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WHO-Virenfahnder zu Coronavirus-Ursprung: „Patient null zu finden ist quasi unmöglich“

  • Fabian Leendertz fordert, dass die Suche nach dem Ursprung der Pandemie unbedingt weiterverfolgt werden sollte.
  • Dass das Coronavirus aus einem chinesischen Labor entwichen sein könnte, hält der Zoonosenexperte aber weiterhin für unwahrscheinlich.
  • Im RND-Interview erklärt er, wieso trotzdem weitergeforscht werden muss.
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Als Experte für Zoonosen und Epidemiologe ist Fabian Leendertz schon den Ebolaausbrüchen in Afrika nachgegangen. Nun war er Teil einer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) berufenen Gruppe aus Forschenden, die dem Ursprung der Corona-Pandemie nachgehen sollte. Endes des Jahres wird er Leiter des künftigen One-Health-Instituts am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Als solcher will er die Entstehung von Zoonosen genauer unter die Lupe nehmen. Das Ziel: die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt verstärkt zusammenzudenken.

Im RND-Gespräch erklärt Leendertz, wieso er die Laborthese für wenig realistisch, aber möglich hält, wie Maske tragen im Umgang mit Tieren die nächste Pandemie verhindern könnte – und warum Patient null womöglich niemals entdeckt wird.

Prof. Fabian Leendertz fordert mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einem im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten Bericht, dass die Suche nach dem Ursprung der Pandemie dringend weiter verfolgt werden sollte. © Quelle: Patrick Geßner
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Herr Leendertz, wissen wir inzwischen mehr zum Ursprung des Coronavirus?

Harte Fakten zum Ursprung der Pandemie gibt es nicht. Unsere WHO-Mission sollte in China Daten sichten und mögliche Szenarien mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort entwickeln. Es liegt jetzt leider an der Politik, dass es nicht systematisch weitergeht. Wissenschaftliche Empfehlungen, wo man unbedingt weiterforschen sollte, werden nicht wirklich aufgenommen. Das frustriert.

Was wäre aus wissenschaftlicher Sicht denn als nächstes zu tun?

Wir würden gerne Daten zu Erkrankten aus Krankenhäusern sowie Blutproben-Spenden aus Wuhan von 2019 untersuchen lassen. Da könnte man womöglich frühere Corona-Fälle aufspüren. Ideal wäre es, Patient Null zu finden, da wir von hier aus konkreter versuchen könnten, die Übertragung vom Tier auf den Menschen zu rekonstruieren. Bei diesem Virus ist dies leider aber quasi unmöglich. Selbst bei Ebola hat bislang niemand zu 100 Prozent wasserdichte Beweise zum Ursprung finden können, und das obwohl Infizierte wegen eindeutigeren Symptomen einfacher zurückverfolgt werden können. Das heißt aber nicht, dass man es nicht wenigstens versuchen sollte und wir aus solchen Untersuchungen lernen können.

Sie rechnen also nicht damit, dass das Rätsel um den Ursprung der Pandemie selbst nach intensiver Forschung geknackt wird?

Viel mehr als bessere Szenarien kann man realistischerweise nicht erwarten. Der Verdacht hat sich zwar erhärtet, dass das Ursprungsreservoir bei bestimmten Fledermausarten irgendwo im südostasiatischen Raum zu finden ist. Aber auch hier fehlen noch konkrete Daten. Wahrscheinlich werden wir aber irgendwann wissen, welche Fledermausart den Vorfahren aller Sars-CoV-2-Viren trägt.

Dadurch lässt sich aber noch nicht ausschließen, dass irgendeine Forscherin oder ein Forscher das Virus von dort ins Labor geschleppt hat und da etwas passiert ist. Auch wenn ich das nach wie vor für eher theoretisch und unwahrscheinlich halte. Das zu beweisen, ist aber quasi unmöglich. Auch welche Zwischenwirte beteiligt gewesen sein könnten, ist nachträglich wahrscheinlich nicht zu rekonstruieren, weil die Tiere entweder aufgegessen oder zu Pelz verarbeitet wurden.

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Wieso halten Sie ein natürliches Szenario für realistischer als die Laborthese?

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Es gibt viele Kontakte zwischen Menschen und Fledertieren, entweder direkt oder über Zwischenwirte. So haben zum Beispiel Forschende aus Kambodscha eine interessante Untersuchung dazu gemacht, wie die Menschen vor Ort Fledermauskot abbauen. Sie gehen mit Flipflops oder barfuß in die Höhlen und holen Fäkalien schubkarrenweise heraus, weil das ein sehr guter Dünger für die Felder ist. Die Menschen haben also sehr oft und auf engem Raum Kontakt zu den Tieren. Dabei gibt es viel intensiveren Kontakt als wenn einzelne Forschende die Fledermäuse mit Handschuh und Mundschutz inspizieren und dann Genomproben im Labor untersuchen.

Die räumliche Nähe zwischen dem ersten bemerkten Ausbruch auf dem Wuhanmarkt und einem virologischen Institut in unmittelbarer Nähe macht Sie nicht skeptisch?

Ich verstehe nicht, wieso die chinesische Regierung dagegen ist, die Laborbücher zu zeigen. Das würde die Diskussion etwas entschärfen. Denn in dem Labor in Wuhan arbeitet ein exzellentes Team aus Forschenden, das auch vorher enorm viele Daten öffentlich gemacht hat. Vor dem Beginn der Pandemie wurde dort auch ein näherer Verwandter des Sars-CoV-2-Stammes beschrieben und die Sequenz sofort der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Wieso sollte das Institut also wenige Monate später ausgerechnet bei Sars-CoV-2 eine Ausnahme machen? Niemand kann vorab abschätzen, ob ein Erreger wirklich eine Pandemie auslöst. Der Wildtiermarkt in Wuhan ist wahrscheinlich auch nicht der Ort, wo das Coronavirus zum ersten Mal auf den Menschen übergesprungen ist. Vielmehr könnte dort erstmals ein größeres Superspreading-Event stattgefunden haben.

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Wo wir wieder bei der noch nicht ausfindig gemachten Fledermaus wären. Kann man denn sagen, dass der Ursprung der Pandemie mit der Zerstörung von Lebensraums zu tun hat?

Natürlich spielt der Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren eine Rolle. Und natürlich steigt der Druck auf die Natur, weil es immer mehr Menschen gibt, die stark in tierische Lebensräume eindringen. Wildtierhandel und Klimawandel begünstigen, dass in Zukunft häufiger Zoonosen mit pandemischem Potenzial auf den Menschen übertreten.

Ich wäre aber mit der Aussage vorsichtig, dass Umweltzerstörungen direkt Schuld haben an der Coronavirus-Pandemie. Das weiß man einfach nicht. Denken Sie an die Hantaviren, ebenfalls zoonotische Erreger: Die kann man sich schon beim Auskehren des Gartenhauses holen, auch in Deutschland.

Der Ursprung des Coronavirus bleibt also ungewiss – genauso wie seine Zukunft. Im Dezember 2020 waren Sie noch überzeugt, dass Mutationen kein großes Problem werden. Wurden die Virusvarianten unterschätzt?

Im Vergleich zu vielen anderen Erregern verändern sich Coronaviren nicht so schnell. Das Virus hat aber Menschen in jedem Winkel der Welt erreicht und konnte sich unglaublich oft vervielfältigen. Das ist wesentlich schneller passiert als ich und viele andere Forschende es eingeschätzt haben. Das Virus hat das Rennen aber auch jetzt absolut noch nicht gewonnen. Die Impfstoffe funktionieren noch recht gut. Verschiedene Teams arbeiten auch an Impfstoffen, die verschiedene Szenarien für die Zukunft mit abdecken. Insofern bin ich da immer noch sehr zuversichtlich.

Forschende aus Großbritannien kalkulieren damit, dass sich das Coronavirus irgendwann in Tieren weiter verbreiten und erneut eine Zoonose bei Menschen auslösen und den Immunschutz gefährden könnte. Ist das realistisch?

Unter den Annahme, dass die Pandemie irgendwann im Griff ist, wäre es natürlich ärgerlich, wenn das Virus plötzlich mit wenig erfreulichen Eigenschaften aus dem Tierreich zurückkommt. In einem Land mit hoher Biodiversität könnte sich zum Beispiel ein Menschenaffe bei einem Menschen anstecken. Dann kommt der Leopard, knabbert am toten Tier, und infiziert sich auch. Solche Multi-Spezies-Übertragungen wurden bereits in einem Zoo beobachtet. Bleibt das Coronavirus über mehrere Arten in Zirkulation, könnte es zudem schneller mutieren, da es einem anderen Immundruck ausgesetzt ist.

Wie lässt sich das Risiko für so ein Szenario verringern?

Da findet langsam ein Umdenken statt. Wenn wir mit für das Coronavirus empfänglichen Spezies wie Katzen, Mader, Fledermäusen und Menschenaffen Kontakt haben, sollten sie vor Ansteckungen geschützt werden. Der Katzenbesitzer im Altbau in Berlin ist nicht das Problem. Aber es gibt Gegenden, in denen sehr viele Menschen mit sehr vielen Wildtieren auf engem Raum leben. Gerade in solchen oft entlegenen Hotspots sollte die Bevölkerung möglichst schnell geimpft werden, statt sie an letzter Stelle zu bedenken. Wer mit Tieren arbeitet, sollte an die klassischen Hygienemaßnahmen denken, zum Beispiel Mundschutz tragen. So müssen Forschende bei Probenentnahmen an Fledermäusen jetzt Masken tragen, bei denen nicht nur sie vor der Außenwelt, sondern auch die Außenwelt vor ihnen geschützt ist.

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