“Unverantwortlich”: Deutscher Experte zu Russlands Impfzulassung

  • In Russland gibt es ab sofort einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus.
  • Russland ist damit das erste Land auf der Welt, das Impfungen zulässt – ging das möglicherweise zu schnell?
  • Im Interview kritisiert Wissenschaftler Peter Kremsner Russlands Vorgehen und erklärt, wann er sich impfen lassen würde.
Alice Mecke
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Hannover. Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus bekannt gegeben. Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Erst wenige Menschen haben ihn im Rahmen einer Studie erhalten. Eine Zulassung vor dem Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien widerspricht dem international üblichen Vorgehen. Das bestätigt auch Peter Kremsner, Direktor des Universitätsklinikums Tübingen und Leiter einer der ersten klinischen Studien zum Covid-19-Impfstoff der Tübinger Firma Curevac.

Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklärt Kremsner, warum er den russischen Weg skeptisch sieht und wie eine übliche Zulassung aussehen sollte.

Herr Kremsner, als erstes Land weltweit hat Russland nun einen Impfstoff zugelassen. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?

Ich habe von der russischen Zulassung lediglich aus den Medien erfahren und keinerlei Daten gesehen. Insofern kann ich nicht allzu viel zu der Thematik sagen, ich kann mich nur wundern, wie schnell die Zulassung nun zustande kam.

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Als erstes Land der Welt lässt Russland einen Impfstoff gegen das Coronavirus für die breite Verwendung zu.  © Reuters

Kritiker werfen Russland vor, den Impfstoff an nur sehr wenigen Menschen getestet zu haben. Welche Gefahren stellt das dar?

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Wenn es wirklich so ist, dass nur an sehr wenigen Probanden getestet wurde und die Datenlage so dünn ist, dann ist es unverantwortlich, einen Impfstoff zuzulassen. Oder vielleicht gab es sogar gar keine Daten – ich habe, wie gesagt, keine gesehen. Ich hoffe nur, dass die Zulassungsstellen in Russland mehr Daten gesichtet haben. Aber wenn es wirklich nur sehr wenige Tests waren, dann ist das schlecht.

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Wie wird sonst bei Zulassungen vorgegangen?

Üblicherweise hat man bei einer Zulassung mindestens 5000, besser 10.000 Probanden auf Sicherheit und Verträglichkeit getestet – und hoffentlich auch auf die Wirksamkeit eines neuen Impfstoffes. Das ist das übliche, international geregelte Vorgehen. In der EU wird auf diese Weise getestet, deshalb hoffe ich persönlich auch auf einen Impfstoff, der in der EU zugelassen wird. Dann kann man schon davon ausgehen, dass der Impfstoff ordentlich geprüft wurde, trotz aller Schnelligkeit.

Thema Schnelligkeit: Die Thematik rund um Impfstoffe wirkt wie ein globales Wettrennen. Doch bringt uns das weiter?

Ja, das ist in der Tat ein Wettrennen. Jeder will immer der Erste sein – Länder, Firmen oder Forschergruppen. Fakt ist, dass dieses Virus eine Krankheit verursacht, die erstmals Ende Dezember in China ausgebrochen ist und von chinesischen Kollegen beschrieben worden ist, so wie das Virus selbst auch. Dann gab es ein, zwei Tage später das erste diagnostische Werkzeug aus Malaysia. Danach wurde noch unheimlich viel beschrieben und diskutiert.

Soll heißen: Man weiß unheimlich viel auf der einen Seite, aber das, was die Menschen wirklich interessiert, Prophylaxe und ein Medikament beziehungsweise einen Impfstoff, hat man noch nicht. Insofern sind wir schon weit, haben viel gelernt, das Virus beschrieben und es geht alles rasend schnell. Doch die zwei Themen, die den Menschen am wichtigsten sind, fehlen noch immer. Deshalb will jeder der Erste sein und ganz vorne mitmischen.

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Also ein gefährlicher Wettkampf, unter dem im schlimmsten Fall die Geimpften leiden?

Genau. Und so sollte es nicht sein, das wäre fatal. Deswegen müssen wir, so wie es auch in Europa gemacht wird, in den laufenden Impfstudien die ersten Hundert Probanden sehr, sehr ordentlich untersuchen. Wir behalten beispielsweise jeden Probanden nach der Impfung die ersten vier Stunden hier und sind “nah” bei ihm, machen viele Folgeuntersuchungen und Blutabnahmen, um zu sehen, wie sicher und verträglich der verabreichte Stoff wirklich ist. Denn so sollte man nach den internationalen Regeln vorgehen. Ob die Testreihen nun in Russland oder China auch so abliefen, kann ich nicht beurteilen, denn ich weiß es nicht. Ich weiß lediglich, dass es jetzt in China, Russland, aber auch den USA sehr schnell geht. In den USA wurden beispielsweise Zulassungen erst ausgesprochen, dann wieder zurückgenommen, auch dort war die Datenlage sehr mickrig.

Wenn Sie also in Russland leben würden und eine Impfung erhalten könnten, würden Sie diese wahrscheinlich eher ablehnen?

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Aus dem bisherigen Kenntnisstand würde ich mich nicht impfen lassen, nein. Aber mein Kenntnisstand über den russischen Impfstoff ist, wie gesagt, auch gering. Auf der anderen Seite können wir alle die Situation derzeit nicht gut beurteilen, man muss vorsichtig mit Mutmaßungen sein. Wenn die Annahmen stimmen sollten, die ich gelesen habe, dann wäre das schlecht. Doch vielleicht verfügen die russischen Forscher über mehr Daten.

Auch beim Medikament Remdesivir in den USA war das so: Die Resultate sind zwar mager, aber es wurden nach und nach weitere Informationen veröffentlicht – die Zulassung ging im Vorfeld trotzdem zu schnell. Möglich ist es in Russland auch, wir wissen es nicht. So oder so, ich persönlich würde mich nur mit einem Impfstoff – sei es gegen Malaria oder Covid-19 – impfen lassen, der in der EU zugelassen worden ist. Nicht mit einem Stoff, der nur in China, Russland oder den USA zugelassen wurde.

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