Tirschenreuth: Vom Corona-Hotspot zur Corona-Musterregion

  • Im früheren Corona-Hotspot Tirschenreuth gab es in der ersten Welle fünfmal mehr Infektionen als bislang bekannt.
  • Bei Jugendlichen gab es laut einer Studie sogar zwölfmal mehr Fälle, als durch die Teststrategie erfasst worden war.
  • Die hohe Zahl an überstandenen Infektionen ist zusammen mit den Impfungen möglicherweise ein Grund für die heute relativ niedrige Inzidenz in Tirschenreuth, vermuten die Wissenschaftler.
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Hannover. Der Schrecken trug den Namen eines Landkreises in der Oberpfalz: In der ersten Welle der Corona-Pandemie war Tirschenreuth, gelegen im Nordosten Bayerns an der Grenze zu Tschechien, der am stärksten betroffene Kreis ganz Deutschlands. Die Urlaubsrückkehrer aus den Skigebieten, dazu der schöne Brauch des Zoiglbieres, zu dem sich die Menschen gegenseitig nach Hause einladen, und schließlich ein unglücklich beworbenes Starkbierfest („Massenschluckimpfung“ gegen Corona): Alles das sorgte im vergangenen Frühjahr dafür, dass das Virus Tirschenreuth härter traf als jeden anderen Landkreis. Nirgendwo steckten sich, gemessen an der Einwohnerzahl, so viele Menschen wie hier an. Mehr als 11 Prozent der bestätigten Infizierten starben – auch das ein trauriger Höchstwert.

Und heute? Ist Tirschenreuth die bayerische Corona-Musterregion. Mit 65 gibt das Robert Koch-Institut die Inzidenz der Fälle pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen an – der niedrigste Wert im Land. Auf der Karte des RKI ist Tirschenreuth der helle Fleck inmitten von tiefem Dunkelrot. Eine Erklärung dafür könnte eine direkte Folge der heftigen ersten beiden Wellen sein: Wahrscheinlich ist Tirschenreuth dem Rest der Republik auf dem Weg zur Herdenimmunität einfach schon ein gutes Stück voraus.

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80 Prozent der Infektionen wurden nicht erfasst

So legt es zumindest eine Studie nahe, die Wissenschaftler der Universitätskliniken Erlangen und Regensburg im Auftrag des bayerischen Wissenschaftsministeriums erstellt haben. Mehr als 4000 der rund 72.000 Bewohner des Kreises haben die Forscher seit dem letzten Sommer bereits zweimal Blut abgenommen und es auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht. Das wichtigste Ergebnis: Weit mehr Menschen als offiziell bekannt hatten sich mit dem Virus bereits infiziert. Bereits im Juni, am Ende der ersten Welle, verfügten, wie die Wissenschaftler jetzt veröffentlichten, 8,6 Prozent der Tirschenreuther über Antikörper gegen das Virus. „80 Prozent aller Infektionen wurden durch die damalige Teststrategie nicht erfasst“, stellen die Wissenschaftler jetzt fest. Das Dunkelfeld der wirklichen Infektionen war also fünf Mal so groß wie die Zahl der bekannten Fälle. Dabei schwankte dieser Wert noch erheblich zwischen den Altersgruppen: Während bei den Alten fast alle Infektionen erkannt wurden, blieben bei den 14- bis 20-Jährigen, den jüngsten Teilnehmern der Studie, mehr als 90 Prozent aller Fälle unter dem Radar: Die Zahl der wirklich Infizierten war hier zwölfmal größer als die der bekannten Fälle.

Die Wissenschaftler stießen noch auf weitere bemerkenswerte Daten: So hatte medizinisches Personal erwartungsgemäß ein höheres Infektionsrisiko als andere Berufsgruppen. Supermarktangestellte infizierten sich dagegen in Tirschenreuth nicht überproportional oft. Raucher hatten laut der Studie gegenüber Ex- und Nichtrauchern ein dreifach geringeres Risiko, sich zu infizieren – ein Umstand, den die Forscher bislang nicht schlüssig erklären können. Im Raum stehen soziale Erklärungen – Raucher unterhalten sich draußen miteinander, wo das Infektionsrisiko geringer ist – wie auch biologische, zum Beispiel dauerhaft erhöhte Entzündungswerte. Diese erschwerten zwar womöglich eine Infektion, sind aber selbst sehr gesundheitsschädlich, betonen die Wissenschaftler.

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Jeder 40. starb

Auf jeden Fall sank durch das Ausleuchten des Dunkelfeldes auch die Sterberate: Die Infektionssterblichkeit, die das Verhältnis von Verstorbenen zur Gesamtzahl der Fälle angibt, lag demnach in Tirschenreuth bei 2,5 Prozent – ein im Vergleich immer noch hoher Wert, der sich aber durch das höhere Durchschnittsalter im Landkreis und viele Betroffene in Pflegeheimen erklärt.

Lassen sich die Ergebnisse aus Tirschenreuth nun auf ganz Deutschland übertragen? Haben sich überall möglicherweise schon weit mehr Menschen unbemerkt mit dem Virus infiziert als bislang bekannt? Für München hatte eine ähnliche Studie gerade einen Wert von eins zu vier ergeben, also eine viermal höhere Zahl an Infizierten. Studienleiter Prof. Ralf Wagner vom Universitätsklinikum Regensburg hält eine Verallgemeinerung dennoch für schwierig: „Jedes Dunkelfeld ist immer auch ein Ergebnis der jeweiligen Teststrategie.“ So wird heute deutlich mehr getestet als in der ersten Welle – folglich werden auch mehr Fälle entdeckt, das Dunkelfeld ist möglicherweise kleiner.

Tests in Schulen als „extrem sinnvolle Maßnahme“: Studienleiter Prof. Ralf Wagner, Universitätsklinikum Regensburg. © Quelle: Wagner

Für plausibel hält Wagner jedoch, dass die derzeit niedrige Inzidenz in Tirschenreuth schon ein Ergebnis der vielen Immunen im Landkreis sein könnte: „Je mehr Menschen Antikörper aufweisen, desto seltener trifft das Virus auf Menschen ohne Schutz.“ Tirschenreuth würde dann erste Hinweis darauf liefern, ab wann Impfungen zusammen mit überstandenen Infektionen die Übertragung des Virus verlangsamen: Der Landkreis mit seinen 72.000 Einwohnern zählt bislang allein offiziell gut 5100 bekannte Fälle, eine Impfquote von 20 Prozent ergäbe hier zudem bislang rund 14.500 Erstgeimpfte. Möglich sei jedoch auch, dass zwei heftige Infektionswellen mit vielen Toten zugleich das Verhalten der Menschen nachhaltig verändert haben: „Auch diesen Effekt würde ich nicht unterschätzen.“

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Image von den fahrlässigen Virusverbreitern ist „grundfalsch“

Für Wagner sind vor allem zwei Schlüsse aus den Forschungen in Tirschenreuth wichtig: Angesichts der hohen Dunkelziffer unter den Jüngeren sei das regelmäßige Testen in Schulen „eine extrem sinnvolle Maßnahme“. Zudem sei die vorrangige Impfung der Älteren wegen deren deutlich erhöhtem Sterberisiko äußerst wichtig.

Und noch eine weitere Beobachtung will Wagner gerne hervorgehoben wissen: das große Engagement der Tirschenreuther bei der Studie. 64 Prozent der Angeschriebenen hätten mitgemacht und sich Blut abnehmen lassen – ein Spitzenwert, betont Wagner. Ihn persönlich habe zum Beispiel mal ein 80-Jähriger angerufen, der sich dafür entschuldigte, dass sein 102-jähriger Vater leider nicht zum Blutabnehmen kommen könne – ein Zeichen, wie wichtig den Menschen die Studie ist. Das Image von den feierwütigen, fahrlässigen Virusverbreitern, das den Tirschenreuthern nach der ersten Welle anhing, „das ist in jedem Fall grundfalsch“.

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