Und wann bin ich dran?

  • Corona hat uns in einen neuen Alltag gestoßen. Wie arrangieren wir uns damit?
  • Das Autorenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und leistet Hilfestellung für die Krisenzeit.
  • In dieser Woche: In Deutschland greift der Impfneid um sich.
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Liebe Leserinnen und Leser,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin schon ein bisschen neidisch, wenn ich Bilder aus Israel sehe, auf denen die Menschen auf offener Straße zusammenstehen, in Restaurants und Cafés sitzen oder in den Diskotheken gemeinsam tanzen und feiern, als hätte es Corona nie gegeben. Die Szenen erscheinen nahezu surreal, wo sich doch im eigenen Land gerade tagtäglich Tausende Menschen mit dem Virus infizieren und zum Teil auf den Intensivstationen behandelt werden müssen oder sogar sterben. Da ist es vollkommen normal, dass man die Menschen aus Israel um ihre neuen Freiheiten und ihre Unbeschwertheit beneidet.

Allerdings macht sich in Deutschland gerade eine andere Form des Neides bemerkbar: der Impfneid. Plötzlich kennt jeder irgendjemanden, der schon geimpft ist, obwohl er auf den ersten Blick nicht zu einer der aktuellen Priorisierungsgruppen zu zählen scheint. Das kann die Nachbarin sein, die eigentlich 20 Jahre jünger ist als man selbst, oder der Arbeitskollege eines Cousins zweiten Grades, der eigentlich im Büro arbeitet und kaum Kundenkontakt hat, sich aber trotzdem eine Impfdosis vermeintlich „erschlichen“ hat. „Warum sind die schon geimpft – und ich nicht?“, heißt es dann oftmals. Und: „Warum sollten die jetzt wieder Freiheiten zurückbekommen und ich nicht?“

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Die Frage „Bist du schon geimpft?“ ist zur Gretchenfrage geworden. Dabei ist es geradezu absurd, dass sich Menschen dafür schämen, dass sie schon geimpft sind. Sie sollten sich doch darüber freuen. Und auch alle anderen sollten das tun. Schließlich trägt jede Impfung dazu bei, dass wir die Pandemie vielleicht bald hinter uns lassen können. Selbstsucht ist in diesen Zeiten absolut unangebracht, Missgunst gegenüber Geimpften unbegründet. Denn jeder, der will, wird früher oder später eine Impfung erhalten. Vielleicht sogar schneller als gedacht. Bund und Länder wollen jedenfalls schon im Juni die Impfpriorisierung aufheben. Weitere Details zu diesen Plänen finden Sie in diesem Newsletter.

Bleiben Sie zuversichtlich!

Laura Beigel

Erkenntnis der Woche

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Am Montag haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder erneut per Videokonferenz zusammengeschaltet. Dieses Mal ging es aber nicht um weitere Lockdownmaßnahmen, sondern um die Impfkampagne. Besonders eine Frage stand im Raum: Wann erhalten Geimpfte mehr Freiheiten zurück?

Ausgelöst hatte die Debatte um Privilegien für Geimpfte eine Analyse des Robert Koch-Instituts. Darin hieß es: „Aus Public-Health-Sicht erscheint das Risiko einer Virusübertragung durch Impfung in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung keine wesentliche Rolle mehr spielen.“ Schon die Zulassungs- und Beobachtungsstudien der in Europa zugelassenen Corona-Impfstoffe hatten darauf hingedeutet, dass Geimpfte nur noch einen minimalen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Einen hundertprozentigen Schutz für andere und für sich selbst bietet eine Impfung jedoch nicht.

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Trotzdem wollen Bund und Länder erste Lockerungen für vollständig Geimpfte beschließen. Einen Fahrplan legten sie nach ihren Beratungen am Montag aber nicht vor. Mit diesem dürfte erst in den kommenden Wochen zu rechnen sein. Andere Länder sind dagegen schon weiter: In Israel erhalten Geimpfte mit einem sogenannten Green Pass beispielsweise wieder Zugang zu kulturellen Veranstaltungen, Schwimmbädern oder Sportklubs. Auch in Rumänien genießen sie Vorteile. Dort müssen geimpfte Einreisende zwar noch einen negativen Corona-Test vorweisen, aber nicht mehr in Quarantäne.

Geimpfte Zuschauer verfolgen eine Veranstaltung im israelischen Nationaltheater Habimah. © Quelle: Ariel Schalit/AP/dpa

Konkreter wurden die Impfgipfelbeschlüsse in Bezug auf die Impfpriorisierung. Diese soll spätestens im Juni aufgehoben werden. „Das heißt nicht, dass dann jeder sofort geimpft werden kann. Aber dann kann sich jeder um einen Impftermin bemühen, und die werden dann nach Maßgabe der Versorgung auch gegeben“, verkündete Bundeskanzlerin Merkel. Im nächsten Schritt sollen jetzt auch Menschen aus der dritten Priorisierungsgruppe eine Impfung erhalten. Dies soll im Mai möglich sein.

Pandemie in Zahlen

Alltagswissen

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Das Infektionsgeschehen in Deutschland bleibt weiterhin diffus. Nicht immer ist klar, wo sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren. Ein Ansteckungsort ist laut Robert Koch-Institut zurzeit der Arbeitsplatz. Bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege und in Laboratorien ist Covid-19 mittlerweile als Berufskrankheit anerkannt. Und auch alle anderen Beschäftigten können Infektionen während der Arbeit als Arbeitsunfall geltend machen.

Diese Möglichkeit scheinen Arbeitgeber und Arbeitnehmer jedoch nur selten zu nutzen. Denn bislang sind vergleichsweise wenige Infektionen bei der gesetzlichen Unfallversicherung und den Berufsgenossenschaften angezeigt worden. Vielleicht weil der Meldeweg nicht immer ganz einfach ist. Schließlich müssen Beschäftigte eindeutig nachweisen können, dass sie sich tatsächlich am Arbeitsplatz infiziert haben, um eine Corona-Infektion als Arbeitsunfall anerkennen zu lassen.

Mein Kollege Christoph Höland hat darüber mit Till Bender, Rechtsschutzsekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund, gesprochen. Der Experte rät, schon beim Arzt möglichst detaillierte Angaben zu dem Moment zu machen, als man sich vermutlich das Virus eingefangen hat. Kompliziert wird es vor allem, wenn sich Beschäftigte auf dem Arbeitsweg infizieren oder häufig Kontakt zu Kunden haben. Bei Problemen empfiehlt Bender, sowohl den Arbeitgeber als auch den Betriebsrat hinzuzuziehen. Auch Arbeitsrechtler und Gewerkschaften können helfen.

Zitat der Woche

Endzeitszenarien, wonach die Corona-Pandemie nie aufhören werde, sind Unsinn.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité

Forschungsfortschritt

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Dass die in Europa zugelassenen Corona-Impfstoffe vor schweren bis tödlichen Covid-19-Krankheitsverläufen schützen, konnten Forscher inzwischen in mehreren Studien belegen. Umstrittener ist hingegen die Frage, inwieweit die Vakzine davor schützen, dass Geimpfte das Virus übertragen. Eine aktuelle Analyse der Gesundheitsbehörde Public Health England legt nahe, dass schon die erste Dosis der Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Astrazeneca das Übertragungsrisiko innerhalb von Haushalten um bis zu 49 Prozent reduzieren kann. Die Auswertung der Behörde basiert auf 57.000 Kontakten aus 24.000 Haushalten in England, in denen eine geimpfte Person positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde. Zum Vergleich wurden eine Million Kontakte von ungeimpften Infizierten mit einbezogen. Die geimpften Haushaltsmitglieder steckten ihre Angehörigen demnach seltener an als die ungeimpften Corona-Infizierten.

Pandemie im Ausland

Geht es um die Bekämpfung des Coronavirus, haben sich Australien und Neuseeland während der Pandemie zu Vorzeigeländern entwickelt. Mithilfe von geschlossenen Außengrenzen, flächendeckender Kontaktverfolgung und Blitzlockdowns haben sie es geschafft, zahlreiche Infektionen und Todesfälle zu verhindern und wirtschaftliche Schäden gering zu halten. Anders verhält es sich jetzt bei den Corona-Impfkampagnen, berichtet unsere Korrespondentin Barbara Barkhausen. In beiden Ländern ist bisher nur ein Bruchteil der Bevölkerung geimpft.

Australien hatte beispielsweise auf den Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca gesetzt. Wegen vereinzelter Fälle von Blutgerinnseln dürfen jetzt nur noch Menschen über 50 Jahren das Vakzin erhalten. Ein herber Rückschlag für die Impfkampagne, die bereits als „Misserfolg“ betitelt wurde. Die Gesundheitsbehörden haben bereits mehr Dosen von Biontech und Pfizer bestellt. Bis diese in Australien eintreffen, dürfte jedoch weiter Zeit vergehen.

Neuseeland impft hingegen schon mit dem mRNA-Vakzin, aber bisher nur Hochrisikogruppen. „Die Eliminierung von Covid-19 in Neuseeland hätte für uns eine Gelegenheit sein müssen, uns schneller als der Rest der Welt zu erholen“, sagte Chris Bishop, ein neuseeländischer Oppositionspolitiker. Er befürchtet nun, dass das Land seinen Vorsprung verspielen könnte.

Was kommt

Die Situation auf den deutschen Intensivstationen bleibt weiterhin angespannt. Tagtäglich kämpfen dort Mediziner und Pfleger um das Leben zahlreicher Corona-Patienten. Nicht nur das Arbeitspensum ist in den vergangenen Monaten gestiegen, sondern auch der psychische Druck. 72,2 Prozent der nicht ärztlichen Mitarbeiter in den Intensivstationen, Notaufnahmen und im Rettungsdienst fühlen sich während der dritten Corona-Welle überlastet. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin.

Der psychische und körperliche Stress ist so hoch, dass einige nicht ärztliche Mitarbeiter ihre Arbeitsstelle in den kommenden zwölf Monaten sogar aufgeben wollen. Diese Angabe machten ein Drittel der Befragten. Steht den Krankenhäusern also eine Kündigungswelle bevor? Falls ja, dürfte dies den Pflegepersonal- und Ärztemangel noch einmal verschärfen und spürbare Konsequenzen für das Gesundheitssystem nach sich ziehen. Deshalb brauche es nach Einschätzung der Umfrageteilnehmer eine nachhaltige Krankenhausreform mit Stärkung der Intensiv- und Notfallmedizin sowie besseren Arbeitsbedingungen.

Was die Pandemie leichter macht

Schon ein Lagerfeuer zu machen und Stockbrot zu backen kann ein Mikroabenteuer sein. © Quelle: Mika Baumeister/Unsplash

Eisklettern in den Schweizer Alpen, Wildwasser-Rafting in Thailand, Bungee-Jumping in Österreich, Mountainbike fahren auf Island ... Auf all das müssen Abenteuerurlauber während der Corona-Pandemie verzichten. Abwechslungsreiche Erkundungstouren lassen sich jedoch schon vor der eigenen Haustür finden. Bei den sogenannten Mikroabenteuern geht es darum, die bekannte Umgebung auf neue Art und Weise zu entdecken und aus Alltagsroutinen auszubrechen. „Die Zeit jetzt ist eine Riesenchance, zu trainieren, das Beste aus dem zu machen, was da ist“, sagte Mikroabenteurer Christo Foerster. Auch für Familien können die kleinen Erlebnisreisen eine willkommene Ablenkung vom Corona-Alltag sein. Für alle, die noch Inspirationen suchen, haben wir zehn Ideen für Mikroabenteuer zusammengestellt.

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