• Startseite
  • Gesundheit
  • Schwedische Virologin: Gesundheitsbehörde hat die Gefahr völlig falsch eingeschätzt

Schwedische Virologin: Gesundheitsbehörde hat die Gefahr völlig falsch eingeschätzt

  • Der Umgang Schwedens mit der Corona-Krise hat europaweit für Diskussionen gesorgt.
  • Scharf kritisiert werden die Maßnahmen der schwedischen Regierung von der Virologin und Autorin Lena Einhorn.
  • Im RND-Interview erzählt sie, welche Schwierigkeiten der Sonderweg des Landes mit sich bringt.
Ekaterina Venkina
|
Anzeige
Anzeige

Stockholm. Seit Beginn der Corona-Krise hat der “schwedische Weg” den gesellschaftspolitischen Diskurs in Europa zunehmend polarisiert. Mitte April haben 22 Wissenschaftler die schwedische Regierung in einem offenen Brief bei der Zeitung “Dagens Nyheter” zum Umdenken aufgefordert. “Die Gesundheitsbehörde ist gescheitert – jetzt müssen die Politiker eingreifen”, so die Forderung der Forscher.

Lena Einhorn, ausgebildete Virologin mit einem Doktortitel am angesehenen Karolinska-Institut in Stockholm und Schriftstellerin, hat den offenen Brief mit unterzeichnet. Sie hält den Sonderweg des Landes mit gut 20.000 nachgewiesenen Fällen und etwa 2500 Toten für sehr riskant.

Was bedeutet der “schwedische Weg” zunächst in Bezug auf die bestehenden Beschränkungen?

Anzeige

Die Situation ist in Schweden viel entspannter als in anderen Ländern. Zusammenkünfte mit bis zu 50 Teilnehmern sind erlaubt. Kindergärten und Schulen bis einschließlich der neunten Klasse sind geöffnet. Restaurants und Kneipen haben auch immer noch offen. Fünf Cafés in Stockholm erhielten vor Kurzem eine offizielle Warnung und wurden geschlossen, aber sie können Berufung einlegen. Sie werden einige Tage später wieder geöffnet, wenn dort die Abstandsregeln eingehalten werden.

Sie leben in Stockholm. Mit seinen etwa 7840 nachgewiesenen Corona-Erkrankungen und rund 1320 Todesfällen ist dies das Epizentrum der Pandemie in Schweden geworden. Wie ist der Alltag in der Hauptstadt?

Jetzt, wo der Frühling da ist, sehe ich eine ganze Menge Leute da draußen rumlaufen. Ihre Zahl hat spürbar zugenommen. Die Schweden orientieren sich fast immer in ihrem Verhalten am Jahreszeitenwechsel. Es sind hauptsächlich jüngere Leute, die sich in den Restaurants treffen. Leute wie ich, die etwas älter sind, befinden sich öfters in Selbstisolation.

Anzeige

Schwedische Politiker reagierten anders auf die Pandemie als die Entscheidungsträger im übrigen Europa. Warum?

Schweden unterscheidet sich von vielen anderen Ländern. Es gibt hier eine sehr starke Tradition, dass die Regierung zwar politische Entscheidungen trifft, sich jedoch nie gegen die Meinung der Expertenbehörden stellt. Dazu gehört auch die Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten (FHM). Dies bedeutet, dass Ministerpräsident Stefan Löfven die Strategie des Staatsepidemiologen Anders Tegnell und des FHM-Chefs Johan Carlson billigt, sofern nichts Außergewöhnliches passiert.

Anzeige

Herdenimmunität als Verzweiflungsstrategie

Sie haben den Ansatz von Anders Tegnell, dem Hauptarchitekten des schwedischen Sonderwegs, stark kritisiert. Warum halten Sie ihn für fehlerhaft?

Ich denke, dass diese Strategie der Herdenimmunität fast aus Verzweiflung gewählt wurde. Meiner Meinung nach hat die Gesundheitsbehörde die Gefahr völlig falsch eingeschätzt. Bis tief in den Februar hinein sagte FHM, dass das Risiko einer Epidemie in Schweden äußerst gering sei und dass es im Zusammenhang mit Covid-19 wahrscheinlich nur Einzelfälle geben werde. Vor den Sportferien Ende Februar empfahlen FHM-Experten den Menschen, ihre Reisepläne nicht zu ändern und in den Alpen Skifahren zu gehen. Als in dieser Woche in Norditalien die Epidemie ausbrach, sagten sie den zurückkehrenden Familien, dass Kinder zur Schule gehen müssten, wenn sie nicht krank waren. Folkhälsomyndigheten war auf die Epidemie fast unvorbereitet. Sie hat ihre Testkapazitäten und ihre Schutzausrüstungsbestände nicht ausreichend erweitert. Schweden blieb weitgehend entspannt und konzentrierte sich nur auf die Kontaktverfolgung zur Bekämpfung von Covid-19. So ging es weiter, bis die Pandemie mit aller Kraft im Land ausbrach.

Video
Chronologie des Coronavirus
2:47 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Sie haben Ihren offenen Brief erst am 14. April publiziert. War es nicht zu spät für solche Argumente?

Anzeige

Es war schwierig, eine Botschaft rüberzubringen, die eben hinterfragend war. Ich habe insgesamt vier Artikel zu diesem Thema veröffentlicht. Aber erst nachdem wir den offenen Brief publiziert hatten, gab es eine wirklich starke Debatte, die dazu sehr polarisiert war.

Corona in Schweden: Strengere Ausgangsregelungen und Hygienevorschriften gefordert

In dem Artikel hieß es unter anderem, dass Schweden zwischen dem 7. und 9. April ungefähr so viele Covid-19-Todesfälle pro Million Einwohner hatte wie Italien. Anders Tegnell sagte, der Vergleich sei “falsch”, weil die Länder die Sterblichkeitsraten auf unterschiedliche Weise angeben.

Die Zahlen der Gesundheitsbehörde waren irreführend. Wir haben die Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) verwendet. Das ECDC informiert über alle an einem bestimmten Datum gemeldeten Corona-Todesfälle. Folkhälsomyndigheten hingegen liefert in seinen Briefings Daten zu Covid-19-Todesfällen, die an einem bestimmten Tag aufgetreten sind. Diese Zahlen sind normalerweise niedriger als die, die ECDC bereitstellt. Sie müssen dann im Nachhinein aktualisiert werden. Nach solcher Aktualisierung stimmten die von Tegnell zur Verfügung gestellten Daten mit unseren Angaben überein.

Worin sind Sie sich mit den anderen Forschern, die den Brief unterschrieben haben, einig?

Anzeige

Die Strategie, die mehr Bewegungsfreiheit und Versammlungsfreiheit zulässt und eine präsymptomatische Infizierung nicht berücksichtigt – insbesondere bei der Arbeit mit älteren Menschen – hat dazu geführt, dass die Zahl der Todesopfer in Schweden um ein Vielfaches höher ist als in den anderen nordischen Nachbarländern. Hierbei kommen vor allem Dänemark und Norwegen ins Bild, wo die Epidemie ungefähr zur gleichen Zeit begann.

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Haben Sie spezifische Empfehlungen, die für die aktuelle Phase relevant sind?

Erstens, wir sollten dringend die Zahl der Personen überdenken, die sich in der Öffentlichkeit versammeln dürfen: 50 ist immerhin sehr hoch. Zweitens, jeder, der mit älteren Menschen arbeitet, muss Gesichtsmasken tragen. Heute haben nämlich 75 Prozent der Seniorenheime in Stockholm und 40 Prozent der häuslichen Pflegeeinrichtungen in Schweden registrierte Covid-19-Fälle. Weiterhin, wenn bei einem Familienmitglied Sars-Cov-2 nachgewiesen wird, sollte jeder im Haushalt unter Quarantäne gestellt werden.

“Natürlich will man immer lieber vertrauen”

Sind Sie zufrieden mit der Berichterstattung über den schwedische Sonderweg?

Der schwedische Ansatz wurde in den internationalen Medien meist kritisiert oder infrage gestellt. In Schweden ist die Diskussion zuweilen stark polarisiert. So sehr, dass sie eher emotional als rational ist. Und das ist nicht überraschend, denn hier geht es um Leben und Tod.

Wie reagiert die Öffentlichkeit darauf?

Es ist sehr schwierig, die FHM-Strategie zu kritisieren, weil es viel Gegenwind gibt. Jeder Schwede hat heute etwas von Anders Tegnell in sich. Jeder möchte sich sicher fühlen, aber die Welt ist im Moment ein sehr unsicherer Ort. Tegnell gibt immer eine optimistische Botschaft. Er sagt, wir haben die Dinge unter Kontrolle. Was würden Sie dann als durchschnittlicher Svensson tun: hinterfragen oder vertrauen? Natürlich will man ihm lieber vertrauen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen