Aufhebung der Maskenpflicht für Geimpfte in den USA: Epidemiologen überrascht

  • Die Ankündigung der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC, dass vollständig gegen Covid-19 Geimpfte weitgehend von der Maskenpflicht entbunden werden können, sorgt bei Experten für Erstaunen.
  • Die Mitteilung vom Donnerstag (Ortszeit) stieß auch auf offene Ablehnung.
  • Eine Umfrage der „New York Times“ unter Epidemiologen ergab, dass vier Fünftel von ihnen eine Maskenpflicht in Innenräumen für ein weiteres Jahr befürworteten.
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Am Donnerstag (Ortszeit) hatten die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), angekündigt, dass die Maskenpflicht für vollständig gegen das Coronavirus Geimpfte an vielen Orten und unter Berücksichtigung von Vorsichtsmaßnahmen wegfallen solle. Diese Nachricht sorgte in der US-amerikanischen Gesundheitsbranche nach Angaben der „New York Times“ für Überraschung. Wie die Zeitung schrieb, stehe die Maßnahme der CDC auch in starkem Gegensatz zur Meinung eines Großteils von Epidemiologen.

„Wir haben uns alle nach diesem Augenblick gesehnt, an dem wir zu einer gewissen Normalität zurückkehren können“, sagte CDC-Direktorin Dr. Rochelle Walensky laut dem Fernsehsender NBC auf einer Pressekonferenz. „Basierend auf den sinkenden Fallzahlen, den wissenschaftlichen Daten zur Wirksamkeit unserer Impfstoffe sowie unseren Erkenntnissen über das Verbreitungsverhalten des Virus ist dieser Moment jetzt für alle komplett Geimpften gekommen“, so Walenksy.

Die Anordnung der CDC erfolgte nur zwei Tage nachdem Walensky und andere nationale Gesundheitsexperten bei einer Senatsanhörung unter extremen Druck der Konservativen geraten waren. So hatte etwa nach Angaben des TV-Senders CNBC der republikanische Senator Bill Cassidy aus dem Südstaat Louisiana gesagt, die Amerikaner seien „mit ihrer Geduld am Ende“, was das Hin und Her der CDC-Botschaften hinsichtlich der Maskenpflicht anbelange. So hatte die CDC etwa Ende April verlauten lassen, vollständig Geimpfte könnten im Freien auf das Tragen von Masken verzichten, nicht aber an Orten mit größeren Menschenansammlungen.

Verabschiedete am Donnerstag (Ortszeit) faktisch die Maskenpflicht für vollständig Geimpfte in den USA: CDC-Direktorin Dr. Rochelle Walensky. © Quelle: Massachusetts General Hospital

Dass Walensky augenscheinlich dem politischen Druck nachgegeben und jetzt die Lockerungen in Sachen Maskentragen verkündet hat, sieht ein Großteil der Epidemiologen äußerst skeptisch. Die Wissenschaftler waren von der „New York Times“ in den vergangenen zwei Wochen befragt worden. In der Umfrage zwischen dem 28. April und dem 10. Mai, also vor der Veröffentlichung der neuen CDC-Richtlinien, waren 723 Epidemiologen zum Thema Masken befragt worden. So wurde etwa danach gefragt, wie sich Gruppen unterschiedlicher Größe im Freien und in geschlossenen Räumen verhalten sollten, wenn Menschen mit unklarem Impfstatus dabei seien.

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Wissenschaftler: noch ein Jahr Maske tragen

80 Prozent der Befragten gaben an, ihrer Meinung nach müssten die Amerikaner in geschlossenen Räumlichkeiten noch mindestens ein Jahr lang Masken tragen. Nur 5 Prozent hätten sich dafür ausgesprochen, schon in diesem Sommer die Maskenpflicht für öffentliche Innenräume aufzuheben. Im Fall großer Menschenansammlungen wie etwa Demonstrationen oder Konzerten sprachen sich 88 Prozent der Epidemiologen für eine Maskenpflicht auch bei vollständig Geimpften aus.

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„Sofern die Impfrate in den kommenden Monaten nicht auf 80 oder 90 Prozent ansteigt, sollten wir bei großen Menschenansammlungen in geschlossenen Räumlichkeiten Masken tragen“, sagte Vivian Towe vom Patient-Centered Outcomes Research Institute (PCORI) in Washington der „New York Times“.

Viele US-Gesundheitsbehörden hatten bereits zugestimmt, dass sich Geimpfte mit anderen Geimpften maskenfrei in Innenräumen aufhalten dürften – was grundsätzlich auch auf Zustimmung der Epidemiologen stieß. Doch die neuen CDC-Richtlinien besagen, dass Masken für Geimpfte grundsätzlich nicht mehr notwendig seien – unabhängig von der Größe einer Veranstaltung oder der Tatsache, ob sie drinnen oder draußen stattfinde. Nur in wenigen Ausnahmen, etwa in Arztpraxen oder öffentlichen Verkehrsmitteln, gelte danach noch die Maskenpflicht.

„Solange die Verbreitung des Virus nicht geringer ist, werden die gesamte Gesellschaft beziehungsweise die anderen Anwesenden in einem Raum durch das Maskentragen geschützt“, sagt Julia Raifman, Hilfsprofessorin für Gesundheitswesen an der Boston University, in der Umfrage und ergänzt, das gelte besonders für Kinder, Menschen mit Immunsuppressionen sowie für schwarze und Latino-Gemeinschaften, die stärker von Covid-19 betroffen seien.

CDC-Empfehlungen sind nicht bindend

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Die Empfehlung der CDC setzt keine staatlichen, regionalen oder lokalen Verordnungen zur Maskenpflicht außer Kraft. Es bleibt Staaten, Countys und Städten überlassen, ob sie die Lockerungen übernehmen. Allerdings müssen komplett Geimpfte immer noch eine Maske tragen, wenn sie fliegen oder andere öffentliche Verkehrsmittel benutzen, oder wenn sie in Gesundheitseinrichtungen sind. Die neuen CDC-Richtlinien ließen einige Fragen offen, so die „Times“. So gebe es keine eindeutigen Empfehlungen für Schulen.

Ebenso unklar sei, wie man die Geimpften, die nun ihre Privilegien einfordern, von den bisher nicht Geimpften unterscheiden könne. Bisher haben etwa 36 Prozent der US-Bürger den vollständigen Impfschutz – 64 Prozent nicht. Wer die Impfungen erhalten hat, erhält eine weiße Papierkarte – der Handel mit gefälschten Karten blüht bereits im Internet.

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