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Virologe Streeck: „Wir erreichen mit diesen Impfstoffen keine Herdenimmunität“

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck meint, mit den derzeitigen Impfstoffen sei eine Herdenimmunität nicht möglich.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck meint, mit den derzeitigen Impfstoffen sei eine Herdenimmunität nicht möglich.

Bonn/Berlin. „Mit diesen Impfstoffen werden wir keine Herdenimmunität erreichen. Bei immer mehr Menschen, die geimpft sind, können wir im Rachen das Virus nachweisen.“ So äußerte sich Hendrik Streeck im Gespräch mit der „Welt“ über die Corona-Pandemie. Der Impfstoff sei als Eigenschutz entwickelt worden, erklärte der Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Man schütze damit sich selbst vor einem schweren Verlauf der Krankheit Covid-19.

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Unter anderem deshalb sei das Impfen so wichtig. Streeck erinnerte an eine seiner Aussagen aus dem vergangenen Jahr: Wir müssten lernen, mit dem Virus zu leben. Das bedeute aber nicht, sich zu infizieren, sondern vorsichtig mit der Gefahr umzugehen. „Auf der einen Seite brauchen wir Hygienekonzepte, um Infektionen zu verhindern. Auf der anderen Seite geht es darum, eine achtsame Normalität zu kriegen.“

England: „ein enorm gewagtes Experiment“

Die Inzidenz sei zukünftig nicht mehr das Maß aller Dinge, so Streeck im Interview mit der „Welt“. „Wichtig ist, dass wir vermehrt auf die Hospitalisierungsrate schauen.“ Im Herbst sei diese ein ganz wichtiger Parameter.

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Aktuell befinden sich in Deutschland laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) 357 Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung in intensivmedizinischer Behandlung. 58 Prozent davon müssen invasiv beatmet werden. Im Januar dieses Jahres gab es mehr als 5700 Covid-19-Erkrankte auf deutschen Intensivstationen.

Dass die Inzidenz nicht mehr der wichtigste Wert zur Beurteilung der Lage ist, sehe man am Beispiel England. Dort sind fast alle Corona-Hygienemaßnahmen wie das Tragen von Masken oder Abstand halten seit Montag keine Pflicht mehr. Laut Streeck sei das ein „enorm gewagtes Experiment“ und ein „falsches Zeichen“.

Die Inzidenz in England steige stark, die Hospitalisierungsrate aber langsam. „Das wird sich wahrscheinlich in Deutschland bei einer vierten Welle ähnlich verhalten“, prognostiziert Streeck. Zu erreichen sei ein ähnlicher Verlauf wie in England aber nur, wenn genug Menschen geimpft seien.

Schulen und Virusmutationen

Wie wichtig das Impfen sei, betonte Streeck während des Gesprächs mit der „Welt“ mehrfach. Unter anderem denkt der Virologe dabei an den Beginn des neuen Schuljahres im Herbst. Eine einfache Antwort darauf, wie man mit der Situation in den Schulen umgehen solle, hat er allerdings nicht: „Das ist eine enorm schwierige Frage.“ Er rät, auf die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) zu hören.

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Diese empfiehlt das Impfen von Kindern und Jugendlichen ab einem Alter von zwölf Jahren bisher nur, wenn sie bestimmte Vorerkrankungen haben. Dazu zählen etwa Adipositas, Diabetes oder chronische Lungenerkrankungen. Auf eigenen Wunsch und zusammen mit ihren Eltern können sich Menschen ab zwölf Jahren dennoch dafür entscheiden, sich impfen zu lassen. Für Kinder, die jünger als zwölf Jahre sind, gibt es derzeit keinen zugelassenen Impfstoff.

Und auch einen anderen Aspekt würde Streeck lieber den Expertinnen und Experten überlassen: die Diskussion um Mutationen und Varianten des Virus. Die gehörten in die Virologie und Epidemiologie. „Alle Maßnahmen, die wir ergreifen, und die Impfstoffe wirken gut gegen die Varianten“, sagte der Virologe. Der Wissenschaftler plädiert zudem dafür, Impfungen gezielt in sozial schwächeren Regionen anzubieten.

RND/saf

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