Inzidenz über 400 ab September? Wen die vierte Welle besonders treffen wird

  • Die Corona-Inzidenz steigt in Deutschland schneller, als es Modellierungen erwarten ließen.
  • Das hängt Datenkennern zufolge mit Reiserückkehrern und der Delta-Variante zusammen.
  • Das individuelle Infektionsrisiko, auch mit schwerem Covid-19-Verlauf, sei für Ungeimpfte höher als noch 2020.
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Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt seit mehr als zwei Wochen kontinuierlich an. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) von Donnerstagmorgen (22. Juli) lag sie bei 12,2 – am Vortag betrug der Wert 11,4 und beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli noch 4,9. Die möglichen Szenarien für die kommenden Wochen? Sie lassen nichts Gutes erahnen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn appellierte bereits, angesichts steigender Corona-Zahlen Schutzmaßnahmen nicht zu vernachlässigen. Wenn sich die Inzidenz weiter alle zwölf Tage verdoppele, habe man im September einen Wert von über 400, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Berlin. Alle miteinander müssten sich die Frage stellen: „Wollen wir das passieren lassen?“

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Beschleunigung der Corona-Ansteckungen durch Delta und Reisende

„Die Rechnung von Jens Spahn ist – unter der Annahme, alles ginge so weiter wie jetzt – sogar eher konservativ“, sagt dazu Mathematiker Jan Fuhrmann, der an der Universität Heidelberg mögliche Szenarien zum Verlauf der Corona-Pandemie berechnet. Mit dem deutlichen Anstieg der Coronavirus-Fallzahlen und einer Sieben-Tage-Inzidenz zwischen zehn und 15 habe der Modellierer zwar auch gerechnet, eigentlich allerdings erst für die letzte Juliwoche.

„Dass die Inzidenz noch etwas stärker als erwartet angestiegen ist, hängt unter anderem mit Reiserückkehrern zusammen, deren Anteil an den bestätigten Fällen höher liegt als von uns berücksichtigt“, erklärte der Wissenschaftler dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Der größte Teil dieses Anstiegs lasse sich durch die Ausbreitung der Delta-Variante erklären. „Was den Anstieg allerdings tatsächlich verlangsamen dürfte, sind die Impfungen – je schneller man damit vorankommt, desto schwerer hat es das Virus, sich weiter mit der aktuellen Rate auszubreiten.“

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Laut Impfdashboard sind inzwischen 48 Prozent der Bevölkerung in Deutschland vollständig geimpft (Stand: 22. Juli). „Insgesamt sollten wir aber mittelfristig auch mit einem erneuten Anstieg der Hospitalisierungen rechnen, allerdings wohl nicht in einem Umfang, der das Gesundheitssystem an den Rand des Zusammenbruchs führt“, sagt Fuhrmann. Wie sich die Hospitalisierungszahlen genau entwickeln werden, ist dem Wissenschaftler zufolge gegenwärtig schwer zu berechnen.

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Ein Anhaltspunkt sind die Entwicklungen im Ausland. Das Beispiel Großbritannien zeige, dass sich die Zahl der mit Covid-19 zusammenhängenden Krankenhausaufnahmen seit dem Tief im Mai mehr als versiebenfacht habe, die Inzidenz hingegen um einen Faktor 30 gestiegen sei. Bedeutet also: „Die Inzidenz hat bereits fast wieder das Hoch aus dem vergangenen Winter erreicht, während die Zahl der Hospitalisierungen noch bei knapp einem Fünftel des damaligen Spitzenwerts liegt.“

Die Impfstoffe halten trotz Ausbreitung der Delta-Variante also das, was sie versprechen: Sie schützen vor nennenswerten Symptomen und vor allem vor einem Verlauf mit Krankenhausaufenthalt. Angesichts des durch die Geimpften veränderten Verhältnisses zwischen Infektionen und schweren Verläufen fällt Fuhrmann zufolge die Abwägung bei Kontaktbeschränkungen und ähnlichen Maßnahmen daher deutlich zugunsten weniger strikter Maßnahmen bei gleicher Inzidenz aus. Gesundheitsminister Spahn hatte vor einigen Tagen bereits angekündigt, dass künftig die Hospitalisierungsrate neben der Inzidenz verstärkt ins Gewicht fallen werde, wenn es um die Beurteilung von Maßnahmen geht.

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Höheres Corona-Infektionsrisiko für Ungeimpfte als 2020

Fuhrmann warnt aber davor, den erwarteten Inzidenzanstieg zu unterschätzen. „Auch wenn auf gesellschaftlicher Ebene die Risiken gesunken sind, weil nur noch wenige besonders anfällige Personen keinen Impfschutz haben, sollte allen klar sein, dass mindestens für Ungeimpfte und nicht Genesene das individuelle Risiko einer Infektion, auch mit schwerem Verlauf, bei gleicher Inzidenz sogar höher ist als noch im letzten Jahr.“

Neue Corona-Fälle gibt es inzwischen vor allem unter jüngeren Personen. „In den letzten Wochen machen die 15- bis 39-Jährigen mehr als die Hälfte der neuen Fälle aus, wenn man auch noch die jüngeren Jahrgänge hinzunimmt, kommt man auf circa zwei Drittel“, berichtet der Modellierer. Das sei wenig überraschend, weil in diesen Altersgruppen bislang nur wenige vollständig geimpft sind.

Kinder und Jugendliche wird die vierte Welle treffen

Auch wenn die Impfungen trotz Ausbreitung der Delta-Variante recht zuverlässig vor einer schweren Erkrankung schützen, hilft das also insbesondere den Jüngeren im Moment noch nicht wirklich. Kinder ab zwölf Jahren können sich zwar nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und ärztlicher Beratung impfen lassen. Eine grundsätzliche Impfempfehlung gibt es aber nicht.

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Spahn warnt vor Corona-Inzidenz von mehr als 800 im Oktober
1:43 min
Gesundheitsminister Jens Spahn hat vor einem drastischen Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland gewarnt.  © Reuters

Und für unter Zwölfjährige ist kein Impfstoff zugelassen. „Denen und deren Eltern bleibt vorerst nur die Hoffnung darauf, dass Kinder im Fall einer Infektion ohnehin mit hoher Wahrscheinlichkeit keine oder nur schwache Symptome entwickeln“, sagt Fuhrmann.

Inzidenzmaßstab für Maßnahmen: 200 als das neue 50?

Wie Bund und Länder bei wieder steigenden Inzidenzen reagieren wollen und welche Werte für welche Maßnahmen ausschlaggebend sein werden, ist noch unklar. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Donnerstag in Aussicht gestellt, die nächste Ministerpräsidentenkonferenz zur Corona-Pandemie vorzuziehen. Eigentlich war diese für Ende August geplant. Auf die Frage, ab wann wieder mit Einschränkungen gerechnet werden müsse, plädierte Spahn mit Blick auf die durch die Impfungen veränderte Belastung des Gesundheitswesens für einen neuen Inzidenzwert: „200 ist das neue 50“, so der Gesundheitsminister.

Modellierer Fuhrmann zeigt sich wenig optimistisch, dass man damit – das Impfen ausgenommen – ausreichend gegen die Delta-Variante ankommt. „Mit Blick auf konkrete, an Inzidenzen gekoppelte Maßnahmen muss man feststellen, dass durch die deutlich erleichterte Übertragung der Delta-Variante eine echte Eindämmung der Infektionen immer schwieriger wird“, sagt der Mathematiker. Mittlerweile müsse man sich beinahe damit abfinden, dass sich die allermeisten ungeimpften Menschen früher oder später anstecken werden. Auch einige Geimpfte und Genesene würden sich bei steigender Inzidenz erneut infizieren.

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