donnerstag erneut zu einer Ministerpräsidentenkonferenz zusammenkommen werden. Es brauche nun ein „wirksames und abgestimmtes Vorgehen“. Doch wie könnte das aussehen? Was hilft im kommenden Corona-Winter?

Gleich fünf Waffen gegen die Pandemie präsentiert eine Gruppe von Corona-Wissenschaft­lerinnen und -Wissenschaftlern in einem neuen Positionspapier. Die Autorinnen und Autoren – darunter Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbst­organisation, Sandra Ciesek vom Institut für Medizinische Virologie am Universitäts­klinikum Frankfurt, Intensivmediziner Christian Karagiannidis und Immunologe Carsten Watzl – zeigen darin „nachhaltige Strategien“ gegen die Winterwelle auf. Dazu zählen: (Booster-)Impfun­gen, Tests, 2G/3G, die Aha-plus-L-Regel, eine Impfpflicht und ein sogenannter Not-Schutzschalter.

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(Booster-)Impfungen

„Das wirkungsvollste Mittel gegen das Virus, das wir haben, ist die Impfung“, stellen die Autorinnen und Autoren klar. Je mehr Menschen sich impfen lassen, desto stärker könne die Ausbreitung des Coronavirus verhindert werden. Bislang haben 56 Millionen Menschen in Deutschland einen vollständigen Impfschutz – das heißt, sie haben zwei Impfungen erhalten. Das entspricht rund 67,3 Prozent der Bevölkerung. Auf der anderen Seite sind knapp 18 Millionen Menschen (24 Prozent), für die es einen zugelassenen Impfstoff gibt, noch gar nicht geimpft.

Es gibt also noch eine große Impflücke. Das bedeutet gleichzeitig: Es gibt immer noch Menschen, die ungeimpft sind und sich mit dem Coronavirus infizieren und unter Umständen schwer erkranken können. Müssen mehr Menschen in den Kliniken wegen Covid-19 behandelt werden, strapaziert dies das Gesundheitssystem. Intensivmedizinerinnen und Intensivmediziner warnen schon jetzt vor einer dramatischen Überlastung, sollte sich das Infektionsgeschehen in den kommenden Wochen nicht abschwächen.

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Söder: „Brauchen 2G flächendeckend in Deutschland“
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Das, was der Bund jetzt mache, reiche nicht, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder am Donnerstag.  © Reuters

„Um einer dauerhaften Überlastung der Intensivstationen entgegenzuwirken, ist insbesondere das Impfen und die Verbesserung des Impfschutzes durch eine Dritt-Impfung nachhaltig wirksam“, heißt es im Positionspapier. Denn nicht nur haben Ungeimpfte ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf, auch ein nachlassender Impfschutz stellt einen Risikofaktor dar.

Internationale Studien konnten zeigen, dass die Konzentration neutralisierender Antikörper mit der Zeit abnimmt. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission, sechs Monate nach der Zweitimpfung eine dritte Impfdosis zu verabreichen. Vor allem vulnerable Personen­gruppen wie Ältere, Immungeschwächte und Menschen mit Kontakt zu Risikogruppen sollten sich ein drittes Mal impfen lassen. Diese zusätzliche Dosis senkt nicht nur das Infektionsrisiko, sondern verstärkt noch einmal deutlich die vorherigen Immunantworten.

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Die Sieben-Tage-Inzidenz erreicht einen Höchststand, die vierte Welle rollt. Die Ampelkoalitionäre haben einen Plan, doch der gefällt vielen nicht.  © dpa

Das Angebot der Auffrischungsimpfungen haben bislang allerdings nur wenige Menschen wahrgenommen. Laut dem offiziellen Impfdashboard sind bis jetzt 3,3 Millionen Deutsche geboostert worden. Das reicht noch nicht aus, um die vierte Welle zu brechen. Erst flächendeckende Drittimpfungen würden die aktuelle Infektionsdynamik reduzieren und die Impflücke kompensieren, schreibt das Forscherteam um Viola Priesemann. Ziel müsse es sein, die Hälfte der Bevölkerung zu boostern.

Mit dieser Quote hatte es Israel im August geschafft, eine erneute Infektionswelle zu brechen. Deutschland dürfte diese Boosterimpfrate mit dem jetzigen Impftempo erst in ungefähr sieben Wochen erreichen. Bis dahin könnten sich noch viele Ungeimpfte, und auch Geimpfte mit dem Coronavirus infizieren. Die dritte Impfung ist also kein sofortiger Wellenbrecher. Selbst dann nicht, wenn man 7 Prozent der Bürgerinnen und Bürger pro Woche mit einer zusätzlichen Impfdosis auffrischt, wie es die Autorinnen und Autoren empfehlen. Klar ist aber auch: Je schneller die Auffrischungsimpfungen voranschreiten, desto schneller kann die Welle gebrochen werden.

Eine Akzeptanz für die Booster-Impfungen sei unter den Bürgerinnen und Bürgern auf jeden Fall vorhanden, sagte Cornelia Betsch, Initiatorin des Projekts Covid-19 Snapshot Monitoring (Cosmo), am Donnerstag bei einer Veranstaltung des Science Media Centers (SMC). Drei Viertel der befragten Geimpften würden sich noch ein weiteres Mal impfen lassen. „Es gibt aber enormen Kommunikationsbedarf“, merkte Betsch an. Vielen sei nicht klar, warum es die zusätzliche Impfdosis braucht. Außerdem hätten sie Bedenken wegen erneuten Impf­reaktionen.

Aha-plus-L-Regel

Dass die Auffrischungsimpfungen erst eine Zeit lang brauchen, um die Dynamik des Infektionsgeschehens zu beeinflussen, hat zur Folge, dass weitere Basismaßnahmen gebraucht werden. Hier kommt die Aha-plus-L-Regel ins Spiel – also Abstand halten, Hygiene, Alltag mit Maske und Lüften. Diese sei auch deshalb wichtig, weil sie dazu beitragen kann, dass die Intensivstationen nicht allzu stark überlastet werden, heißt es im Positionspapier. Zusätzlich zur Aha-plus-L-Regel sollten auch „konsequent durchgesetzte und flächendeckende Regeln“ sowie Testkonzepte im Arbeits- und Freizeitbereich eingesetzt werden, bis genügend Menschen ein drittes Mal geimpft wurden.

Tests

„Eine vermehrte Testung als alleinige Maßnahme wird zur Durchbrechung der beginnenden Winterwelle wohl nicht reichen“, machen Priesemann und ihre Kolleginnen und Kollegen deutlich. Die Tests seien nur eine Überbrückungsmaßnahme, um das Gesundheitssystem zu entlasten, bis die Impflücke geschlossen und das Boostern vorangeschritten ist. Antigen­schnelltests seien zwar nützlich, aber würden keine hundertprozentige Sicherheit bieten, da sie nicht alle Infektionen erkennen. Das liegt daran, dass sie grundsätzlich weniger sensitiv sind als der PCR-Test. Letzterer sollte deshalb immer zur Bestätigung des Schnelltest­ergebnisses durchgeführt werden.

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Vollkommen nutzlos sind Antigenschnelltests jedoch nicht: Werden sie richtig angewendet, können sie rund die Hälfte der infizierten Personen entdecken. „Würde theoretisch in der jetzigen Situation jede Person etwa einen Schnelltest pro Woche machen, dann könnte die Pandemie eingedämmt werden“, heißt es im Positionspapier. Empfohlen wird ein „gezielter Einsatz im Verdachtsfall, vor Treffen mit vulnerablen Personen, in großen Gruppen oder in Gruppen mit hoher Übertragung“, also zum Beispiel unter ungeimpften Schülerinnen und Schülern. Und auch für Geimpfte und Genesene mit einer länger zurückliegenden Impfung kann der Einsatz von Schnelltests sinnvoll sein.

Bis zum 11. Oktober konnten sich die Menschen in Deutschland noch kostenlos mit einem Schnelltest auf das Coronavirus testen lassen. Seitdem sind die Tests für die meisten Bürgerinnen und Bürger kostenpflichtig. Kritisiert wurde dieses Vorgehen unter anderem von dem Bonner Virologen Hendrick Streeck. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gab er zu Bedenken, dass sich jetzt weniger Menschen testen lassen würden, was zu einer höheren Dunkelziffer führe. „Das Infektions­geschehen kann sich unter dem Radar sehr schnell ausbreiten“, sagte er.

Ein neuer Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministerium sieht nun vor, dass ab kommender Woche wieder alle Bürgerinnen und Bürger mindestens einen kostenlosen Schnelltest pro Woche machen können.

2G/3G

Die Schnelltests werden zurzeit vor allem von Ungeimpften genutzt. Für sie ist ein negatives Testergebnis die Eintrittskarte zu bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens wie Restaurants, Bars oder Friseursalons. 3G heißt das Konzept, bei dem nur noch Genesene, Geimpfte und Getestete Zutritt erhalten. Die dynamischer werdende Infektionslage hat mittlerweile dazu geführt, dass in vielen Regionen sogar eine 2G-Regel gilt. Das heißt, Restaurant- oder Barbesuche sind beispielsweise nur noch für Genesene und Geimpfte möglich.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht die Einführung einer bundesweiten 2G-Rege­lung als einzige Alternative zu einem erneuten Lockdown. „In allen Bereichen außer in der Grundversorgung sollten wir in ganz Deutschland eine 2G-Regel mit Kontrollen durchsetzen, von Bayern bis Schleswig-Holstein“, sagte er dem RND.

Die Autorinnen und Autoren des Positionspapiers sehen 2G- und 3G-Konzepte hingegen nur bedingt als Alternative an. Allein würden sie nicht ausreichen, um das Infektionsgeschehen zu reduzieren. Es brauche weitere unterstützende Maßnahmen. 2G biete zwar – im Gegensatz zu 3G – den Vorteil, dass die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken, deutlich geringer ist, weil nur Geimpfte und Genesene aufeinandertreffen, die eine Immunität aufgebaut haben. Allerdings können auch Geimpfte noch infektiös sein und das Virus übertragen.

2G allein wird gegen die vierte Welle kaum helfen. © Quelle: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dp

Die Forscherinnen und Forscher weisen zudem darauf hin, dass bei einer breiten Anwendung der 2G-Regel die Gefahr bestehe, dass es zu Treffen von Ungeimpften im privaten Bereich kommt, was zum einen die Kontaktnachverfolgung erschwert und zum anderen das Infektionsrisiko erhöht.

Impfpflicht

Ähnlich zurückhaltend äußerten sich die Autorinnen und Autoren auch zu einer generellen Impfpflicht. Sie könne zwar eine Wirkung entfalten, aber nur wenn sie strikt kontrolliert und Missachtung mit entsprechenden Strafen geahndet wird. Ansonsten würde sie zögerliche Menschen abschrecken und Impfgegner nicht erreichen.

Effektiver könne eine Impfpflicht für bestimmte Berufe sein, bei denen Kontakt zu Risikopersonen besteht, heißt es im Positionspapier. So könnten Menschen, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben, geschützt werden. Der Deutsche Ethikrat hat sich inzwischen etwa für eine Impfpflicht im Gesundheits- und Pflegebereich ausgesprochen. Er rät der Bundesregierung, „unverzüglich eine hinreichend differenzierte gesetzliche Regelung für eine berufsbezogene Impfpflicht zu prüfen und gegebenenfalls eine praktikable und effektive Umsetzung vorzubereiten“.

Auch unter den Bürgerinnen und Bürgern wächst die Zustimmung für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. In einer aktuelle YouGov-Umfrage sprachen sich 24 Prozent der Befragten dafür aus, Pflegekräfte oder Krankenhauspersonal zu einer Impfung zu verpflichten. 44 Prozent befürworteten eine generelle Impfpflicht.

Not-Schutzschalter

Sollten selbst die Impfungen nicht ausreichen, um das Infektionsgeschehen zu reduzieren und das Gesundheitssystem zu entlasten, plädieren Priesemann und ihre Kolleginnen und Kollegen für einen sogenannten Not-Schutzschalter. Dieser könnte beispielsweise dann zum Einsatz kommen, wenn die kritische Situation auf den Intensivstationen im Januar immer noch anhalten sollte, so die Physikerin.

Der Not-Schutzschalter soll dabei wie eine Art Resetknopf wirken. Für zwei Wochen sollen alle Kontakte in sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens minimiert werden. Ergriffen werden soll dann nicht nur eine Maßnahme, sondern gleich ein ganzes Maßnahmenpaket, bestehend aus: Homeoffice, einer Testpflicht am Arbeitsplatz, einer Reduktion der Gruppengröße in Kindergärten, Schulen und am Arbeitsplatz sowie einer Schließung beziehungsweise Reduktion von Geschäften, Restaurants, Dienstleistungen und Veranstaltungen.

„Wenn man es macht, muss man es richtig machen“, sagte Priesemann gegenüber dem SMC. Ein solcher Schutzschalter könne die Inzidenz innerhalb von zwei Wochen um 75 Prozent reduzieren. Schulschließungen sollten wiederum nur als „Ultima Ratio“ eingesetzt werden. Wenn es den Not-Schutzschalter braucht, müssten die entsprechenden Maßnahmen frühzeitig angekündigt werden.

Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité spricht wiederum von „Shutdown-Maßnahmen“, die es in diesem Winter braucht. Schon jetzt befinde sich Deutschland in einer „Notfallsituation“, die zum sofortigen Handeln zwinge. „Wir müssen also jetzt die Infektions­tätigkeit durch Kontaktmaßnahmen wahrscheinlich wieder kontrollieren – nicht wahrscheinlich, sondern sicher“, sagte er.

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