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Virologin zu Positiv-Tests in der Bundesliga: “Dann müssen beide Mannschaften in die Quarantäne”

  • Die Fußball-Bundesliga ringt um die Fortsetzung der durch die Corona-Pandemie unterbrochenen Saison.
  • Doch wie könnte das praktisch aussehen?
  • Die Virologin Ulrike Protzer erklärt im Interview, was bei einer Infektion eines Bundesligaspielers geschehen müsste.
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München. Die Münchner Virologie-Professorin Ulrike Protzer kann sich mit Geisterspielen in der Fußball-Bundesliga anfreunden, ist mit den Plänen der Deutschen Fußball Liga aber nicht ganz einverstanden. “Wenn es nach einem Bundesligaspiel einen Fall gibt, dann müssen die beiden Mannschaften in die Quarantäne”, sagt die zum Expertenrat von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gehörende Wissenschaftlerin im Interview. Nach dem DFL-Konzept sollen bei möglichen Infektionen nur die jeweiligen Spieler in die häusliche Isolation geschickt werden.

Frau Protzer, wie halten Sie sich fit?

Mit Nordic Walking und Workout. Ich versuche jeden Morgen, Workouts zu machen, fahre wenn immer möglich mit dem Fahrrad. Ansonsten bin ich so gut es geht draußen beim Nordic Walking. Aber im Moment habe ich einfach zu viel Stress und zu wenig Zeit.

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Viele Menschen warten sehnsüchtig darauf, wieder Sport im Verein machen zu dürfen? Müsste man das Augenmerk statt auf den Profisport nicht mehr auf den Breitensport legen und dort die Beschränkungen aufheben?

Man muss die Sportarten zulassen, bei denen kein großes Risiko besteht. Tennis, Reiten oder Golf sind eher unkompliziert. Aber da, wo man nah beieinander ist, im Fitnessstudio oder in geschlossenen Räumen, da ist es sicherlich noch problematisch.

Also sollte man nicht alles über einen Kamm scheren?

Wir müssen lernen, das individuelle Risiko zu bewerten und dann zu Entscheidungen kommen, die auf der jeweiligen Risikobewertung basieren. Das muss man für den Fußball, das muss man für die Schule machen, das muss man in allen gesellschaftlichen Bereichen versuchen. Da müssen wir gezielter arbeiten.

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Wie geht das bei einer Bundesliga-Mannschaft?

Wie bei einer Schulklasse, deswegen benutze ich den Vergleich so gerne. Bei einer Schulklasse kann ich versuchen, die Kontakte zu minimieren, aber ich werde sie nicht zu hundert Prozent unterbinden können.

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Beim Fußballspielen Kontakte zu minimieren, ist dagegen völlig unmöglich.

Das ist absolut richtig, aber das wird man auch in der Schule nicht schaffen. Wenn der Freund die Freundin nach 14 Tagen oder vier Wochen wiedersieht, werden da die zwei Meter Abstand wahrscheinlich auch nicht gehalten. Das muss man einfach realistisch sehen. Auch da ist ein gewisses Infektionsrisiko da.

Wer bei einer Infektion alles in Quarantäne muss

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Wenn es im Fußball eine Infektion geben sollte, was dann?

Im Fußball geht es um einen sehr begrenzten Personenkreis, den ich ganz genau nachverfolgen kann. Ich weiß genau, wer war mit wem auf dem Platz. Und wer könnte betroffen sein. Dann muss ich die Personen entsprechend kontrollieren, wie ich das auch machen würde, wenn ich eine Infektion in einer Schulklasse habe.

Die Schulklasse muss dann in Quarantäne.

So sollte es im Fußball auch sein. Wenn es nach einem Bundesligaspiel einen Fall gibt, dann müssen die beiden Mannschaften in die Quarantäne.

Team-Quarantäne ist im DFL-Konzept nicht vorgesehen? Kann man trotzdem spielen?

Spielen kann man schon. Aber man muss bereit sein, entsprechend konsequent zu handeln, wenn etwas passiert. Bei Mannschaftssportarten besteht sicherlich ein größeres Risiko als bei Einzelsportarten. Es könnte Infektionen geben - damit müssen wir uns abfinden. Wir werden das Virus ja nicht komplett loswerden.

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Ist eine Fortsetzung der Bundesliga mit Geisterspielen trotzdem sinnvoll?

Ja, ich halte das für durchaus machbar. Auch die Fußballvereine haben einen extremen Finanzdruck. Das Infektionsrisiko ist sehr gering. Es würde keine Personen treffen, die jetzt gefährdet wären, schwerer krank zu werden. Fußballspieler sind sicherlich junge, fitte Menschen, die ein geringes Erkrankungsrisiko haben. Aber klar muss sein: Wenn eine Infektion auftreten würde, muss man bereit sein, die Konsequenzen zu ziehen. Da sehe ich jetzt einen Fußballspieler nicht anders als einen Schüler, der kurz vor dem Abi steht.

Einen Tag vor dem Spiel sollen alle Spieler auf Covid-19 getestet werden.

Das Infektionsrisiko kann man so nicht ausschließen. Es kann heute jemand negativ sein und 24 Stunden später trotzdem positiv. Von dem vorher Testen halte ich ehrlich gesagt nicht viel. Wenn kurz nach dem Spiel jemand Symptome bekäme und positiv getestet würde, dann müsste man halt in den sauren Apfel beißen, wie bei allen anderen Menschen auch. Und sagen, okay, die müssen in Quarantäne.

Was halten Sie von dem Argument der DFL, dass die Clubs nur einen verschwindend geringen Teil der Testkapazitäten nutzen.

Ich sehe nicht, dass man spezifische Testkapazitäten für die Fußballvereine braucht.

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Gehören die Trainer Ü60 zur Risikogruppe?

Die Bundesligaspieler sollen im Kleinbus und nicht im Mannschaftsbus anreisen, um Abstand zu halten. Auf dem Feld geht es dann aber hart zur Sache. Ein Widerspruch?

Man geht davon aus, dass bei einer Ansteckung für eine gewisse Zeit Kontakt bestehen muss. Wenn ich im Bus eine halbe Stunde hinfahre, dann kann ich schwerer Abstand halten als wenn ich zwei oder drei Minuten bei einem Fußballspiel engen Kontakt habe. Im Bus auf der Hinfahrt kann jemand Mund-Nasenschutz tragen. Das kann er natürlich auf dem Spielfeld nicht.

Joachim Löw ist gerade 60 geworden. Würde der Bundestrainer auch schon zur Risikogruppe gehören?

Aber ein fitter 60-Jähriger wird weniger Risiko haben als ein vorerkrankter 50-Jähriger. Es ist ja nicht so, wenn ich heute 60 werde, fängt mein Risiko an. Das steigt halt langsam mit der Zeit.

Dortmunds Trainer Lucien Favre ist mit 62 der älteste Bundesliga-Trainer in dieser Saison. Auch andere Betreuer der Teams sind über 60. Sollte diese Personengruppe bestimmte Verhaltensweisen beachten?

Als Trainer kann man ja relativ einfach Abstand halten. Und wenn man den Abstand nicht halten kann, dann kann man Mund- und Nasenschutz tragen. Und beim Torjubel muss man sich ja auch nicht in den Armen liegen.

Vorhersagen erst Ende des Jahres möglich

Sollte man Freiluftsport eher erlauben als Hallensport?

Das ist schwer zu sagen. Da gibt es, ehrlich gesagt, keine wirklichen Untersuchungen dazu. Wenn ich mich beim Sport sehr anstrenge, atme ich natürlich auch sehr heftig. Und wenn ich dann jemanden direkt anatme, dann ist sowohl drinnen wie auch draußen eine Infektionsgefahr geben. Da ist es schwierig, einen Unterschied zu machen.

Welche Profi-Sportler können Ihrer Meinung nach demnächst wieder arbeiten?

International wird es schwierig, da ist natürlich schon ein Risiko da. Wenn ich mir den Tenniszirkus vorstelle, die sind jede Woche in verschiedenen Gruppen in verschiedenen Ländern unterwegs. Das ist sicherlich schwieriger zu handhaben als eine Fußball-Bundesliga, die in einem Land stattfindet und wo ich die Kontaktgruppen sehr gut nachverfolgen kann. Bei internationalen Sportarten müsste man gucken, ob man ein Konzept hinkriegt, aber das ist nicht ganz so einfach.

In Japan gibt es Stimmen, die sagen, dass Olympia auch im nächsten Jahr nicht stattfinden kann. Kann man das jetzt schon seriös beurteilen?

Nein, das kann man noch nicht sagen. Wir wissen überhaupt nicht, wie sich diese Infektion entwickelt. Wir wissen noch gar nicht, ob es eine Saisonalität gibt. Wird es im Sommer weniger, im Herbst und im Winter wieder mehr werden? Oder wird es jetzt einfach durchlaufen und dann auch zum großen Teil durchgelaufen sein bis nächstes Jahr? Das kann im Moment seriös keiner wirklich vorhersagen.

Bis wann wird man solche Prognosen treffen können?

Bis Ende des Jahres sollte man wissen, wie sich das Virus ausgebreitet hat. Ob wir vielleicht Glück haben und es sich etwas abschwächt. Inwieweit wir eine Immunität in der Bevölkerung entwickelt haben. Das ist sicherlich gegen Ende des Jahres, Anfang des nächsten Jahres deutlich besser vorherzusagen.

Wagen Sie einen Blick in den Herbst, kann man da in Deutschland wieder Handball, Volleyball oder Eishockey spielen?

Ich hoffe es sehr, aber ganz sicher garantieren kann man das im Moment nicht.

Ulrike Protzer (57) ist Leiterin der Virologie an der Technischen Universität München und am Helmholtz Zentrum München, dem Deutschen Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt. Die Professorin gehört zum Corona-Expertenrat von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). © Quelle: Sven Hoppe/dpa

RND/dpa

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