• Startseite
  • Gesundheit
  • Viele Pflegeheimbewohner in den USA sterben in der Corona-Pandemie – jedoch nicht immer an Covid-19

Viele Pflegeheimbewohner in den USA sterben in der Corona-Pandemie – jedoch nicht immer an Covid-19

  • Das gefährliche Coronavirus hat in den USA hunderttausende Tote gefordert.
  • Derzeit sterben ungewöhnlich viele Bewohner in Pflegeheimen in den USA aber auch an anderen Ursachen.
  • Vor allem der Personalmangel in den Pflegeheimen trägt dazu bei, erklären Seniorenverbände.
Anzeige
Anzeige

Als in Donald Wallaces Pflegeheim Covid-19 wütete, gehörte der 75-Jährige zu den wenigen Bewohnern, die sich nicht ansteckten. Dennoch starb er einen schrecklichen Tod. Vor der Pandemie war der ehemalige Fernfahrer aus dem US-Staat Alabama gesund und munter. Doch dann magerte er bis auf 45 Kilo ab und dehydrierte. Ein septischer Schock deutete auf einen unbehandelten Harnwegsinfekt hin, Darmbakterien im Körper auf mangelnde Hygiene und eine besondere Form der Lungenentzündung darauf, dass Wallace vermutlich an seinem Essen erstickte.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Sohn von gestorbenem Senior: „Sie haben ihn aufgegeben“

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

„Er konnte noch nicht einmal seinen Kopf aufrecht halten, weil er so schwach geworden war“, sagt sein Sohn Kevin Amerson. „Sie haben aufgehört, sich um ihn zu kümmern. Sie haben ihn aufgegeben.“

Die Corona-Pandemie hat in den USA bereits mehr als 90.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenheimen das Leben gekostet. Zugleich beklagen Seniorenverbände eine stille Welle von Zehntausenden weiteren Todesfällen, die nicht direkt mit dem Virus zu tun haben. Aus ihrer Sicht resultieren diese Fälle oft daraus, dass sich die überlasteten Pflegekräfte nicht mehr ausreichend um alle Bewohner kümmern könnten.

Bei Beschwerdestellen häufen sich die Berichte über Menschen, die so lange in verschmutzten Windeln liegengelassen werden, bis sich ihre Haut abschält, die sich bis auf die Knochen wundliegen und verhungern oder verdursten. Hinzu kommen Todesfälle, die nach Einschätzung von Ärzten nicht auf Vernachlässigung zurückgehen, sondern auf Verzweiflung und Lebensmüdigkeit durch die lange Isolation – auf einigen Sterbeurkunden lautet diese Todesursache „Gedeihstörung“.

Je mehr Corona-Infektionen in Pflegeheimen, desto mehr Todesfälle mit anderen Ursachen

Anzeige

Der Pflegeexperte Stephen Kaye, der im Auftrag der Nachrichtenagentur AP Daten aus landesweit 15.000 Einrichtungen analysierte, schätzt, dass auf je zwei Covid-19-Opfer im Pflegeheim ein weiteres kommt, dass vorzeitig an anderen Ursachen starb. Die Zahl solcher zusätzlicher Sterbefälle könne sich seit März auf mehr als 40.000 belaufen. Sie liegt etwa 15 Prozent über dem, was in einem normalen Jahr in den Einrichtungen zu erwarten wäre.

„Das Gesundheitssystem arbeitet am Rand des Abgrunds und versagt deshalb im Krisenfall“, sagt Kaye, Professor am Institut für Gesundheit und Altern an der Universität von Kalifornien in San Francisco. „Es sind nicht genug Leute da, die sich um die Bewohner von Pflegeheimen kümmern.“

Der Forscher verglich auch die Sterblichkeitsraten von Heimen mit und ohne Covid-19-Fälle. Dabei stellte er fest: Je mehr Corona-Infektionen es in einer Einrichtung gab, desto höher war auch die Zahl der Todesfälle mit anderen Ursachen. So war etwa in Häusern, in denen mindestens drei von zehn Bewohnern infiziert waren, die Rate der Sterbefälle aus anderen Gründen doppelt so hoch, wie es ohne Pandemie zu erwarten wäre. Das stützt die Vermutung, dass eine coronabedingte Überlastung der Pflegekräfte zu einer schlechteren Versorgung der Nichtinfizierten geführt haben könnte.

In 20 US-Staaten: Jedes vierte Pflegeheim meldet Personalmangel

Anzeige

Der chronische Personalmangel in der Pflege ist auch in den USA zum Kennzeichen der Pandemie geworden. Einige Heime mussten sogar evakuiert werden, weil so viele Beschäftigte entweder positiv getestet worden waren oder sich krankgemeldet hatten. In 20 US-Staaten, in denen die Infektionszahlen jetzt steigen, meldete laut Statistik fast eine von vier Einrichtungen einen Pflegekräftemangel.

Der Pflegeheimträger-Verband American Health Care Association bestreitet indes grundlegende Mängel bei der Versorgung von Bewohnern. Schätzungen über Zehntausende nicht-coronabedingte Todesfälle seien „Spekulation“. Zwar sei es vor allem in schwer betroffenen US-Staaten wie New York und New Jersey zu „Herausforderungen“ beim Personal gekommen, sagte der medizinische Direktor des Verbands, David Gifford. Wegen eines Rückgangs der Neuaufnahmen habe sich die Lage aber entspannt. „Es sind einige wirklich traurige und beunruhigende Geschichten bekannt geworden“, erklärte er. „Aber es war nicht weit verbreitet.“

Seniorenverband spricht von „Tragödien“

Eine andere Branchenorganisation, LeadingAge, räumte hingegen anhaltende Personalnöte ein und forderte mehr finanzielle Unterstützung von der Politik. „Diese Vorfälle, die auf die Herausforderungen zurückgehen, vor denen zu viele engagierte und fürsorgliche Heimbetreiber während dieser Pandemie stehen, sind furchtbar und herzzerreißend“, sagte Verbandspräsidentin Katie Smith Sloan. „Ich hoffe, dass diese Tragödien Politiker und die Öffentlichkeit wachrütteln werden.“

Dawn Best aus Long Island kennt das Leid aus erster Hand. Ihrer 83-jährigen Mutter Carolyn Best ging es im Pflegeheim gut – bis Corona kam. Als sich das Virus in der Einrichtung ausbreitete, seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hoffnungslos überfordert gewesen, sagt die Tochter. 50 Bewohner starben schließlich an Corona, doch Bests Mutter infizierte sich nicht. Sie starb stattdessen an Dehydrierung. Die Pflegekräfte seien mit den Covid-19-Patienten so eingespannt gewesen, dass niemand darauf geachtet habe, ob ihre Mutter etwas trinkt, erzählt Dawn Best: „Für sie war die Situation so ausweglos, wie man es sich gar nicht vorstellen kann.“

RND/AP

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen