Umfrage: Depression und Suizidgefahr bei Senioren wird unterschätzt

  • Wenn sich Senioren immer mehr zurückziehen, wird das oft auf ihr Alter geschoben.
  • Doch in vielen Fällen steckt dahinter eine schwere Depression, zeigt eine neue Studie.
  • Die Suizidraten sind im Alter am höchsten, die Behandlungsdefizite sind groß.
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Berlin. Depressionen bei älteren Menschen werden in Deutschland oft falsch oder gar nicht behandelt. Dies trage mit "zu den drastisch erhöhten Suizidraten im Alter" bei, heißt es im "Deutschland-Barometer Depression" der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Depressive Symptome bei Senioren wie Hoffnungs- und Freudlosigkeit, Schlafstörungen oder Erschöpfungsgefühle würden oft nicht als Ausdruck einer eigenständigen schweren Erkrankung gesehen, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Ulrich Hegerl. Vielmehr würden depressive Symptome "als nachvollziehbare Reaktion auf die Bitternisse des Alters oder als Folge körperlicher Erkrankungen fehlinterpretiert".

Zu wenig Aufmerksamkeit für Erkrankungen im Alter

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Im Rahmen der repräsentativen Online-Umfrage über Einstellungen zu und Erfahrungen mit Depression wurden 5350 Personen zwischen 18 und 79 Jahren befragt. Vier von fünf Befragten (83 Prozent) glaubten demnach, dass eine Depression am häufigsten im jungen und mittleren Erwachsenenalter auftritt.

Diese Annahme liege vor allem darin begründet, dass Stress und Belastung am Arbeitsplatz für die Deutschen zu den Hauptursachen von Depressionen zählten. Da diese berufsbezogenen Aspekte bei Senioren weniger bedeutsam seien, werde die Erkrankung im Alter als weniger relevant angesehen. Dabei steigen die Suizidraten gerade im steigenden Alter: Laut dem Statistischen Bundesamt waren beispielsweise im Jahr 2017 Männern, die sich selbst umgebracht haben, im Schnitt 57, 6 Jahre alt. Frauen waren laut Statistik 58, 6 Jahre alt.

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Nicht nur junge Menschen brauchen eine Therapie

Weiter weiß laut Umfrage nur knapp die Hälfte (45 Prozent), dass Depression auch eine Erkrankung des Gehirns ist. "Eine Depression hängt viel weniger von den aktuellen Lebensumständen ab, als viele glauben", betonte Hegerl. "Es ist eine eigenständige Erkrankung, die jeden treffen kann - auch Senioren."

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Besonders schockierend: Jeder sechste Deutsche spricht sich dafür aus, Ressourcen des Gesundheitssystems lieber für die Behandlung jüngerer Patienten mit Depression auszugeben. "Jeder sollte wissen: Eine Behandlung der depressiven Erkrankung ist bei älteren Patienten ebenso wichtig wie bei jüngeren Menschen", betont Hegerl. "Sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapie haben sich als wirksam erwiesen."

Nur zwölf Prozent der Betroffenen über 70 in Behandlung

86 Prozent der Deutschen gingen davon aus, dass es Älteren schwerer fällt, sich bei einer Depression Hilfe zu suchen. Dies gelte insbesondere für die Psychotherapie: 71 Prozent der Befragten glauben, dass Ältere seltener bereit sind, die Hilfe eines Psychotherapeuten anzunehmen. Tatsächlich seien 31 Prozent der an Depression erkrankten Befragten zwischen 30 und 69 Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Bei den Betroffenen über 70 sind es nur zwölf Prozent.

Allerdings wäre eine deutliche Mehrheit (64 Prozent) der befragten Menschen im Alter über 70 bereit, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, wie es weiter hieß. "Älteren Menschen wird viel zu selten eine Psychotherapie angeboten", sagte Hegerl. "Sie werden im Versorgungssystem eindeutig benachteiligt."

Suizid und Depression: Aufklärung für ältere Menschen fehlt

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Laut Umfrage meinten aber 22 Prozent, dass bei Älteren die Behandlung körperlicher Erkrankungen wichtiger sei. Jeder Sechste (17 Prozent) habe sich zudem dafür ausgesprochen, Ressourcen des Gesundheitssystems lieber für die Behandlung jüngerer Patienten mit Depression auszugeben.

Zwei Drittel der Befragten gaben im "Deutschland-Barometer Depression" an, dass sie sich über die Erkrankung im Alter nicht gut informiert fühlen. Deshalb sei eine Aufklärung über Depression und Suizidprävention für ältere Menschen besonders wichtig, sagte Hegerl. Laut Stiftung gaben in der Umfrage 21 Prozent an, dass bei ihnen bereits die Diagnose einer Depression gestellt wurde. Von den Älteren (70-79 Jahre) sagten dies nur neun Prozent.

RND/ epd/ sbu