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Indoor-Wahlkampf und Strandurlaub: Steigen die Corona-Zahlen jetzt wieder an?

  • In den USA stiegen die Corona-Neuinfektionen mutmaßlich nach einer Indoor-Veranstaltung von Präsident Trump an.
  • Währenddessen tummeln sich Menschenmassen an Stränden oder auf Demonstrationen – ohne steigende Fallzahlen.
  • Ein möglicher Grund: Ansteckungen mit dem Coronavirus sind in Räumen sehr viel wahrscheinlicher als im Freien.
David Sander
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In Tulsa im Bundesstaat Oklahoma wurde eine deutlich erhöhte Rate von Corona-Neuinfektionen festgestellt. Laut Behördenvertretern ist es “mehr als wahrscheinlich”, dass der Wahlkampfauftritt von US-Präsident Donald Trump vor knapp drei Wochen damit im Zusammenhang steht. Der Präsident war dafür kritisiert worden, Tausende Menschen in einer Halle zu versammeln, in der das Tragen von Masken nicht verpflichtend war.

Zur selben Zeit fanden in ganz Deutschland Anti-Rassismus-Demonstrationen statt. Im Fokus standen dabei immer auch die missachteten Abstandsregeln und die Angst vor einer neuen Corona-Welle. Bislang haben sich die Proteste jedoch noch nicht bei den Infektionszahlen bemerkbar gemacht. Zudem drängt es viele Deutsche in den Urlaub: Vor allem an Stränden ballen sich die Menschenmassen. Corona und Ansteckungsgefahr scheinen in den Hintergrund zu rücken – trotz strengerer Strandregeln. Doch auch hier sind bisher keine höheren Fallzahlen zu verzeichnen. Wie entscheidend ist also der Ort einer Massenveranstaltung für einen möglichen Anstieg der Coronavirus-Infektionen? Inwiefern sind derartige Veranstaltungen überhaupt durchführbar?

Definitionsfrage: Was ist eine Großveranstaltung?

Um die Antworten nachzuvollziehen, wollen viele erst mal den Begriff definiert wissen. Ab wann ist ein Event eine Großveranstaltung? Und hier liegt das Problem: Es gibt keine bundesweit einheitliche Definition. Die Entscheidung über die Größe von Großveranstaltungen liegt bei den Bundesländern. So sehen beispielsweise Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Bremen, Brandenburg und Sachsen Großveranstaltungen als Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern. Schleswig-Holstein hingegen definiert bereits Versammlungen von mehr als 250 Personen als Großveranstaltung. Hessen wiederum legt keine konkrete Teilnehmerzahl fest, sondern zieht Merkmale wie die Größe der Veranstaltungsfläche oder die umliegende Infrastruktur hinzu.

Zu Großveranstaltungen zählen zum Beispiel Konzerte, Volksfeste, Festivals oder Sportveranstaltungen. Messen werden nicht mehr als derartige Veranstaltungen betrachtet – hier sollen die Länder entscheiden, ab wann die Durchführung unter Auflagen erlaubt ist. Mittlerweile unterscheiden viele Bundesländer zwischen Veranstaltungen im Freien und in geschlossenen Räumen. Sind Zusammenkünfte erlaubt, gelten immer die allgemeinen Hygiene- und Abstandsregeln. Je nach Größenordnung dauern die Verbote von Großveranstaltungen noch bis Ende August 2020 oder bis Ende Oktober 2020 an.

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Ist eine Veranstaltung im Freien sicherer?

Eine Wahlkampfveranstaltung, wie jene von Trump in Tulsa, wäre ein sogenanntes Superspreading-Event, also eine Veranstaltung, bei dem eine Massenverbreitung des Coronavirus erfolgen könnte. Dabei spielt nicht nur die Veranstaltungsgröße eine Rolle, sondern vor allem auch der Veranstaltungsort. Im Tulsa-Fall hätten rund 20.000 Personen in der Halle Platz gehabt – im Endeffekt blieben jedoch etliche Sitze leer. Trotzdem riskant genug: Diverse Studien haben längst demonstriert, dass die Übertragung über die Luft (Aerosole) zahlreiche Infektionsfälle bei Superspreader-Events innerhalb von geschlossenen Räumen erklären kann. Generell gilt für Sars-CoV-2, dass Ansteckungen in Räumen sehr viel wahrscheinlicher sind als im Freien.

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Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass es problemlos möglich und sicher ist, 20.000 Menschen im Freien zu versammeln. Risiken bestehen weiterhin: Eine hohe Teilnehmerzahl bringt viele Menschen auf engstem Raum zusammen, die An- und Abreise von vielen Personen gleichzeitig ist ein riskanter Faktor, die Unterschreitung von Mindestabständen oder auch die Anonymität von Teilnehmern (gerade bei Demonstrationen), sodass gegebenenfalls Infektionsketten nicht nachvollziehbar sind.

Deshalb sollten weiterhin Schutzmaßnahmen beachtet werden, rät Matthias Stoll, Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover: “Eine Verlegung ins Freie alleine würde auch nur im Kontext von Abstand und Mund-Nasen-Schutz zu einem bestenfalls noch kalkulierbaren Risiko führen.”

Sollte ich nun auf meinen Strandurlaub verzichten?

Klar ist: Menschenmassen am Strand gelten grundsätzlich nicht als Großveranstaltung – sofern es nicht explizit als “Strandparty” oder Ähnliches bezeichnet wird, es sich also um einen rein privaten Strandbesuch handelt. Deshalb gibt es auch keine speziellen Regelungen von Bund und Ländern. Trotzdem sollten Urlauber gewisse Dinge beachten, meint Matthias Stoll: “Es sollte stets und bei allen Beteiligten ein Bemühen bestehen, Abstände und Hygieneregeln einzuhalten.”

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Die allgemein geltenden Corona-Regeln sind also im Urlaub nicht ausgesetzt – eigentlich selbstverständlich und kein Problem: “Das ist auf dem Festland eingeübt und das bringen die Gäste mit”, sagt Göran Sell, Geschäftsführer der Touristik-Gesellschaft auf Borkum, gegenüber dem MDR. Egal ob auf Inseln oder auf dem Festland, viele Orte erinnern die Touristen an Strand und Promenade mit Plakaten oder Infomaterial an die Regeln. Strandkörbe wurden vielerorts entsprechend platziert, um den Mindestabstand zu gewährleisten.

Wer sich um das Infektionsrisiko am Strand sorgt, erhält Entwarnung von Reise- und Tropenmediziner Markus Frühwein. Gegenüber dem BR sagte er: “An der frischen Luft ist die Aerosolbildung wohl nicht so relevant für eine Übertragung von Covid-19.” Wie Stoll mahnt aber auch Frühwein: “Unbedingt die geltenden Abstandsregeln einhalten. Dann ist die Gefahr einer Tröpfcheninfektion geringer. Auch am Strand gilt: im Zweifel eine Maske tragen.” Bislang ist zudem auch keine deutlich erhöhte Rate von Corona-Neuinfektionen aufgrund von geballten Menschenmassen an Stränden festzustellen.

Ist ein weiterer Anstieg der Fallzahlen also nicht zu erwarten?

Weil die Fallzahlen aufgrund von Demos im Freien oder Menschenmassen an Stränden anscheinend nicht ansteigen, könnte man vorschnell zu dem Urteil kommen, dass ein Anstieg auch weiterhin nicht zu erwarten ist, doch das wäre “ungefähr so vorschnell wie die Annahme, dass Sie oder ich unsterblich sein müssen, weil keiner von uns beiden in den letzten Jahrzehnten gestorben ist”, sagt Infektiologe Stoll. Es gebe Kreise und Regionen, die seit über einer Woche keine neuen Fälle hätten. Insofern sei es nicht verwunderlich, dass bisher so wenig passiert ist. “Bisher herrscht aber bei uns in Deutschland allgemein noch besonnene Vorsicht. Die Ausbrüche unter anderem von Gütersloh, Göttingen, Berlin und anderswo sind nicht lange her und traten dort von Zeitpunkt und Ausmaß her unerwartet auf. Ihnen gemeinsam war stets die Missachtung von Hygieneregeln”, so Stoll.

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