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  • Unfruchtbarkeit bei Männern: Viele wissen gar nichts von ihrer Zeugungsunfähigkeit

Zeugungsunfähigkeit: "Männer reden mit niemandem darüber”

  • Benedikt Schwan thematisiert in seinem Buch “Ohnekind” das Problem der Zeugungsunfähigkeit bei Männern.
  • Er wünscht sich mehr Interesse seitens der Politik und der Wissenschaft.
  • Viele Männer wissen gar nicht, dass sie keine Kinder zeugen können.
Vanessa Gregor
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Benedikt Schwan ist 41 Jahre alt, als er erfährt, dass er keine Kinder zeugen kann. Vier Jahre ist das mittlerweile her, eine endgültige Diagnose bekam Schwan bis heute nicht. Der Berliner Wissenschaftsjournalist findet sich damit allerdings nicht einfach ab. In seinem Buch “Ohnekind” geht er dem Thema Zeugungsunfähigkeit bei Männern auf die Spur. Er will aufklären. Im RND-Gespräch erklärt Schwan, was das Thema so dringlich macht.

Herr Schwan, seit vier Jahren wissen Sie, das Sie keine Kinder zeugen können. Fünf Jahre lang haben Sie und Ihre Frau davor versucht, schwanger zu werden. Wie geht es Ihnen mit dem Wissen?

Ich erinnere mich noch genau an den Tag dieser Erkenntnis. Das hat sich eingebrannt. Nach der Untersuchung stand ich zunächst unter Schock, weil ich in keinster Weise damit gerechnet hatte, dass tatsächlich irgendetwas sein könnte. Ich habe Azoospermie. Das heißt, es finden sich keine Samenzellen im Ejakulat. Warum das so ist, weiß ich immer noch nicht. Zwar gibt es theoretisch medizinische Möglichkeiten, bei denen man schauen kann, ob vielleicht doch noch Spermien im Hoden sind – das ist wie bei einer Biopsie. Doch erstens ist das nicht garantiert und zweitens ist eine dann notwendige künstliche Befruchtung meiner Frau aufgrund ihres Alters nicht zuzumuten. Sie ist übrigens völlig gesund. Das ist natürlich schön, aber mein Ergebnis für uns als Paar auch eine Katastrophe. Wir sind seit vierzehn Jahren verheiratet und können kein Kind zusammen bekommen.

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Damit an die Öffentlichkeit zu gehen, ist durchaus ein großer Schritt, den nur wenige Männer wagen. Warum kam es zur Entscheidung, darüber sogar ein Buch zu schreiben?

Ich hab mich gefragt, was machst du denn jetzt eigentlich? Ich bin als Journalist daran interessiert, Sachen herauszukriegen, ich will Dinge verstehen. Und natürlich wollte ich meinen Zustand auch selber kapieren: Warum bin ich davon betroffen, was ist der Hintergrund? Dabei ging ich erst mal sehr rational vor. Zum Beispiel habe ich mit Hagai Levine (israelischer Wissenschaftler, Anm. d. Red.) gesprochen. Der Professor hat eine vielbeachtete Metastudie zur Spermienreduktion bei Männern gemacht. Im Zuge der Vorgeschichte hörte ich auch von vielen anderen betroffenen Männern, die mit einer solchen Diagnose allein gelassen werden und es kam der Punkt, als ich dachte: Ich mache das jetzt. Ich weiß nicht, ob es Mut ist. Mittlerweile merke ich, es hilft den Leuten, dass da endlich jemand aus der Deckung kommt.

Während der Recherche wurde Ihnen auch klar, dass mehr Männer zeugungsunfähig sind, als gedacht. Sie sprechen von einer “Unfruchtbarkeitsepidemie”. Was bedeutet das?

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Es handelt sich hier tatsächlich um eine Volkskrankheit. Vermutlich sind Hunderttausende Männer von Sterilität betroffen. Viele wissen das aber gar nicht, weil Männer sich erst testen lassen, sobald es nicht funktioniert. Wir haben ja nicht wirklich das Äquivalent eines Gynäkologen. Es gibt keinen “Männerarzt”. Das heißt, es wird oft erst spät diagnostiziert, in einem Alter, wo dann auch medizinisch nichts mehr zu machen ist.

Dabei wäre bei bestimmten Krankheiten, die zur Sterilität führen, manchmal noch zu helfen, wenn man sie früh erkennt. Das ist zum Beispiel beim sogenannten Klinefelter-Syndrom so. Da laufen Tausende Männer mit herum, ohne dass sie eine Ahnung davon haben. Bei mir wird vermutet, es ist genetisch bedingt. Ich bin physiologisch sonst völlig gesund. Das Problem ist aber auch, dass diese Volkskrankheit immer schlimmer wird. In den vergangenen fünfzig Jahren ist die durchschnittliche Spermienkonzentration bei Männern in der westlichen Welt um ungefähr die Hälfte zurück gegangen.

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Benedikt Schwan, Journalist aus Berlin, über sein Buch "Ohnekind". © Quelle: Julien Then

Sie sprechen von Sterilität. Was ist darunter zu verstehen?

Sterilität gibt es beim Mann und der Frau – man kann sich nicht vermehren. Zeugungsunfähigkeit ist dafür auch ein Begriff beim Mann. Damit hatte ich anfangs echt Probleme, weil das so ein hartes Wort ist: Jemand ist zu etwas unfähig. Sterilität ist eine Abmilderung davon, klingt klinischer. Mittlerweile kann ich aber mit beiden Begriffen leben.

Darüber zu sprechen ist aber auch noch oft ein Tabuthema, oder?

Es ist extrem schwer, Männer zu finden, die darüber reden wollen. Hier ist zum Beispiel auch vielfach die Problematik, dass Unfruchtbarkeit mit Impotenz gleichgesetzt wird. Ich bin aber ja ein ganz normaler Mann, ich kann Sex haben wie jeder andere. Das einzige, was halt nicht passiert ist, dass die Frau danach schwanger wird, selbst wenn sie ihre fruchtbaren Tage hat. Das ist alles so tabubeladen, weil es einfach die ur-innigste Aufgabe des Mannes ist, Kinder zu zeugen.

Dazu kommt, wir forschen leider unglaublich wenig darüber. Das wurde mir bei der Recherche auch deutlich. Wir wissen nicht, woran es liegt, dass die Spermienkonzentration seit den 1970ern um die Hälfte zurückgegangen ist. Dahingehend gibt es nur Vermutungen: chemische Stoffe in der Umwelt, Mikroplastik, Weichmacher. Aber im Prinzip haben wir überhaupt keine Ahnung. Und das Schlimme ist, dass ab irgendeinem Punkt, wann auch immer der sein wird, die Mehrzahl der Männer das erleben wird, was ich erlebe.

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Es geht also in Ihrem Buch nicht nur um Ihr persönlich Erlebtes?

Es verbindet Ratgeber und Reportage. Ich habe mir auch angeschaut, was Vater sein heutzutage bedeutet, weil ich mich selbst gefragt habe, warum hast Du mit dem Thema erst mit 35 angefangen. Ich war zum Beispiel in Japan. Dort stirbt die Bevölkerung und somit auch die Kultur langsam aus. Die Leute haben zu wenig Sex. In Kanada habe ich mit einem fundamentalistischen Mormonen geredet, der die meisten Kinder Nordamerikas hat. Es sind mittlerweile 150. Dort habe ich gesehen, was es heißt, Vater einer Großfamilie zu sein. Ich selber hatte, als ich jünger war, eine viel zu verkopfte Sichtweise darauf. Kinder sollten einfach dazugehören. Und der hat sie eben einfach.

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Zudem denke ich, das Buch kann auch Frauen helfen, Männer in dieser Hinsicht ein bisschen besser zu verstehen. Es gibt Tipps, wie man zusammen an das Thema herangehen kann: Welche Therapiemöglichkeiten es gibt, wo gerade die Gründe liegen könnten, dass es mit dem Kind nicht klappt. Und wir müssen uns klar machen, dass wir da ein massives Problem haben, das die Politik derzeit komplett ignoriert: Es ist doch die innerste Aufgabe eines Staates, das dieser weiter existiert.

In dieser Hinsicht könnte das Buch die Aufmerksamkeit auf die Thematik lenken. Wie ergeht es Ihnen denn gerade selber, wo Ihre Geschichte tatsächlich für jeden lesbar ist?

Ich spreche vor allem deswegen darüber sehr offen, weil ich in einer sehr stabilen und tollen Beziehung lebe – sie wurde dadurch auch nie hinterfragt. Das macht mich vielleicht auch teilweise besonders und gibt mir die Möglichkeit, für andere Männer zu sprechen, die sich das einfach nicht trauen.

Ich habe einen Kollegen, der hat mir sogar seine kompletten Spermiogramme vorgelegt und gefragt, was ich davon halte. Fünf Stück hat er schon gemacht. Daran wird doch erkennbar: Männer haben mit ihrer Zeugungsunfähigkeit ein unfassbares Leiden, reden jedoch mit niemandem darüber. Besonders nicht mit anderen Männern. Es ist wichtig, das wir einfach offener anfangen, darüber zu sprechen und merken: Ich bin nicht der einzige oder nur einer von wenigen. Und wir müssen endlich etwas tun. Die Gesundheitspolitik ist hier völlig planlos.

“Ohnekind: Männlich, Kinderwunsch, steril. Was es heißt, zeugungsunfähig zu sein” erschien am 24. August 2020 im Heyne Verlag.

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