UKE-Intensivmediziner: Beatmung hat vielen Corona-Patienten geholfen

  • Die Zahl von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen ist deutlich gesunken.
  • Doch nach wie vor müssen etliche Patienten beatmet werden.
  • Über eine Behandlung, mit der deutliche Erfolge erzielt werden, berichtet UKE-Mediziner Prof. Stefan Kluge.
Michèle Förster
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Seit dem Lockdown ist die Zahl der am Coronavirus erkrankten Menschen deutlich zurückgegangen. Aus Sicht der Medizin scheinen die Maßnahmen und Kontaktverbote zu wirken. Auch die Anzahl der Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen, die auf einer Intensivstation behandelt werden mussten, ist gesunken. Prof. Dr. Stefan Kluge, Leiter der Klinik für Intensivmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), berichtete am Freitag auf einer Pressekonferenz von den Fortschritten bei der Behandlung des Coronavirus.

Mehrheit der Corona-Intensivpatienten ist männlich

Laut DIVI-Intensivregister wurden zu Beginn der Pandemie bis zu 3000 Corona-Patienten gleichzeitig auf deutschen Intensivstationen betreut. Mittlerweile seien es nur noch um die 400 Patienten, so Prof. Kluge. Während das Durchschnittsalter von an Covid-19 erkrankten Personen in Deutschland laut Zahlen des RKI bei 50 Jahren liegt, sind die an Hamburger Kliniken behandelten Intensivpatienten mit durchschnittlich 69 Jahren deutlich älter.

Dabei zeigte sich häufig dasselbe Krankheitsbild: Die meisten Intensivpatienten litten an einer schweren beidseitigen Lungeninfektion. “Das Virus kann bei schwereren Verläufen eine Lungenentzündung, einhergehend mit Luftnot und dem Absinken der Sauerstoffsättigung, hervorrufen”, erklärt der Hamburger Mediziner in einer Mitteilung des UKE. In den Hamburger Kliniken seien 73 Prozent der Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt wurden, männlich. “Interessanterweise erkranken Frauen etwas häufiger am neuen Coronavirus, aber Männer erkranken schwerer”, erklärte Prof. Kluge. “Männer haben auch ein höheres Risiko, an dem Virus zu sterben.”

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Intensivpatienten überleben dank künstlicher Beatmung

Hinzu kommt, dass 61 Prozent der deutschen Corona-Intensivpatienten invasiv beatmet werden. Dabei komme häufig eine sogenannte ECMO – ein Lungenersatzverfahren, mit dem der Körper mit Sauerstoff versorgt wird – zum Einsatz. Obwohl die Methode international kontrovers diskutiert wurde, ergibt die Beatmung der Covid-19-Patienten mit akuten Lungenproblemen aus Sicht des UKE-Mediziners Sinn. “Wir wissen heute aus den großen Datenerhebungen in Deutschland, dass die Mehrheit der Intensivpatienten mit Covid-19 überlebt”, so Prof. Kluge. Bei den Hamburger Patienten lag die Sterblichkeitsrate lediglich bei 30 Prozent.

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Doch dieser Erfolg sei vor allem der guten Aufstellung der Intensivplätze in Deutschland zuzuschreiben. “Charakteristisch für die Covid-19-Lungeninfektion ist, dass die Patienten sehr lange auf der Intensivstation bleiben”, sagte Prof. Kluge. Im Schnitt seien es zwei Wochen. “Aber wir haben beatmete Patienten, die seit Monaten auf der Intensivstation liegen und eine lange Zeit brauchen, bis sie sich erholen.”

Ania Muntau, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, und Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin, beide am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), geben eine Pressekonferenz über ein Zwischenergebnis der Studie C19.Child sowie zu intensivmedizinischer und medikamentöser Covid-19-Therapie. © Quelle: Georg Wendt/dpa

In anderen europäischen Ländern ist die Sterblichkeit der Covid-19-Patienten hingegen wesentlich höher. Zusätzlich hat die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ein Konzept entwickelt, um Patienten mit einer Corona-Infektion standardisiert behandeln zu können. Das Leitbild sieht vor, mit Covid-19 infizierte Patienten nicht nur von den übrigen räumlich zu trennen, sondern auch von Personen, bei denen nur der Verdacht auf eine Infektion besteht.

UKE wartet auf Ergebnisse von Dexamethason-Studie

Auch die hiesigen Medikamentenstudien beschäftigen das UKE. Derzeit laufen mehr als 200 Studien zu möglichen Covid-19-Medikamenten. “Es gibt einige Kandidaten, die vielversprechend aussehen”, erläutert Prof. Kluge im Zuge der Pressekonferenz. “Ein Medikament ist sicherlich das Remdesivir, was aber immer noch keine Zulassung in Europa hat.” Das von amerikanischen Forschern beworbene Hydroxychloroquin hätte die Erwartungen der Mediziner jedoch nicht bestätigt.

Gute Ergebnisse hingegen könnte ein neuer Behandlungsansatz mit hochdosiertem Cortison (Dexamethason) erzielen, den die Oxford University verfolgt. Bisher liegt die Studie jedoch nicht vollständig vor. Ein Grund, der auch UKE-Mediziner Prof. Kluge auf Vorsicht setzen lässt: “Eine Pressemitteilung allein rechtfertigt nicht das Umschwenken unserer Therapiestandards.” Die Publikation der Oxford-Studie sei jedoch in den nächsten Wochen zu erwarten.

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