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Virologe zur Herdenimmunität: „Es gibt keinen festen Endpunkt, ab dem alles wieder gut ist“

  • Sind genügend Deutsche geimpft, breitet sich das Coronavirus in der Gesellschaft kaum noch aus.
  • Es entsteht eine Herdenimmunität, von der in erster Linie Ungeimpfte profitieren.
  • Allerdings ist es schwer abzuschätzen, wie groß der Anteil an Geimpften dafür sein muss, erklärt Virologe Prof. Friedemann Weber im RND-Interview.
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Giessen. Die Corona-Fallzahlen entwickeln sich aktuell positiver als gedacht. Nachdem die Inzidenzen über Ostern kurzzeitig gesunken und dann wieder stark gestiegen sind, hat sich die Zunahme seit Mitte April etwas abgeschwächt, schreibt das Robert Koch-Institut in seinem aktuellen Situationsbericht. Deutet diese Entwicklung vielleicht auf eine beginnende Herdenimmunität hin, ausgelöst durch die Fortschritte in der Impfkampagne?

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Gerade Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, würden von einer Herdenimmunität profitieren. Dieser Schutz der Gemeinschaft tritt ein, wenn eine ausreichende Zahl der Bevölkerung gegen Covid-19 geimpft oder nach durchgemachter Erkrankung immun ist. Wie groß dieser Anteil sein muss, hängt jedoch von unterschiedlichen Faktoren ab, weiß Prof. Friedemann Weber. Im RND-Interview erklärt der Virologe von der Justus-Liebig-Universität Gießen, warum bisher nicht abzusehen ist, wann in Deutschland eine Herdenimmunität eintritt.

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Herr Prof. Weber, heute Morgen gab es positive Nachrichten vom Robert Koch-Institut. Sowohl bei den Corona-Fallzahlen als auch bei der Sieben-Tage-Inzidenz zeigte sich zum zweiten Mal in Folge ein Rückgang. Ist das ein Grund zur Hoffnung?

Prof. Friedemann Weber: Das ist zumindest ein Grund zur vorsichtigen Hoffnung.

Prof. Friedemann Weber leitet das Institut für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. © Quelle: JLU / Rolf K. Wegst

Welche Erklärung haben Sie für diese Entwicklung der Corona-Kennzahlen?

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Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen die wärmere Jahreszeit, deren Effekt man aber nicht überbewerten sollte. Zum anderen schreitet die Impfkampagne voran. Knapp 27 Prozent der Bürger sind inzwischen einmal geimpft worden, fast 8 Prozent haben sogar schon zwei Impfdosen erhalten. Das ist ein guter Fortschritt. Und auch die bundesweit geltenden Corona-Maßnahmen wirken sich auf das Infektionsgeschehen aus.

Wobei die im Infektionsschutzgesetz verankerte Bundesnotbremse beispielsweise erst seit Samstag greift. Das heißt, sie dürfte noch keinen allzu starken Einfluss auf die Fallzahlen haben.

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Jein. Wenn solche härteren Maßnahmen in der Öffentlichkeit diskutiert werden, zeigt sich meist schon vor ihrer Einführung ein Rückgang der Mobilität. Das lehrt zumindest die Erfahrung. Also, den Menschen wird dann die Gefahr des Coronavirus wieder bewusster und sie ändern zum Teil ihr Verhalten.

Oder ist die Entwicklung der Fallzahlen vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass allmählich eine Herdenimmunität in der Bevölkerung eintritt?

Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, es ist wirklich dieser Mix aus unterschiedlichen Faktoren, der eine Rolle spielt. Wenn man über die Herdenimmunität spricht, muss man auch aufpassen, dass damit nicht nur die Immunität als solche gemeint ist, sondern auch die Maßnahmen mit berücksichtigt werden müssen.

Das bedeutet?

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Bei den Prozentangaben, die häufig im Zusammenhang mit der Herdenimmunität auftauchen, geht man davon aus, dass es keine Corona-Maßnahmen gibt. Zu der Frage, wie hoch der Anteil an immunen Individuen sein muss, wird dann die Formel 1-1/R₀ herangezogen. In Deutschland gibt es aber bekanntlich Maßnahmen. Deshalb könnte der Anteil an immunen Individuen, den es für eine Herdenimmunität braucht, geringer ausfallen.

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Die dritte Welle der Corona-Pandemie in Deutschland ist nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) abgebremst.  © dpa

Wann könnte also in Deutschland eine Herdenimmunität eintreten?

Ich traue mich nicht, dazu eine Prognose abzugeben, weil so viele unterschiedliche Faktoren zu berücksichtigen sind. Angenommen, man lässt die Corona-Maßnahmen bei der Rechnung erst einmal außer Acht, stellt sich trotzdem die Frage: Wie hoch ist R₀? Dieser Wert gibt an, wie viele Menschen im Durchschnitt von jeder infizierten Person angesteckt werden. Bei der ursprünglichen Virusvariante gingen die Schätzungen von einem R₀-Wert von 2,5 bis drei aus. Bei einem R-Wert von 2,5 müssten 60 Prozent der Bürger immunisiert sein, bei einem R-Wert von drei wären es 67 Prozent. Im Fall der britischen Virusvariante B.1.1.7, die in Deutschland inzwischen vorherrschend ist, geht man von einem R₀-Wert aus, der um 0,5 bis 0,7 höher ist. Das würde im Extremfall bedeuten, dass es eine Impfquote von mehr als 80 Prozent braucht.

Das heißt, am Ende sollte die Impfbereitschaft in Deutschland einfach so hoch wie möglich sein.

Ja. Wenn die Bürger wieder ohne Masken in Kinos sitzen oder Open-Air-Konzerte besuchen wollen, braucht es eine hohe Impfbereitschaft. Man darf aber nicht vergessen, dass das Testen auch als Maßnahme zu verstehen ist. Und diese wird vermutlich vorerst bestehen bleiben. Das heißt, eine Impfquote von 90 Prozent braucht es vielleicht nicht, aber ein Wert von mehr als 80 Prozent wäre schon sehr gut. Allerdings befürchte ich, dass die Impfbereitschaft irgendwann proportional zu den Inzidenzen abnehmen könnte.

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Wieso das? Bisher scheinen die Bürger doch recht impfwillig zu sein.

Das stimmt. Aber der Fall Astrazeneca hat gezeigt, wie schnell die Stimmung kippen kann. Plötzlich wurde der Impfstoff des Pharmakonzerns als „Impfstoff zweiter Klasse“ betitelt, mit dem sich viele inzwischen nicht mehr impfen lassen wollen. Dabei ist er genauso gut wie die anderen Vakzine. Problematisch könnte es zudem werden, wenn die Botschaft kommt, dass genügend Impfstoff vorhanden ist. Dann, vermute ich, werden einige sagen: „Ich warte, bis die anderen geimpft sind, vielleicht muss ich mich selbst dann gar nicht mehr impfen lassen.“

Also wird die Herdenimmunität zur Ausrede.

Das muss auf jeden Fall berücksichtigt werden. Hinzu kommt, dass es noch keine Corona-Impfstoffe für Kinder gibt. Also die jüngeren Generationen können sich immer noch mit dem Virus infizieren und es in der Gesellschaft verbreiten. Selbst wenn eine Mehrheit der Erwachsenen geimpft ist, bleibt somit fraglich, ob Maßnahmen beendet werden können. Zumal weiterhin immunologisch naive Kinder heranwachsen.

Ist eine Herdenimmunität folglich unmöglich?

Nein, das glaube ich nicht. Aber wir sollten klar kommunizieren, dass es keinen festen Endpunkt gibt, ab dem alles wieder gut ist und Maßnahmen beendet werden können, sondern wir müssen uns alle weiterhin anstrengen.

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