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Triage: Wenn Ärzte Entscheidungen über Leben und Tod treffen

Immer mehr Corona-Patientinnen und -Patienten müssen intensivmedizinisch behandelt werden.

In der aktuellen Corona-Pandemie sinkt die Zahl der intensivpflichtigen Corona-Patientinnen und -Patienten in Deutschland zwar seit Mitte Dezember wieder. Doch noch immer behandeln die Intensivstationen des Landes laut dem Divi-Intensivregister mehr als 4200 Covid-19-Patientinnen und Patienten.

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Mit der Verbreitung der Omikron-Variante wächst die Sorge wieder, dass Ressourcen in den Krankenhäusern knapp werden könnten – etwa Beatmungsgeräte. Diese müssten dann auf die Patientinnen und Patienten verteilt werden. Solch ein Verteilungssystem nach festgelegten Kriterien nennt man Triage. Das Wort stammt vom französischen Verb „trier”, was sortieren oder aussuchen bedeutet.

Triage-System wird primär in Notaufnahmen angewendet

Das System kommt aus der Militärmedizin. Ende des 18. Jahrhunderts fanden sich im „Königlich-Preußischen Feldlazareth-Reglement” erste Angaben, wie Verwundete nach Schweregraden eingeteilt werden sollten. Unter Napoleon I. entwickelte der Militärchirurg Dominique Jean Larrey „fliegende Lazarette”: Die Verwundeten wurden auf dem Schlachtfeld nach der Schwere ihrer Verletzungen sortiert und, wenn nötig, vor Ort behandelt. Der Begriff Triage wurde damals noch nicht verwendet, er setzte sich erst später durch.

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In Deutschland werden Triage-Instrumente in Notaufnahmen angewendet. Beim Manchester-Triage-System etwa wird der Patient oder die Patientin nach den Kategorien Lebensgefahr, Bewusstsein, Blutverlust, Schmerzen, Temperatur und Krankheitsdauer einer von fünf Dringlichkeitsstufen zugewiesen. Allerdings geht man im Krankenhausalltag gewöhnlich davon aus, dass alle Patientinnen und Patienten bestmöglich behandelt werden können.

Verlegungen in andere Kliniken

In der aktuellen Corona-Lage ist es jedoch keine leichte Aufgabe, alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen zu versorgen. Dass immer mehr Covid-Patientinnen und -Patienten die Intensivstationen füllen, führt dazu, dass die Bettenkapazitäten schrumpfen und für andere Schwerstkranke unter Umständen fehlen. Ende November waren die Kapazitäten in manchen Regionen Deutschlands bereits so erschöpft, dass Patientinnen und Patienten in andere Bundesländer verlegt werden mussten. Doch auch dort sind die Kapazitäten natürlich nicht unendlich.

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Hinzu kommt, dass in den meisten Kliniken ein Pflegekräftemangel herrscht. Das bedeutet: Freie Betten, in denen Erkrankte Platz finden würden, können zum Teil nicht betrieben werden, weil es nicht genügend Personal zur Betreuung gibt.

So berichtete etwa der Chef des Charité-Klinikpersonalrats, Jörg Pawlowski, Anfang November in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“, dass viele Pflegekräfte wegen des Dauerstresses, den die Pandemie verursacht hat, krank geworden seien oder den Job gewechselt hätten.

Die Folge: Planbare Operationen müssten verschoben werden, um die steigende Zahl der Covid-Patientinnen und -Patienten bewältigen zu können. „Wenn wir von Triage sprechen, ist das ein schleichender Prozess, der nach und nach immer härter Realität wird“, sagte Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Anfang Dezember gegenüber dem Deutschlandfunk.

Latente oder weiche Triage

Manche Mediziner sprechen bei der derzeitigen Lage in manchen Regionen bereits von latenter oder weicher Triage: Wenn etwa für einen Schlaganfallpatienten im näheren Umkreis kein Bett in einem spezialisierten Haus mehr frei ist. Oder wenn eine für den nächsten Tag geplante OP mangels Kapazitäten um eine Woche verschoben werden muss, was negative Folgen für den Erkrankten haben kann. „Das ist ein Zwang, in den wir gestoßen werden, der so nicht sein müsste, wenn die Pandemie unter Kontrolle wäre“, sagte der Direktor der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln, Michael Hallek.

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Der „Pflegereport“ der Krankenkasse Barmer dagegen warnte Anfang Dezember: Bis 2030 seien 182.000 zusätzliche Pflegekräfte nötig – und das, obwohl schon jetzt ein Mangel herrscht.

DIVI entwickelte Leitlinie für Triage

Für den Ernstfall, dass tatsächlich schwerwiegende Kapazitätsengpässe auf den Intensivstationen auftreten und triagiert werden muss, hat die DIVI, zusammen mit sieben weiteren Fachgesellschaften, im April vergangenen Jahres einen Leitfaden erstellt. Wichtigstes Kriterium der Triage ist demnach die klinische Erfolgsaussicht.

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Das heißt, es werden – wenn nicht anders vermeidbar – die Patientinnen und Patienten intensivmedizinisch priorisiert, die durch die Maßnahmen eine höhere Überlebenschance haben. Patientinnen und Patienten, bei denen es nur sehr geringe Aussichten gibt, dass sie überleben, werden nicht intensivmedizinisch behandelt. So könne eine Diskriminierung von Erkrankten aufgrund ihres Alters, einer Behinderung oder ihres sozialen Status vermieden werden, heißt es in der Divi-Leitlinie.

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Um die klinische Erfolgsaussicht eines Patienten beurteilen zu können, müssen Medizinerinnen und Mediziner neben dem allgemeinen Gesundheitszustand auch den Schweregrad der aktuellen Krankheit sowie Begleiterkrankungen berücksichtigen. Ebenso müssen sie die Einwilligung des Patienten vor der Aufnahme auf die Intensivstation überprüfen.

Triage-Entscheidungen sollten laut DIVI-Leitlinie immer von mehreren Ärztinnen und Ärzten getroffen werden. Es gilt das Mehr-Augen-Prinzip, wonach Beschlüsse möglichst einstimmig gefasst werden sollten.

Wir haben diesen Text am 28. Dezember 2021 aktualisiert.

RND/lb/dpa/saf

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