• Startseite
  • Gesundheit
  • Triage in Deutschland: Musste eine Klinik in Sachsen, Zittau sich bereits zwischen Patienten entscheiden?

Corona: Sächsische Klinik dementiert Triage-Fälle

  • Das Bundesland Sachsen ist derzeit besonders stark vom Coronavirus betroffen.
  • Im Klinikum Oberlausitzer Bergland in Zittau seien schon mehrfach Patienten triagiert worden – das berichtete der Ärztliche Direktor.
  • Das Krankenhaus bestreitet die Triage-Fälle.
Anzeige
Anzeige

Zittau. Nach den Triage-Äußerungen eines Mediziners aus Zittau hat das Klinikum Oberlausitzer Bergland bestätigt, dass die Corona-Lage dort kritisch ist. Aber: „Eine Situation, wo wir abwägen mussten, hat es bei uns noch nicht gegeben“, sagte eine Sprecherin des Klinikums auf Nachfrage der Leipziger Volkszeitung.

Arzt berichtet von mehrfach getroffenen Triage-Entscheidungen

Ein Reporter des Deutschlandfunks hatte am Dienstagabend getwittert, dass der Ärztliche Direktor des Klinikums, Mathias Mengel, in einem Online-Forum gesagt habe, im Krankenhaus habe schon mehrfach triagiert werden müssen, weil nicht genug Beatmungsbetten zur Verfügung stünden.

Anzeige

Dem Nachrichtenportal „t-online“ erklärte der Mediziner: „Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht.“

Anzeige

Es werde versucht, die Patienten, für die es keine Versorgung gibt, in eine andere Klinik zu verlegen, sagte Mengel demnach. „Aber wir sind im Epizentrum, manche Häuser nehmen gar nicht mehr auf.“ Die Entscheidung könne auch bedeuten, dass es für einen nicht verlegungsfähigen Patienten dann keine entsprechende Hilfe mehr gebe.

Klinikum kämpft mit Kapazitätsengpässen

Anzeige

Der Träger des Klinikums, das Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz, teilte am Mittwoch lediglich mit, dass die Intensivmedizin „an die Grenzen des Leistbaren“ stoße. Die Kapazität der beiden eigens eingerichteten Corona-Infektionsstationen von insgesamt 100 Betten in den beiden Standorten des Klinikums könne nicht ausgeschöpft werden, weil Personal fehle.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Allerdings betonte die Einrichtung, dass alle Patienten, die in die beiden Krankenhäuser kommen, „die bestmögliche Therapie“ erhielten. Sollten die Corona-Stationen keine Patienten mehr aufnehmen können, würden die Erkrankten in die umliegenden Krankenhäuser geflogen. Sollte das auch nicht mehr möglich sein, verschärfe sich die ohnehin angespannte Situation deutlich.

Verlegungen von Patienten sind Einzelfälle

Die Krankenhausleitstelle Ostsachsen bestätigte inzwischen, dass in den vergangenen Tagen „verstärkt“ Patienten aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz – in letzterem liegt das Oberlausitzer Bergland-Klinikum – in entferntere Krankenhäuser verlegt werden mussten. Diese Transporte nach Dresden und Leipzig gebe es immer dann, wenn regionale Krankenhäuser keine Aufnahmekapazitäten für Corona-Patienten mehr hätten, erklärte der Chef der Leitstelle, Christian Kleber, am Mittwoch in Dresden. Die Leitstelle steuert die Kapazitäten in Ostsachsen.

Anzeige
Video
Rekord: 952 Corona-Todesfälle binnen 24 Stunden verzeichnet
0:54 min
Der vorherige Rekord war erst am Freitag erreicht worden.  © dpa

Noch habe es sich um Einzelfälle gehandelt. Es sei aber davon auszugehen, dass die Zahl der Fälle in den kommenden Tagen zunehmen werde.

Divi: Bisher keine Priorisierung von Patienten notwendig

In einer Stellungnahme der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und der Fachgruppe COVRIIN des Robert Koch-Instituts sagte Kleber: „Ich möchte mit Nachdruck deutlich machen, dass es aktuell noch freie Intensivbetten in Sachsen gibt und Patienten über die Krankenhausleitstellen dementsprechend verteilt werden. Bis heute wurden alle Anfragen bezügliches eines Intensivbettes an die Krankenhausleitstellen erfolgreich bearbeitet und zugewiesen.“

Dort heißt es weiter: „Wir stehen derzeit nicht an dem Punkt Priorisierungen von Patienten vornehmen zu müssen!“ Im Falle von regionalen Überlastungen werde auf das Kleeblattkonzept zurückgegriffen. Dabei wird Deutschland in fünf Regionen unterteilt, um Patienten innerhalb dieser zu verlegen. „Jede Region verfügt über einen zentralen Koordinator. Alle fünf besprechen sich derzeit einmal in der Woche“, erläuterte Prof. Jan-Thorsten Gräsner, Mitglied der Fachgruppe COVRIIN.

Sachsens Gesundheitsministerin: Lage in Zittau ist ein „Weckruf“

Der stellvertretende Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft in Leipzig, Friedrich R. München, hatte sich von der Lage im Klinikum Oberlausitzer Bergland überrascht gezeigt. Nach seiner Kenntnis werden alle Patienten, bei denen eine medizinische Krankenhausversorgung indiziert ist, im Krankenhaus Zittau auch versorgt, sagte er der Leipziger Volkszeitung.

Der Landkreis Görlitz gehört zu den absoluten Corona-Hotspots in Deutschland. Nach Angaben des sächsischen Sozialministerium lag die Sieben-Tages-Inzidenz dort am Dienstag bei über 500. Sachsen ist nach Berlin aktuell das Bundesland mit den meisten Corona-Fällen pro 100.000 Einwohner.

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) hatte die Äußerungen des Ärztlichen Direktors als Warnruf verstanden: Man habe in Zittau einen „Weckruf“ gestartet, die Verantwortlichen wollten zeigen: „Wir wissen bald nicht mehr, wie wir die Patienten versorgen sollen“, erklärte die SPD-Politikerin.

Zahl der Corona-Intensivpatienten steigt

In den Kliniken bundesweit ist die Situation derzeit sehr angespannt. Die Zahl der intensivpflichtigen Corona-Patienten steigt seit Ende September kontinuierlich, Ärzte warnen folglich vor einem Mangel an Intensivbetten. Am Mittwoch verzeichnete die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) 4836 Corona-Intensivpatienten in 1290 Krankenhäusern. Mehr als 22.500 Intensivbetten waren belegt, 4546 noch frei.

Klinische Erfolgsaussicht ist wichtigstes Kriterium bei der Triage

Wenn Betten- und Behandlungskapazitäten fehlen, sind Mediziner gezwungen, Triage-Entscheidungen zu treffen. Das Wort Triage stammt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt „die Auswahl“ oder „die Sortierung“. Ärzte müssen in Ernstfällen also darüber entschieden: Welcher Patient erhält das einzig verfügbare Beatmungsgerät? Oder: Sollte die Beatmung eines Patienten gestoppt werden, um ein anderes Menschenleben zu retten?

Das wichtigste Kriterium bei der Triage ist in Deutschland die klinische Erfolgsaussicht. Also – wenn nicht anders vermeidbar – sollen die Patienten intensivmedizinisch priorisiert werden, die durch die Maßnahmen eine höhere Überlebenschance haben. So ist es in der Leitlinie „Entscheidungen über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der Covid-19-Pandemie“ geregelt, die die Divi zusammen mit sieben weiteren Fachgesellschaften veröffentlicht hat.

Patientenwille muss mit einbezogen werden

Um die klinische Erfolgsaussicht eines Patienten beurteilen zu können, müssen Mediziner neben dem allgemeinen Gesundheitszustand auch den Schweregrad der aktuellen Krankheit sowie Begleiterkrankungen berücksichtigen. Auch der Patientenwille muss vor der Aufnahme auf die Intensivstation bedacht werden.

Das Alter oder der soziale Status dürfen als Entscheidungskriterien nicht zugrunde gelegt werden – anders als zum Beispiel in Italien. Dort sollen Mediziner möglichst viele Lebensjahre retten, sprich jüngere Patienten werden bevorzugt behandelt.

Triage-Entscheidungen sollten als Team entschieden werden

In Deutschland ist die Triage umstritten. „Das liegt vor allem daran, dass sie gesetzlich nicht geregelt ist“, sagt Medizinethiker Dieter Birnbacher. Kritikern, die die Triage als Straftat erachten, entgegnet er, dass es sich nicht um aktive Tötung handle. „Hier findet ja lediglich der Verzicht auf eine Behandlung statt. Und zwar nicht aus dem Grunde, dass man konkret Andere schützen will. „Es geht darum, knappe Ressourcen so einzusetzen, dass ein Maximum an Lebenszeit dadurch gerettet wird“, so der Experte.

Eine Triage-Entscheidung sei oft hoch emotional und müsse „in kürzester Zeit“ getroffen werden, weiß auch der Leiter der Geschäftsstelle der Akademie für Ethik in der Medizin, Alfred Simon. Daher müssten solche Entscheidungen im Team getroffen werden. „Keine Einzelentscheidungen“, fordert er.

In vielen Kliniken gebe es dafür ein Priorisierungskomitee – unter anderem in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). „Das Priorisierungskomitee ist hier interdisziplinär zusammengesetzt und besteht aus etwa acht Leuten – darunter Intensivärzte aus verschiedenen Bereichen wie Neurologie, Kardiologie und auch Vertretern des Ethikkomitees“, erklärt Simon.

Damit folgt das UMG einer Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). „Grundsätzlich gilt: Die Entscheidung bei der Triage sollte in einem Team aus mindestens drei Experten mit unterschiedlichen Blickwinkeln gefällt werden“, heißt es auf der Webseite der Fachgesellschaft.

Dieser Text wurde mehrmals aktualisiert.

RND/lb/dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen