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Vorteile und Grenzen des Immunschutzes

Braucht es die fünfte Corona-Impfung? Und dann die sechste, siebte, achte?

Boostern gegen die Corona-Welle? Vor allem Älteren wird empfohlen, sich ein viertes und womöglich bald auch ein fünftes Mal impfen zu lassen.

Boostern gegen die Corona-Welle? Vor allem Älteren wird empfohlen, sich ein viertes und womöglich bald auch ein fünftes Mal impfen zu lassen.

Geht das jetzt immer so weiter? Kommt jetzt die fünfte, demnächst die sechste, siebte, achte Corona-Impfung? Immer dann, wenn gerade wieder eine neue Corona-Variante auftaucht und die Infektionszahlen nach oben schießen? Schließlich halten bereits einige Experten und Expertinnen, zuletzt etwa der DIVI-Präsident und Intensivmediziner Gernot Marx, die fünfte Dosis in diesem Herbst für angebracht. Vorausgesetzt, es gibt dann einen angepassten Impfstoff, der noch einmal besser vor den Omikron-Linien BA.4 und BA.5 schützt. Eine Entscheidung über eine Zulassung angepasster Mittel von Biontech und Moderna ist für Ende September angekündigt. Ob die Vakzine bei den neuen Varianten einen Vorteil bringen? Das ist noch unklar.

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Worauf kann man sich also langfristig einstellen? Die Politik rechnet so oder so mit weiteren Impfungen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach empfiehlt schon jetzt eine vierte Dosis mit den bisherigen Impfstoffen nicht nur für Ältere, wie es die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt. Sondern für alle, auch für unter 60-Jährige. Dabei hieß es im ersten Pandemiejahr eigentlich noch, es reiche aus, sich mit ein bis zwei Impfdosen gegen Corona zu schützen. Man hoffte darauf, damit langfristig ausreichend vor Krankheit, Tod – und auch Infektion geschützt zu sein. Dann kamen aber neue Virusvarianten: Alpha, Delta, Omikron. Zeitgleich zeigte sich, dass die schützenden Antikörper im Blut mit der Zeit wieder schwinden. Einmal impfen, für immer durch sein mit Corona? So ist es leider nicht. Heute wissen wir: Auch Geimpfte infizieren sich.

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Ende 2021 wurde deshalb eine Auffrischimpfung empfohlen, um den Immunschutz noch einmal deutlich zu verbessern. Für diesen Booster haben sich bis Mitte Juli dieses Jahres rund 62 Prozent der Menschen in Deutschland entschieden. Das bietet Vorteile, auch heute noch, auch gegen die derzeit dominante Omikron-Linie BA.5. Man ist damit zwar nicht sonderlich gut vor Ansteckung und milder bis moderater Erkrankung geschützt, auch nicht vor Long Covid. Aber eben vor dem Schlimmsten – schwerem Covid-19 mit wochenlanger intensivmedizinischer Behandlung und Tod. Zwar auch nicht zu 100 Prozent garantiert, aber immer noch vergleichsweise gut. Zumindest, wenn man ein junger, gesunder Erwachsener ist.

Immer wieder gegen Corona nachimpfen und/oder anstecken?

Deshalb geht ein Großteil der Fachleute auch davon aus, dass viele Menschen mit Grundimmunisierung und einem Booster langfristig ausreichend gewappnet sind für das Coronavirus – und sich eben nicht ständig zwingend erneut impfen lassen müssen. Vor einigen Monaten erklärte der Charité-Virologe Christian Drosten die dahinterliegende „generelle Weisheit der Infektionsepidemiologie“ in der Bundespressekonferenz. „Wir werden ja nicht auf Dauer über alle paar Monate die gesamte Bevölkerung wieder nachimpfen können, um damit eine Bevölkerungsimmunität oder einen Gemeinschaftsschutz, wie auch immer man das ausdrücken will, zu erhalten“, sagte er da. „Das heißt, irgendwann muss das Virus in der Bevölkerung auch Infektionen setzen. Und das Virus selbst muss die Immunität der Menschen immer wieder, sagen wir mal, updaten.“

Was er damit meint: Corona verschwindet nicht mehr und kursiert immer weiter durch die Welt. Aber die Ausgangslage ist besser geworden als zum Pandemiebeginn. Ein Großteil der Menschen hat mit den bisherigen Impfungen und (zusätzlich) auch Infektionen einen gewissen Basisschutz, der das Immunsystem auch unabhängig von den schwindenden Antikörpern auf eine Corona-Infektion vorbereitet. Fachleute sind optimistisch, dass das Virus dieser Abwehr nicht komplett entgeht und auch nicht den Immunschutz vor schwerem Covid-19 aushebelt. „Eine gewisse Grundimmunität kann das Virus nicht einfach so unterlaufen“, sagte vor wenigen Wochen der Immunologe Carsten Watzl dem RND. Und deshalb ist auch eine Ansteckung nicht mehr so gefährlich wie noch zu Beginn der Krise.

Jung, gesund, geimpft: Auf den Corona-Basisschutz kann man zählen

Zwar hat sich Omikron so verändert, dass viele relevante Antikörper nicht mehr passen und man deshalb wieder anfälliger wird für eine Infektion. Es gibt aber auch noch die T-Zellen. Sie befinden sich in anderen Bereichen unseres Immunsystems und bekämpfen das Virus auf eine ganz andere Art und Weise. Dort ähnelt Omikron dem Ursprungsvirus auch noch zu rund 80 Prozent, so erklärt es Watzl. Da die Impfstoffe auf lange Sicht aber wenig vor Ansteckung schützen, wird es wahrscheinlich so sein, dass immer wieder Durchbruchsinfektionen stattfinden. Immungesunde, jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen erkranken mild bis moderat – und frischen ebendiesen Basisschutz wieder auf. Trotzdem sollte man eine Infektion aber nicht provozieren, betonen Fachleute zeitgleich. Denn jede Infektion birgt ein gewisses Gesundheitsrisiko – mit Folgen wie Long Covid. Und, wie Watzl auch erklärt: Ein vierte oder fünfte Impfdosis schadet immunologisch gesehen auch nicht. Wer sich also impfen lassen will, hat keine Nachteile für das eigene Immunsystem bei weiteren Impfkampagnen zu befürchten.

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Nun kann ein zweiter Booster mit den bisherigen Mitteln auch kurzzeitig den Immunschutz erhöhen. Wer aber hofft, durch regelmäßiges Impfen auf Dauer eine Ansteckung umgehen zu können, wird in naher Zukunft wahrscheinlich enttäuscht werden. Die Stiko hält in einem epidemiologischen Bulletin fest: Bei den bereits zugelassenen Impfstoffen von Biontech und Moderna werde zwei bis vier Wochen nach der Auffrischimpfung „das Maximum der Wirksamkeit“ zur Verhinderung einer symptomatischen Omikron-Infektion mit etwa 70 Prozent erreicht. Über zehn Wochen nehme die Wirksamkeit dann bereits wieder ab. Auch die Effektivität zur Verhinderung einer Krankenhauseinweisung wird nach Auffrischimpfung zwar auf ein Niveau von über 90 Prozent angehoben, „nimmt jedoch ebenfalls mit der Zeit signifikant ab.“

Der Booster-Effekt durch eine vierte, womöglich auch fünfte Impfung mit den bisherigen Impfstoffen ist also kurzfristig. Momentan sieht es auch nicht so aus, dass demnächst Impfstoff-Updates zugelassen werden, die solide und länger als wenige Wochen vor einer Infektion schützen. Weder rechnen Impfstoffexperten und -expertinnen bei den für den Herbst angekündigten Vakzin-Anpassungen von Moderna und Biontech mit einer signifikanten Verbesserung des Ansteckungsschutzes, noch gibt es Forschungsprojekte, die in den kommenden Monaten einen echten Durchbruch bei neuen Impfstofftechnologien erahnen lassen. Also beispielsweise Applikationen, die als Nasenspray oder Inhalationsmittel verabreicht werden. Oder Universalimpfstoffe, die gleich gegen mehrere Varianten oder Virenstämme auf einmal wirken. Zumal das Coronavirus so schnell mutiert, dass die Impfstoffforschung ständig vor neue Herausforderungen gestellt wird.

Impfstoff-Updates für bestimmte Gruppen sinnvoll

Trotzdem ist auf eine fünfte Impfung und bessere Impfstoff-Updates in den kommenden Monaten und Jahren zu hoffen. Denn es gibt nicht nur die immungesunde, junge Bevölkerung. Sondern auch Menschen, bei denen auf den Basisschutz weniger Verlass ist. Ältere ab 60 Jahren kann das etwa treffen, Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie einer Immunschwäche. Ihr Immunsystem funktioniert anders. Sie können sich nicht auf einen ausreichenden Schutz durch Grundimmunisierung und Einfach-Booster verlassen. Für solche Gruppen könnten deshalb weitere, regelmäßige Auffrischungen besonders lohnen – vor allem, um den Schutz vor schwerem Covid-19 und Tod zu verbessern. Deshalb empfiehlt die Stiko ihnen auch bereits jetzt eine vierte Impfdosis mit den zugelassenen Mitteln – statt auf denkbare Updates im Herbst zu warten. Rund 22 Prozent der über 60-Jährigen haben davon bis Mitte Juli Gebrauch gemacht.

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RKI: Lage bleibt angespannt – Ältere besonders gefährdet

Es ist Sommer, das Leben findet größtenteils draußen statt, aber Corona will in diesem Jahr einfach nicht weichen.

Von anderen Impfungen ist so ein Prozedere bereits bekannt. So funktioniert das beispielswiese seit Jahren beim Grippeimpfstoff. Auch dieser schützt nicht zu 100 Prozent und muss zudem jede Saison angepasst werden, weil sich der Erreger sehr schnell verändert und damit der Impfstoff auch schnell seine Wirkung verliert. Die Stiko empfiehlt die Impfung nicht generell allen Menschen, sondern solchen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf: Älteren ab 60, Schwangeren, bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, in Pflegeheimen Lebenden. Aber auch denen, die häufigen Kontakt mit Risikogruppen haben: etwa medizinischem Personal und Menschen, die im Beruf mit viel Publikumsverkehr zu tun haben.

Vorbereiten auf das Worst-Case-Szenario

Dass Forschende an weiteren Impfstoff-Updates und Technologien arbeiten, hat noch einen weiteren Grund. Sie haben dabei das Worst-Case-Szenario der Pandemie im Blick. Das Coronavirus könnte sich so weiterentwickeln, dass es sich wieder mehr von Omikron entfernt. Es könnte seine Eigenschaften so verändern, dass selbst der Basisschutz bei immungesunden Geimpften sehr stark ausgehebelt wird. Momentan sieht das Experten und Expertinnen zufolge zwar nicht so aus. Möglich ist es aber. Wie es auch die aktuelle Sommerwelle wieder einmal verdeutlicht: Corona kann sich immer überraschend so verändern, wie es kaum jemand vorhergesehen hat. Es könnte also sein, dass eine Impfung für alle noch einmal zwingend notwendig wird, um das Virus einzudämmen. Wann? Mit welchem Stoff? Wie oft genau? Das kann momentan niemand abschätzen.

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