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Virologe Schmidt-Chanasit warnt: „Das Ziel zu haben, Weihnachten feiern zu können, ist ein fragwürdiger Fokus“

  • Im Interview ordnet Virologe Jonas Schmidt-Chanasit die neuen Corona-Beschlüsse des Bundes ein.
  • Er begrüßt, dass Hochrisikogruppen besser geschützt werden sollen und kritisiert die Strategien als nicht weitreichend genug.
  • Zudem müsse mehr um die Akzeptanz der Maßnahmen geworben werden, etwa mit Sozialarbeitern, die die Bevölkerung aufklären.
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„Die beste Maßnahme hilft nichts, wenn sie in der Bevölkerung nicht umgesetzt wird“, sagt Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Der Forscher am Bernhard-Nocht-Institut erinnert an einen Aspekt, der während der Corona-Pandemie manchmal in Vergessenheit zu geraten scheint: Wir Menschen sind soziale Wesen. Im Interview gibt er eine Einschätzung zu den neuen Corona-Beschlüssen und erklärt, warum für manche Menschen Antigentests vor dem Fest sehr sinnvoll sind.

Herr Schmidt-Chanasit, wie schätzen Sie die Wirksamkeit und Notwendigkeit der neuen Beschlüsse von Bund und Ländern zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ein?

Das pauschal zu beantworten, ist schwer. Wir müssen uns die einzelnen Maßnahmen anschauen. Da sind sicherlich sehr, sehr gute Maßnahmen dabei. Insbesondere, dass man sich stärker um die Hochrisikogruppen kümmern will. Das halte ich für dringend notwendig, schon seit Längerem. Wir sehen, wo diese Infektionen zu vielen Sterbefällen führen: in den Alten- und Pflegeheimen. Das darf eigentlich nicht passieren.

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Natürlich kann man argumentieren, dass wenn insgesamt die Infektionen runtergehen, auch dort die Gefahr gemindert wird. Aber ich glaube, man muss beides machen. Daran arbeiten, dass sich das Infektionsgeschehen insgesamt verlangsamt, aber auch die älteren Menschen in den Pflegeheimen und außerhalb solcher Einrichtungen so schützen, dass es nicht zu diesen vielen Todesfällen kommt. Das ist ganz, ganz wichtig und meiner Meinung nach zu wenig im Fokus gewesen.

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Wie macht man die Alten- und Pflegeheime denn sicherer?

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Das ist eine große Aufgabe. Gute Teststrategien können sehr, sehr hilfreich sein – etwa das gesamte Personal zweimal wöchentlich zu testen. So kann man die Pflegeheime viel sicherer machen und mehr Besuche zulassen. Gerade für Demenzkranke sind die wichtig. Aber die Teststrategie muss koordiniert und in guter Qualität schnell und sicher erfolgen. Dafür könnte man zum Beispiel wie in anderen Ländern mobile Teams in Heimen oder Schulen mit Ausbrüchen einsetzen, die Schnelltests vornehmen und Proben für einen PCR-Test sammeln.

Die beste Maßnahme hilft aber natürlich nichts, wenn sie nicht angenommen und umgesetzt wird in der Bevölkerung. Man kann den besten Impfstoff, die beste Behandlung und die beste Diagnostik haben, wenn man die Bevölkerung nicht gewinnt, wird es schwer, eine Epidemie einzudämmen. Da muss man mit der klassischen Sozialarbeit versuchen, in diese Zielgruppen hineinzuwirken: nicht nur mit Appellen, sondern auch mit Angeboten. Das hätte man seit März machen können. Den Menschen Verständnis entgegenbringen und für die Sozialarbeit Personen wählen, die von der Zielgruppe akzeptiert werden. Es ist klar, dass Jugendliche oder Ältere jeweils andere Menschen mehr akzeptieren.

Das klingt erst einmal recht aufwendig.

Ja, aber es hilft langfristig und nachhaltig. Probleme gibt es doch, weil Maßnahmen nicht verstanden werden oder die Zusammenhänge nicht klar sind. Da muss man eben Tausende von Freiwilligen gewinnen, die Haushalte besuchen und Aufklärungsmaterial verteilen oder für Rückfragen zur Verfügung stehen. Das sagt auch die Weltgesundheitsorganisation: Das Hineinwirken in breite Teile der Bevölkerung ist das Wichtigste. Wenn das nicht gelingt, ist auch die härteste und hundertste Maßnahme vom Wirkungsgrad sehr gering.

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Aber ohne harte Maßnahmen funktioniert es doch momentan anscheinend auch nicht.

Es geht nicht um Härte. Das ist der falsche Fokus. Es geht um Wirksamkeit, die wirksamsten Maßnahmen. Das gelingt mit dem Skalpell an den entscheidenden Punkten. Dafür brauchen wir aber eine gute Datengrundlage. Damit können Politiker der Bevölkerung die Corona-Schutzmaßnahmen erklären. Das ist ganz wichtig. Jeder fragt sich: Was ist die Erklärung, warum nur noch einer auf 20 Quadratmetern ins Geschäft gehen darf? Waren das die großen Infektionsherde, gab es da massenhaft Ausbrüche? Die Maßnahmen mit wissenschaftlicher Evidenz zu erklären, ist ganz wichtig. Und wenn die Maßnahme pragmatisch ist und ohne Evidenz erfolgt, sollte auch das so kommuniziert werden.

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Bund und Länder verschärfen angesichts der anhaltend hohen Corona-Infektionszahlen den Kurs in der Pandemie, mit Ausnahme von Weihnachten.  © Reuters

Was halten Sie davon, dass sich um Weihnachten herum wieder mehr Menschen treffen dürfen? Ist das aus sozialer Sicht gut oder eher kontraproduktiv?

Es ist egal, ob Weihnachten ist oder nicht. Wenn man die Leute vor Weihnachten nicht für die Maßnahmen gewinnt, halten sie sich vorher schon nicht an die Regeln. In einer Pandemie das Ziel zu haben, Weihnachten feiern zu können, ist ein fragwürdiger Fokus. Wir haben die nächsten Monate mit der Pandemie zu kämpfen und sollten uns nicht auf Weihnachten konzentrieren, sondern mindestens auf die nächsten sechs Monate mit einer langfristigen Strategie. Und eine langfristige Strategie, so wie sie versprochen wurde, ist sicherlich nicht bis Weihnachten anzusetzen, sondern bis man einen großen Teil der Bevölkerung geimpft hat. Wir brauchen eine Strategie bis mindestens zum Sommer 2021.

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Weihnachten größer zu feiern widerspricht ja auch Ihrem Ansatz, Alten- und Pflegeheime besonders zu schützen. Sicherlich werden zahlreiche Verwandte nach Hause geholt.

Na ja, man könnte und müsste es organisieren. Auch da können die niedergelassenen Ärzte eine ganz wichtige Rolle spielen. Für einige Bürgerinnen und Bürger ist es vielleicht das letzte Mal Weihnachten. Da ist es nachvollziehbar, dass man eine Ausnahme macht und die größtmögliche Sicherheit mittels Tests gewährleistet. Mit einem negativen Antigentest kann man zwei, drei Stunden problemlos miteinander feiern. Mit einem PCR-Test ist das Zeitfenster sogar einen Tag. Massenhaft wird man in der Bevölkerung nicht testen können. Aber für die, für die es besonders wichtig ist, wie Demenz- oder Schwerkranke, halte ich es für berechtigt, dieses technische Mittel, das uns zur Verfügung steht, einzusetzen.

Der soziale Aspekt gerät in der Pandemie manchmal etwas in Vergessenheit.

Mich wundert, dass das Rad neu erfunden wird. Diese Erkenntnisse haben wir seit Jahrzehnten. Die Länder, die durch die Weltgesundheitsorganisation evaluiert wurden, Thailand beispielsweise, da ist genau die Sozialarbeit als Erfolgsfaktor benannt worden. Sogenannte „Health Voluntueers“ gehen dort durch die Dörfer und Bezirke, klären auf und bieten ihre Hilfe an. Das ist nichts Neues. Man muss die Bevölkerung mitnehmen. Nur eine Spekulation: Aber der Effekt, ob eine Person zehn oder zwanzig Quadratmeter Platz im Laden hat, wird vermutlich einen geringen Einfluss auf die Fallzahlen haben.

Anscheinend wird seitens der Politik zu viel in der Bevölkerung vorausgesetzt.

Appelle alleine reichen nicht. Man kann nicht damit argumentieren, dass man an die Bevölkerung appelliert hat, die Maßnahmen umzusetzen, und dass das nichts gebracht hat. Da muss man mehr machen.

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