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Verkürzte Quarantäne: Das sagt ein Infektiologe zum Lauterbach-Plan

Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Klinikum Jena.

Herr Pletz, angesichts der hohen Infektionsrate von Omikron fordern Politikerinnen und Politiker eine Verkürzung der Quarantänedauer, um die Infrastrukturen nicht so zu gefährden. Ist das aus wissenschaftlicher Sicht eine sinnvolle Maßnahme?

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Zunächst muss unterschieden werden zwischen Isolation und Quarantäne. Das geht leider oft unter in der öffentlichen Debatte. In Quarantäne kommen nur Kontaktpersonen, also Menschen, die selbst nicht infiziert sind. Sobald man einen positiven PCR-Befund hat, auch, wenn man keine Symptome hat, ist man nicht in Quarantäne, sondern in Isolation. Es ist wichtig das zu unterscheiden. An den Hospitalisierungszahlen in Großbritannien sieht man, dass es zwar deutlich mehr Infektionen und positive Nachweise bei Krankenhausaufnahmen gibt, aber weniger Patienten intensivpflichtig werden.

Kollegen aus Südafrika berichten, dass die positiven Omikron-Nachweise bei Krankenhausaufnahme zumindest zu einem Teil „Zufallsbefunde“ waren, die beim Aufnahmescreening auffielen, aber die Infektion nicht die Ursache für die Krankenhauseinweisung war. Bei den meisten Geimpften und Genesenen zeigt sich Omikron fast wie ein Erkältungsvirus, das sich aber beeindruckend schnell verbreitet. Wir können die stringenten Quarantäne- und Isolationsdauern wie bei Delta hier nicht in gleichem Maße aufrechterhalten, dieses Vorgehen gefährdet in UK bereits die Infrastrukturen und die Versorgung in den Krankenhäusern.

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Sie halten eine Verkürzung sowohl von Quarantäne als auch von Isolation für Geimpfte oder Genesene also grundsätzlich für sinnvoll?

Es wird schlichtweg eine Notwendigkeit werden, im weiteren Verlauf der Ausbreitung von Omikron ab einem gewissen Zeitpunkt die Quarantäne für Kontaktpersonen und vielleicht auch Isolation zu verkürzen. Momentan können wir die Omikron-Welle durch die stringenten Maßnahmen noch hinauszögern, diese erkaufte Zeit muss aber klug und effizient genutzt werden, um möglichst viele Menschen zu impfen oder zu boostern. Es wird dann aber einen Punkt geben, an dem wir mit der bisherigen stringenten Isolation und Quarantäne keinen Erfolg mehr haben, was das Aufhalten der Ausbreitung von Omikron angeht und die Strategie ändern müssen. Dieser Punkt sollte aber klug gewählt werden.

Wir haben in Deutschland eine immer noch große Impflücke. Ist der Punkt von dem Sie sprechen denn überhaupt schon gekommen?

Das ist regional unterschiedlich. Ich kann mir vorstellen, dass es in den nordwestlichen Bundesländern in den nächsten Tagen oder Wochen so weit sein wird. Die Impfquote dort ist höher und die Omikron-Welle bereits stärker angekommen, als zum Beispiel in Sachsen, Thüringen oder Bayern. In Thüringen wäre es wahrscheinlich besser, wenn man mit der Verkürzung von Quarantäne und Isolation noch zwei bis drei Wochen länger wartet, denn eine zu frühe Verkürzung könnte auch zur weiteren Ausbreitung der noch vorherrschenden Delta-Variante, die zu schwereren Verläufen führt, beitragen. Aber: Die meisten Menschen wollen einheitliche bundesweite Regelungen – und, wenn man die Menschen nicht mitnimmt, kann man diese Regelungen ohnehin vergessen. Deshalb sind wahrscheinlich trotz regional unterschiedlicher Inzidenzen bundesweite Regelungen sinnvoller. Auch, wenn man theoretisch feiner und optimaler regulieren könnte. Das heißt, es wird einen Zeitpunkt geben, der für einige optimal ist, für andere zu spät oder zu früh.

Angenommen Bund und Länder beschließen am Freitag verkürzte Quarantäne- und Isolationsregelungen ab Montag. Wäre das zu früh für Deutschland?

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Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass es gut ist, wenn Verordnungen etwas Vorlauf haben. Wenn die Bevölkerung nur 48 Stunden oder eine knappe Woche Zeit hat, um sich darauf einzustellen, ist das sicherlich zu wenig.

Sollte es bei der Verkürzung Unterschiede geben für Geimpfte und Ungeimpfte?

Was wir lernen mussten ist, dass auch Geimpfte das Virus übertragen können – wenn auch mit einer deutlich niedrigeren Wahrscheinlichkeit als Ungeimpfte. Angesichts der gegenüber Delta wahrscheinlich – laut CDC – um einen Tag verkürzten Inkubationszeit kann man für beide Gruppen die Zeit verkürzen. Ich finde die Regelung der CDC angemessen: für geboosterte oder kürzlich geimpfte und genesene Kontaktpersonen keine Quarantäne, aber eine Maskenpflicht für 10 Tage, wenn man mit anderen Menschen in einem Raum ist, für alle anderen 5 Tage Quarantäne und danach 5 Tage Maskenpflicht. Alle werden an Tag 5 getestet. Bei Infizierten wird kein Unterschied bei der Isolationsdauer gemacht – 5 Tage für alle.

Bund-Länder-Konferenz: Lauterbach für härtere Corona-Regelungen

Die Corona-Variante Omikron breitet sich rasant aus. Am Freitag sollen in einer Bund-Länder-Konferenz neue Regeln beschlossen werden.

Sollte die verkürzte Quarantäne oder Isolation – anders als in den USA – erst nach einem negativen Corona-Test möglich sein?

Ein negativer Test und – was auch ganz wichtig ist – 48 Stunden symptomfrei bei Infektion. Das wäre für mich unter Omikron ein guter Kompromiss. Man muss aber trotzdem sagen: Natürlich wird die Verkürzung der Isolation und Quarantäne zu einer Zunahme der Infektionen führen.

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Dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Mutationen. Ist das ein Risiko, das wir eingehen müssen?

Evolution passiert ja immer sprunghaft und ist in der Regel nicht vorhersagbar. Aber ja, wenn die Viruslast zunimmt, steigt rein statistisch die Wahrscheinlichkeit für Mutationen. Aber die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass die neuen Varianten aus Ländern mit einer niedrigen Impfquote kamen und sich außerdem – so die gängigste wissenschaftliche Hypothese – in immunsupprimierten Patientinnen und Patienten entwickelt haben könnten, in denen sich die Viren sehr lange vermehren und an Immunsystem anpassen konnten. Das ist hier trotz der Impflücke anders. Aus Deutschland ist bisher keine „Variant of Concern“ gekommen.

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