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Experte über Corona-Variante: „Es ist mysteriös, wie Omikron plötzlich aus dem Nichts kam“

  • Die Omikron-Variante überrascht auch Experten wie den Virologen Jörg Timm.
  • Im Gegensatz zu Alpha und Delta sei diese Mutante ein Ausreißer, erklärt der Corona-Experte im RND-Interview.
  • Sollten sich die Befürchtungen bestätigen, wäre erneut ein beschleunigtes Infektionsgeschehen ab Jahresbeginn 2022 denkbar, sagt er.
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Prof. Jörg Timm ist Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Dort werden auch PCR-Proben auf neue Virusvarianten hin untersucht. Sein Labor hat nun den ersten Fall der Omikron-Variante in Düsseldorf bestätigt.

Herr Timm, die neue Virusvariante Omikron besorgt seit einigen Tagen die Welt. Wie überraschend ist es für Sie, dass plötzlich so eine Mutante auftaucht?

Dass neue Varianten entstehen und sich verbreiten, überrascht bei Corona nicht. Es gab auch schon Alpha und Delta. Jetzt hatten wir einige Wochen Ruhe, bis Omikron entdeckt wurde. Das Ausmaß der Veränderungen bei dieser Variante in dieser Phase der Pandemie ist aber schon überraschend. Auf einmal hat das Virus einen großen Sprung gemacht. Das ist quasi ein Ausreißer.

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Wieso?

Wie und wo Omikron entstanden ist, ist noch nicht klar. Wir wissen nur, dass diese Variante in Südafrika zuerst entdeckt wurde. Klar ist aber, dass es mehr als 30 Mutationen gibt, eine an sich schon hohe Zahl. Diese Mutationen liegen an Stellen, die auch bei anderen Varianten dazu geführt haben, dass das Virus übertragbarer wurde. Das Virus kann also möglicherweise effizienter an der menschlichen Zelle andocken.

„Omikron ist ein Ausreißer“, sagt Prof. Jörg Timm, der das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf leitet. © Quelle: Universitätsklinikum Düsseldorf

Eine weitere Sorge betrifft den Immunschutz.

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Genau, einige der Mutationen betreffen Positionen, die wichtig für die Bindung von Antikörpern sind. Auch das haben andere Varianten schon gezeigt. Die Sorge ist, dass unsere Immunität das Virus nicht mehr so gut bekämpfen kann – ob nun durch Impfung oder Infektion. Das Phänomen bezeichnet man als Immun-Escape. Für das Set der Mutationen in Omikron gibt es Hinweise, dass Immun-Escape eine Rolle spielt. Damit hat die Omikron-Variante das Potenzial für eine bessere Übertragung und der Immunschutz nimmt möglicherweise ab. Es fehlen aber noch harte Daten, die das beweisen.

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Was würde das für den Pandemieverlauf bedeuten?

Wenn sich die Befürchtungen bestätigen, haben wir ein sehr leicht übertragbares Virus, das auch unter Geimpften vermehrt zirkulieren kann. Das Infektionsgeschehen könnte sich trotz der Impfungen beschleunigen, sodass Kontaktbeschränkungen wieder an Bedeutung gewinnen. Bei Delta haben wir das bereits in Ansätzen gesehen, da gibt es aber die Lösung der Boosterimpfung. Daraus lässt sich aber nicht unbedingt ableiten, dass Omikron auch gefährlicher ist als Delta, da wir noch nicht wissen, ob sich die Erkrankungsschwere verändert hat.

Wann ist klar, ob Omikron wirklich so gefährlich ist wie vermutet?

Biontech und Moderna haben Experimente auf den Weg gebracht, in denen die Impfimmunität gegen die Omikron-Variante untersucht wird. In etwa zwei Wochen ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen. Unter Laborbedingungen wird geschaut, ob das Serum von Geimpften noch in der Lage ist, die Infektion in einer Zellkultur zu verhindern. Das sind wichtige Daten, das liefert uns aber noch keine Antwort auf die wesentlich wichtigere Frage: Schützt die Impfung noch vor schweren Verläufen? Das werden wir leider erst wissen, wenn mehr Menschen mit Omikron an Covid-19 erkranken und in den Kliniken behandelt werden müssen.

Lohnt überhaupt noch die Impfung, sollte sich Omikron als eine Immun-Escape-Variante herausstellen?

Die Impfung ist nicht wie ein Schalter, der plötzlich an- oder ausgeschaltet wird. Die Impfung wird mit Sicherheit auch gegen Omikron helfen. Neben Antikörpern gibt es weitere wichtige Komponenten des Immunsystems. Da ist es für das Virus deutlich schwieriger, zu entkommen. Unter Fachleuten glaubt im Moment niemand, dass die Impfung plötzlich komplett nutzlos wird. Aber sie kann durch Virusvarianten weniger wirksam werden. Deshalb arbeiten die Hersteller bereits an neu angepassten Vakzinen. Auch eine Booster-Impfung macht aber Sinn, um den Basisschutz zu erhöhen.

Corona-Variante Omikron schon in Deutschland

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Überall in der Welt werden nun neue Fälle bestätigt: Liegt das daran, dass man näher hinschaut und häufiger sequenziert – oder daran, dass sich die Variante so schnell ausbreitet?

Die sehr guten Untersuchungen aus Südafrika zeigen, dass sich Omikron dort schnell verbreitet hat. Die Infektionszahlen sind insgesamt noch gering, man sieht aber einen auffälligen Anstieg der Infektionszahlen. Wir schauen jetzt natürlich auch in Europa verstärkt nach dieser Variante. Die reine Zahl der bestätigten Fälle unter Reiserrückkehrern lässt vermuten, dass wir bereits einige Omikron-Infektionen in Deutschland haben.

Wie geht es nun weiter?

Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob es weitere Infektionsketten gibt. Es gibt zum Beispiel einen Verdachtsfall in Sachsen ohne direkten Bezug zu einer Reise nach Südafrika. Das wäre ein Hinweis darauf, dass Omikron bereits weitergetragen wurde. Sollte es wirklich einen deutlichen Selektionsvorteil im Vergleich zu Delta geben, dauert es einige Wochen, bis Omikron dominant ist. Das wäre dann vielleicht Anfang des neuen Jahres. Das ist aber aktuell noch Spekulation.

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Könnte Omikron auch schon länger als eine Woche in der Welt zirkulieren?

Es ist noch etwas mysteriös, wie Omikron plötzlich aus dem Nichts kam. Es gibt erste Hinweise, dass die Verbreitung des Virus bereits vor ein bis zwei Monaten in Südafrika begonnen hat. Das bedeutet aber nicht, dass dort auch diese Variante entstanden ist. Eine der Theorien geht davon aus, dass das Virus so viele Mutationen in einer Person mit einem defekten Immunsystem gebildet haben könnte. Dazu zählen beispielsweise auch Menschen mit einer unbehandelten HIV-Infektion.

Es könnte aber auch eine andere Immunschwäche sein. Wir haben an unserem Klinikum beispielsweise Menschen mit Leukämie oder nach Organtransplantationen beobachtet, die verlängerte Krankheitsverläufe über Monate hinweg hatten und deshalb auch viel mehr Mutationen bildeten. Vielleicht gibt es aber auch einen ganz anderen Grund.

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Mobilität: eine wichtige Corona-Maßnahme bei Omikron

Machen Reisebeschränkungen jetzt noch Sinn – oder ist es dafür schon zu spät?

Erfahrungen mit Alpha und Delta haben gezeigt, dass sich die Varianten trotz Maßnahmen rasant ausgebreitet haben. Aus infektiologischer Sicht machen Reisebeschränkungen aber schon Sinn, um Zeit zu gewinnen. Man darf damit nicht warten, sonst ist es zu spät. Ein europaweites Vorgehen ist auch sinnvoll: Neben Direktflügen nach Frankfurt und München gibt es ja zum Beispiel auch viele Reisende, die über Amsterdam ankommen und über die Grenze reisen. Es sollte auch versucht werden, alle Südafrika-Reiserückkehrer aus der Vorwoche zu identifizieren.

Um herauszufinden, ob es sich um Omikron oder aber Delta handelt, müssen Proben von positiven PCR-Tests genauer untersucht werden. Sind die Ressourcen in Deutschland dafür ausreichend?

Wir unterscheiden bei neuen Varianten einen Verdachtsfall aufgrund von auffälligen PCR-Befunden von einem gesicherten Nachweis, wenn die Variante mithilfe der Sequenzierung nachgewiesen wurde. Dazu werden im Labor die Bausteine der Erbsubstanz im Genom des Virus entschlüsselt. Das ist eine hochspezifische und zeitaufwendige Untersuchung, die einige Tage dauert. Viele Labore in Deutschland können das inzwischen.

Bei so einer hohen Inzidenz wie aktuell mit bis zu 50.000 Neuinfektionen pro Tag werden bis zu 5 Prozent der positiv getesteten Proben in Deutschland sequenziert, ansonsten müssen es laut nationaler Surveillance-Verordnung 10 Prozent sein. Das ist ein guter Kompromiss, um einen groben Überblick zu bekommen, welche Varianten bereits im Land zirkulieren. Aber klar: Je mehr Sequenzierungen wir haben, umso besser wird auch die Beurteilung der Lage. Würde man das aufstocken wollen, bräuchte es aber mehr Personal und Geld. Eine Sequenzanalyse kostet immerhin rund 200 Euro.

Wird Omikron die letzte Variante sein, die Sorgen macht?

Mit Sicherheit nicht. Als Wirt für das Virus wird der Mensch Immunität entweder durch Impfung oder durch Infektion aufbauen. Das Virus mutiert aber ständig und versucht, neue Nischen zu finden, um trotz der Immunität weiter in der Welt zu bestehen. Die meisten dieser Versuche, den eigenen Bauplan zu verändern, sind erfolglos. Einige wenige sind aber gut – und die werden dann selektiert. Das sind die besorgniserregenden Varianten – ein eigentlich eher seltenes Ereignis.

Wir haben das Problem, dass es im Moment sehr viele Infektionen in der Bevölkerung gibt. Millionen von Ansteckungen begünstigen Veränderungen im Virus. Gleichzeitig lastet ein Selektionsdruck auf dem Virus, weil schon viele geimpft sind, aber nicht genug, um die pandemische Phase zu beenden. Das ist eine gefährliche Zwischenwelt.

Kontaktbeschränkungen und Impfpflicht würden also auch das Risiko durch Omikron und weitere Varianten reduzieren?

Deutschland hat gerade ein akutes Problem mit Delta. Dafür braucht es jetzt sofort deutliche Kontaktbeschränkungen, um den Infektionsdruck senken. Wir müssen gleichzeitig aber auch ganz dringend die Impflücke schließen. Nur wenn alle Menschen geimpft sind, gibt es eine ausreichende Grundimmunität in der Bevölkerung und Corona wird endemisch. Alle Menschen, ob geimpft oder nicht geimpft, werden sich irgendwann mit dem Coronavirus anstecken. Aber die Impfung bietet den ganz großen Vorteil, dass man sich viel gelassener die Veränderungen der Virusvarianten anschauen kann. Trotz Infektionen erkranken dann hoffentlich sehr viel weniger Menschen schwer.

Wenn sich Omikron weiter in Deutschland verbreitet, könnte dann auch eine Variante entstehen, die Mutationen von Delta auch noch übernimmt?

Es kann schon vorkommen, dass sich jemand mit Delta und Omikron infiziert, und sich die Erbsubstanz rekombiniert. Dass sich zwei Varianten vermischen könnten, ist im Moment aber nicht das Hauptproblem. Es ist wichtig, sich jetzt zu überlegen, wie die Situation bis Weihnachten aussehen soll. Ich kann mir nur wünschen, dass die Politik die Empfehlungen der Leopoldina genau liest und entsprechend handelt. Es ist wirklich frustrierend und auch ein Stück weit unfassbar, dass wir gerade wieder in so einer schwierigen Lage sind, obwohl wir die Impfung haben. An diesem Punkt geht es leider nicht mehr ohne Kontaktbeschränkungen.

Erst recht, weil Omikron entdeckt wurde?

Die Maßnahmen würde ich nicht an Omikron ausrichten, sondern an den aktuellen Problemen mit Delta. Dämmen wir die Dynamik jetzt ein, hilft das aber später natürlich auch bei Omikron. Das ist ein zusätzliches Problem, das aber – wenn überhaupt – erst in einigen Wochen auf uns zurollt.

Was kann jeder und jede tun, um sich auf die möglichen Herausforderungen durch Omikron vorzubereiten?

Jeder und jede hat das selbst in der Hand – mit der Impfung. Man ist wirklich gut beraten, das Immunsystem einmal zu trainieren, bevor man auf das Virus trifft. Dabei spielt es erst mal keine große Rolle, welche Variante gerade zirkuliert.

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