Schwedens “Sonderweg” in der Corona-Krise: Alles nur ein Missverständnis?

  • Deutschland warnt vor Urlaubsreisen nach Schweden – weil es in dem skandinavischen Land hohe Infektionszahlen mit dem Coronavirus gibt.
  • Die Strategie Schwedens gegen das Virus war von Anfang an nicht sehr viel anders als andernorts, verteidigt sich Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven.
  • Tatsächlich erscheint die Beschreibung eines selbstgewählten “schwedischen Sonderwegs” angesichts der Lage in den Altenheimen unpassend.
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Stockholm. Die Bundesregierung hat vor einer Woche die Reisewarnung für die allermeisten EU-Länder aufgehoben. Nur in drei Fällen wird noch vor nicht notwendigen, touristischen Reisen gewarnt – eines dieser Länder ist Schweden. Dort ist die Zahl der Neuinfektionen hoch, für die deutschen Behörden zu hoch. Der Grenzwert von mehr als 50 neuen Fällen je 100.000 Einwohner binnen einer Woche wird überschritten.

“Man kann nicht eine Woche herausgreifen und dann darüber urteilen, ob unsere Strategie gescheitert ist”, beschwert sich Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender SVT. Nein, Schweden stehe nicht am schlechtesten in ganz Europa da, wie es die Karte des deutschen Robert-Koch-Instituts zeige. Sie ist aber die offizielle Begründung für das Beibehalten der Reisewarnung. Und Schweden ist als einziges Land tiefrot eingefärbt.

Die Regierung in Stockholm glaubt sich missverstanden

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Deutschland ist mit seinem kritischen Blick auf Schwedens Corona-Situation nicht allein. Auch Schwedens Nachbarländer Dänemark, Norwegen und Finnland ermahnen ihre Landsleute, nicht nach Schweden zu fahren, verhängen Quarantäne-Auflagen für Rückkehrer, und sie halten ihre Grenzen noch weitgehend für schwedische Staatsbürger geschlossen. Schweden sieht sich isoliert – und missverstanden. Von seinen Nachbarn, von Europa, von der Welt. Verstehen wir den Kurs der Regierung in Stockholm einfach nur nicht?

Im Grunde war “Schwedens Sonderweg” in der Corona-Krise nicht viel anders als die Strategie der anderen Länder. Das jedenfalls sagt Ministerpräsident Löfven. Man habe durch Abstands- und Hygieneregeln die Ausbreitung des Virus verlangsamt. Gleichzeitig habe man die Zahl der Intensivbetten erhöht und einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindert.

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Todesrate ist in Schweden sehr hoch

Dennoch, hält die Moderatorin im Interview dagegen, liege die Zahl der Todesfälle in Schweden viermal höher als in allen Nachbarländern zusammen. Bezogen auf die Einwohnerzahl sei die Todesrate in Schweden sogar zehnmal so hoch. Löfvens Antwort: Alle Staaten seien unterschiedlich stark betroffen – als Beispiele nennt er die Nachbarländer Portugal und Spanien, Deutschland und Belgien.

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Woran solche Unterschiede liegen könnten? Die Frage abschließend zu beurteilen, sagt der sozialdemokratische Regierungschef, sei noch viel zu früh. Ein Ansatz: Als das Virus im Frühjahr zu einer dramatischen Lage in Italien führte, habe man vor allem Skiurlaub-Rückkehrer aus der Alpen-Region getestet. Viele Schweden seien aus anderen stark betroffenen Gebieten zurückgekommen, etwa den USA oder England. So hätten sie unbemerkt für eine starke Verbreitung in Schweden gesorgt, sagt Löfven.

Schweden, Stockholm: Eine Gruppe junger Menschen picknickt während der jährlichen Mittsommerfeierlichkeiten. © Quelle: Andres Kudacki/AP/dpa

Die Lage in den Altenheimen Schwedens ist desolat

Und dann geht es in dem Fernseh-Interview um einen anderen Faktor der schwedischen Corona-Krise, und höchstwahrscheinlich ist das der entscheidende: die desolate Lage in den Altenheimen. Von den 5122 registrierten Covid-Todesfällen (Stand 22. Juni) entfällt der Löwenanteil auf Heimbewohner. 1124 Verstorbene waren zwischen 70 und 79 Jahren alt, 2115 Menschen zwischen 80 und 89, und 1309 Menschen waren älter als 90 Jahre.

Löfven spricht davon, dass nach Zahlen aus den Regionen und Kommunen in vier von zehn Fällen die Hygiene-Vorschriften in den Heimen nicht eingehalten worden seien. Fehlende Handdesinfektion, fehlende Schutzausrüstung, allen voran fehlende Schutzmasken. Um der bedrohlichen Lage Herr zu werden, hat die Regierung in Stockholm bereits am 30. März ein nationales Besuchsverbot in Heimen eingeführt, und inzwischen wurde es bis zum 31. August 2020 verlängert.

Auch Schweden setzt in der Pandemie auf Verbote

So locker, wie es in deutschen Medien und weltweit immer wieder zu lesen und zu hören ist, geht man in Schweden nicht um mit der Corona-Krise. Zwar wurden zu keinem Zeitpunkt alle Kitas und Schulen geschlossen. Aber zumindest die weiterführenden Schulen für bestimmte Altersstufen und die Unis. Zwar wurden zu keinem Zeitpunkt die Restaurants geschlossen. Aber doch wurde der Barbetrieb untersagt. Kinos, Theater, Freizeitparks? Seit Monaten dicht.

In vielen Dingen war in Schweden auch nur die Bezeichnung milder, die eigentliche Wirkung aber sehr ähnlich wie hierzulande: Deutlich wird das etwa beim Wort “avrådan”, was man wörtlich mit einem schlichten “Abraten” von Reisen in alle Länder dieser Erde übersetzen kann. Das deutsche Wort “Reisewarnung” klingt ungemein schärfer.

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10.900 Touristen sind im Rahmen eines Pilotprojekts auf die Balearen geflogen, um Urlaub unter Corona-Regeln zu testen. Darunter auch Maike Geißler.  © Maike Geißler/RND

Probleme des Sozialstaates Schweden treten zutage

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Mit Blick auf die Lage in den Altenheimen zeigte sich Staatsepidemiologe Anders Tegnell früh selbstkritisch. Man hätte die Bewohner früher und schneller besser schützen müssen, sagt er. In ausländischen Medien wurde seine Aussage oftmals stark generalisiert. Tegnells Fokus lag aber bewusst auf der Situation in den Altenheimen. Sie sind der wunde Punkt in der schwedischen Corona-Strategie.

Damit erscheint Schwedens Lage weitaus weniger Folge eines selbstgewählten, lockeren Sonderwegs ohne Lockdown und Ausgangssperren zu sein – sondern die Konsequenz von tieferliegenden Problemen im Sozialstaat und auf dem liberalisierten Arbeitsmarkt.

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

In Schweden liest man, dass Arbeitgeber am Anfang der Krise keine Schutzausrüstung für ihre Mitarbeiter bereitgestellt haben – auch weil schlichtweg keine vorhanden war. Es gibt Berichte, dass Pflegekräfte mit leichten Krankheitssymptomen zur Arbeit kamen. Im Falle einer Krankschreibung hätten viele deutliche Gehaltseinbußen verkraften müssen, weil sie bloß stundenweise als Honorarkräfte bezahlt werden. Und in Schweden gibt es in der Regel auch schon für festangestellte Mitarbeiter ab dem ersten Krankheitstag nicht mehr den vollen Lohn. Und während Deutschland vom Instrument der Kurzarbeit profitiert, hat es in Schweden viele Kündigungen bei Unternehmen gegeben, die wegen Corona in schweres Fahrwasser gekommen sind.

Immer weniger Menschen liegen auf der Intensivstation

Diese Punkte wollen nicht so recht passen in unser Klischeebild vom durch und durch sozialdemokratisch geprägten Schweden und seinem starken Sozialstaat. Daher blenden wir hierzulande einige Aspekte offenbar lieber aus – und entsprechend schief wird dann unser Blick auf die Lage in dem skandinavischen Land, finden die Verantwortlichen in Stockholm: Staatsepidemiologe Anders Tegnell zeigt sich verwundert, dass über die schwedischen Zahlen im Ausland mitunter berichtet wurde, als gebe es einen neuen Peak.

Die Kurve flache immer weiter ab, unterstreicht er. Wie Löfven weist er darauf hin, dass es sehr viele milde Krankheitsverläufe gebe. Dass weniger Menschen auf Intensivstationen behandelt werden. Dass weniger Menschen sterben. An manchen Tagen würden gar keine neuen Todesfälle mehr registriert.

Nötig sei ein Bild mit Graustufen. Ja, Schweden habe verglichen mit Deutschland auf die Bevölkerungszahl gerechnet derzeit fünfmal so viele Todesfälle. In Großbritannien, Spanien, Italien und Belgien liege dieser Wert jedoch noch höher. Das geht auch aus Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hervor.

Dazu kommt, dass sich das Infektionsgeschehen in Schweden regional stark uterscheidet - so wie es zwischen Bayern und Mecklenburg-Vorpommern bisher auch viele Unterschiede im Pandemie-Verlauf gibt. Dass Urlauber, die in ein falu-rotes Haus am See oder auf eine einsame Schären-Insel fahren, recht wenig Menschen treffen und ohne weitere Anstrengung dem Konzept des Social Distancing folgen können, liegt nahe. Wie gerecht ist also die tiefrote Farbe für die Silhouette Schwedens auf der Karte des Robert-Koch-Instituts?

Schwedens Gesundheitssystem ist gut gewappnet

In dieser Hinsicht müssen wir uns vor einem weiteren Missverständnis hüten. Das ist es letztlich, was Löfvens Argumentation nahelegt. Man dürfe nicht eine Zahl heraus nehmen, und anhand dieser alles festmachen. Dafür sei die Krise zu komplex und die Zahlen zu politisch.

Die Neuinfizierten-Zahlen in Schweden sind hoch. Die offiziellen Zahlen in anderen Ländern sind niedrig. Die offiziell angegebenen Todesfälle dort sind gering. Wenn man will, kann man diese Skepsis gegenüber den Zahlen anderer EU-Länder auch aus den Reisehinweisen der Auswärtigen Amtes herauslesen. Für unser Nachbarland Polen etwa heißt es wörtlich: “Polen ist nach den veröffentlichten Zahlen von Covid-19 weniger stark betroffen.” Und unter dem Punkt “Medizinische Versorgung” steht: “Das Versorgungsniveau in Polen ist zufriedenstellend, Verständigungsschwierigkeiten sind nicht auszuschließen.”

Das Versorgungsniveau in Schweden ist nach Beurteilung des Auswärtigen Amtes gut bis sehr gut. Das Gesundheitssystem Schwedens kommt mit der Corona-Krise insgesamt zurecht. Es sei bislang zu keinem Zeitpunkt überlastet gewesen, unterstreichen Tegnell und Löfven. Wenn das der Indikator ist für den “Erfolg” einer bestimmten Strategie, oder zumindest dafür, wie schwerwiegend die Krise verläuft, dann dürfte Schweden auf einem guten Weg sein.

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